Ein Traum in Weiß: So wirbt das Stuttgarter Ballett für den Abend „Shades of White“. Foto: Monica Mendes

Traum in Weiß gefällig? Wer’s klassisch liebt, ist zum Spielzeitauftakt beim Stuttgarter Ballett an der richtigen Adresse. Der Abend „Shades of White“ bietet im Opernhaus drei Stunden lang Tütüs und Spitzentanz im Überfluss.

Stuttgart - Weiß, weißer geht nicht! Das Stuttgarter Ballett tanzte zum Saisonauftakt an diesem Samstag im Opernhaus drei Stunden lang so, als wollte die Kompanie Werbung für ein Waschmittel machen: Makellos sauber und herausgeputzt ist wirklich alles an diesem Tütü-Reigen – von der individuellen tanztechnischen Virtuosität, über die lupenrein platzierten Gruppengeometrien bis hin zu den glamourös glitzernden Kostümen.

„Shades of White“ taufte Tamas Detrich den Abend, mit dem er seinen Einstand als Intendant des Stuttgarter Balletts gibt. Drei Mal klassischen Spitzentanz und Tütüs in Hülle und Fülle bietet das Programm. Dass sein Titel sich an der erotischen Roman-Trilogie von E. L. James inspiriert, ist wohl vor allem als Wortspiel gedacht, regt aber doch zu Vergleichen an. Wie „Shades of Grey“ ist dieser Stuttgarter Spitzentanz-Abend in allen Schattierungen des klassischen Balletts ein Bestseller. Die erste Vorstellungsserie im Oktober ist ausverkauft. Und so, wie das Premierenpublikum jeden der drei Teile – John Crankos „Konzert für Flöte und Harfe“ ebenso wie Natalia Makarovas „Königreich der Schatten“ und George Balanchines „Sinfonie in C“ – mit lautem Jubel und vielen Bravo-Rufen feierte, wird auch die zweite Serie mit Vorstellungen rund um Weihnachten und Silvester der Kompanie ein volles Haus bescheren.

Fesselspiele? Nur an den Füßen der Ballerinen

Mit zarten weißen Bändern sind die drei Ballerinen bandagiert, die auf Plakatwänden für „Shades of White“ werben. Und sehr filigran ist auch das Tuch, mit dem im Schattenakt aus dem Ballettklassiker „La Bayadère“ der Held seine Traumfrau an sich binden will. Mehr Bondage-Fesselspiele? Finden ausschließlich an den Füßen der Ballerinen statt, die sich mit fest geschnürten Spitzenschuhen und bewundernswerter Kondition durch drei herausfordernde Stücke tanzen – und für diesen Abend sicher mit der ein oder anderen Blase bezahlen. In Crankos „Konzert für Flöte und Harfe“ fallen dafür zwölf Herren vor zwei Ballerinen auf die Knie und verschenken großzügig zu Mozartklängen Lächeln und Herzen. Wie viele andere Stücke Crankos ist auch dieses eine Hommage an die Gemeinschaft; solistische Parts verteilt er an alle um, jeder darf hier mal ran und eine der Damen heben oder lässig über den Rücken rollen.

Moderner wird der Abend nicht, denn von Cranko aus geht der Blick zurück: Im „Bayadère“-Schattenakt und in Balanchines „Sinfonie in C“ malen präzise Gruppenformationen wunderbar akurat den Hintergrund aus, vor dem die Riege der Stuttgarter Solisten virtuos auftrumpfen darf – ein Balletttraum in Weiß. Und doch, ein bisschen ist „Shades of White“ wie ein dreigängiges Menü, das nur aus zuckersüßen Desserts besteht. Wer klassisches Ballett mag, schwelgt im Glück. Wer John Cranko als dramatischen Geschichtenerzähler und das Stuttgarter Ballett als Choreografenschmiede schätzt, wird sich grandios langweilen.

Vor 22 Jahren gab Reid Anderson seinen Einstand in Stuttgart mit Crankos „Romeo und Julia“. Wie sein Vorgänger verweist auch Tamas Detrich auf das große Stuttgarter Erbe, als sich das erste Mal in seiner Intendanz der Vorhang hebt. Doch während Anderson das Altbekannte nutzte, um eine komplett neue Mannschaft zu präsentieren, ist der Nachrichtenwert von Detrichs Debüt gering, alle drei Stücke des Abends sind in Stuttgart bekannt und auch in der Kompanie gab es kaum Veränderungen. Null Risiko also? Mutig an diesem Abend ist leider allein die Werbung für ihn.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: