Angetrieben vom Willen, noch besser zu werden: der Stuttgarter Tänzer Jason Reilly in „Mono Lisa“ Foto: dpa

Jason Reilly, Erster Solist des Stuttgarter Balletts, spricht über alte und neue Traumrollen und über seine neue Rolle als Vater.

- Stuttgart – -
Glückwunsch, Herr Reilly, Sie werden Vater. Aber was sagen Sie Ihren weiblichen Fans?
Es gibt mehr von mir, was ihr lieben könnt! (lacht). Nein, ernsthaft: Es wird sich nichts ändern, ich mache meine Arbeit wie immer. Ich gehe auf die Bühne, um die Menschen zum Lachen oder Weinen zu bringen, um sie glücklich zu machen.
Bei Tänzerinnen, die nach der Geburt ihres Kindes auf die Bühne zurückkehren, sagt man oft, sie wirken nun reifer. Ist das bei tanzenden Vätern ebenso? Bekommt Tanz dann eine neue Qualität?
Bestimmt, auch wenn ich da noch nicht aus eigener Erfahrung sprechen kann. Aber wenn ich Kollegen sehe, die wie Eric Gauthier Vater sind, dann trifft das auf alle Fälle zu. Seit ich von Annas Schwangerschaft weiß, fühle ich mehr Verantwortung auf mir ruhen und ich nehme die Dinge ernster als davor. Es geht jetzt nicht mehr nur um mich, sondern ich muss ganz andere Sachen bedenken.
Etwas für Tänzer Verrücktes wie „Elternzeit“ planen Sie aber nicht?
Ehrlich, ich habe darüber nachgedacht! Für Tänzer, und besonders für Tänzerinnen, ist es natürlich viel schwieriger als für normale Eltern, lange Zeit aus dem Job auszusteigen. Wir brauchen kontinuierliches Training, um in Form zu bleiben, vor allem in meinem Alter. Ich bin 37, als Tänzer bleibt mir nicht mehr so viel Zeit und es zieht mich auf die Bühne. Drei Jahre Elternzeit werde ich also nicht nehmen, aber ein paar Monate wären schon schön...

Angetrieben vom Willen, besser zu werden

Ein Zeitsprung: Was sagen Sie Ihrer Tochter, wenn sie in zehn Jahren zu Ihnen sagt, dass sie Tänzerin werden will?
Dann sage ich: Okay, aber das bedeutet viel Arbeit, viele Tränen, viele Schmerzen. Willst du das auf dich nehmen? Wenn sie ja sagt, dann werde ich sie unterstützen und versuchen, sie nicht zu sehr zu beeinflussen, damit sie ihren eigenen Weg finden kann. Jedes kleine Mädchen will Ballerina werden; aber ich habe da keine Erwartungen und stelle mir für meine Tochter lieber Judo oder Taekwondo vor, damit sie selber auf sich aufpassen kann.
Fühlt sich Ihr Beruf für Sie niemals als Routine an, der einem mit täglichem Training und den Schmerzen zu viel wird?
Niemals, keine Frage! Sicher, es ist eine Arbeit, die einen körperlich enorm fordert. Von morgens bis abends bin ich in Bewegung, tanze, springe, hebe. Immer gibt es ein Gefühl der Müdigkeit, eine Körperstelle, die weh tut, etwas, das stört. Trotzdem ist da diese Energie und der Wille, besser zu werden, der mich antreibt. Besonders schlimm ist es dann, von einer Verletzung wie der jetzt am Daumen ausgebremst zu werden.
Vor einigen Jahren nannten Sie in einem Interview John Neumeiers Othello als Traumrolle - und Reid Anderson hat prompt reagiert. War es dann auch eine Traumrolle?
Mehr als das! „Othello“ ist ein Meisterwerk, von dem ich als Tänzer und Zuschauer nicht genug bekommen kann. Alles an diesem Ballett ist perfekt: Musik, Kostüme, die Einfachheit der Bühne, die Tiefe eines jeden Charakters. Tänzerisch ist es ein wirklich anspruchsvolles Stück, Othello zum Beispiel ist die meiste Zeit auf der Bühne und es gibt keinen Moment, in dem man in dieser Rolle Zeit zum Nachdenken hat und sich all diese Emotionen setzen können. Es ist eine Achterbahn der Gefühle: Othello startet so stark, so motiviert, am Ende ist er gebrochen, verloren und einsam.

„Wir Tänzer sind eigentlich genügsam“

Haben Sie schon eine neue Traumrolle?
Ja – den Des Grieux in „Manon“ will ich unbedingt einmal tanzen. Zweimal war ich als Gast kurz davor, aber dann haben sich die Angebote wegen Verletzungen und Terminschwierigkeiten zerschlagen. Dieses Ballett von Kenneth MacMillans ist ein toller Mix aus „Onegin“ und „Kameliendame“.
Sie haben mit vielen Choreografen zusammengearbeitet. Wer hat Sie am meisten verblüfft?
Sie überraschen mich alle. Es sind tolle Künstler, die uns Tänzern ihre Schöpfungen anvertrauen und wollen, dass wir ihrer Fantasie Gestalt geben. Jeder Choreograf ist anders in der Herangehensweise. Die Zusammenarbeit mit ihnen, ihre Energie und Kreativität zu spüren, ist ein wichtiger Grund, warum ich meinen Beruf so liebe.
Werden Sie Ihren Beruf auch lieben, wenn Sie bei der anstehenden Opernhaussanierung in einem versteckten Winkel Stuttgarts auftreten müssen?
Das macht mir keine Angst. Die Renovierung ist wirklich nötig, das Opernhaus wurde viele Jahre lang vernachlässigt. Dass Künstler deswegen abwandern? Tänzer hoffentlich nicht, wir sind eigentlich genügsam: So lange wir einen Ballettsaal, eine Garderobe und eine Bühne haben, sind wir glücklich. Wünschenswert wären natürlich angemessene Bedingungen; optimal wären wirklich gute. Am wichtigsten aber ist unser Publikum: Der Ort muss für unsere Zuschauer ansprechend und gut erreichbar sein.
Wenn man Sie auf der Straße trifft, würde man sagen: ein Rapper. Wie fühlt es sich für jemand mit Urban Style an, abends in Strumpfhosen Prinzessinnen zu retten?
Das gehört zu meinem Beruf – für mich ist das so normal wie wenn andere abends den Pyjama anziehen, bevor sie ins Bett gehen. Nach mehr als zwanzig Jahren fühlt es sich für mich manchmal eher komisch an, nicht im Balletttrikot zu stecken.

„Andere schicken Postkarten, ich sammle Tattoos“

Sie lieben Tattoos. Stört sich niemand daran?
Ich warne die Choreografen immer vor, wenn sie mit mir zusammenarbeiten wollen. In den meisten Fällen macht das keinem etwas aus; ganz selten sagt einer, dass er erst noch bei der Hauptprobe auf der Bühne schauen will, wie das wirkt. Überschminken musste ich sie bislang nie. Und bei klassischen Balletten sind meine Tattoos ja unter den langärmligen Kostümen verborgen.
Haben die Motive eine Bedeutung? Wann kommen neue dazu?
In jedem neuen Land, in jeder neuen Stadt, in die ich reise, kommen weitere dazu. Andere schicken Postkarten, ich sammle Tattoos. Dieses hier zum Beispiel (zeigt auf ein Tattoo am Unterarm, das aussieht wie ein Teletubbie) ist eine russische Comicfigur, die ich aus Moskau mitgebracht habe, das daneben, der Pinguin, ist eine tschechische Figur aus Prag. Und das Motiv hier am Finger kommt aus Argentinien.
In nächster Zeit wird Ihre Sammlung nicht so sehr wachsen, oder?
Nein, ich habe wegen der Geburt meiner Tochter, die Ende April sein soll, alle Gastauftritte bis September abgesagt; ich möchte bis dahin an der Seite von Anna sein und sie bei allem begleiten. Außerdem will ich in Ruhe meine Verletzung auskurieren, die ich mir bei einer Hebung in „Der Widerspenstigen Zähmung“ geholt habe; die gerissenen Bänder am Daumen mussten operiert werden. Ich hoffe, dass ich in zwei Wochen das Training intensivieren und Mitte Dezember wieder mit den Proben anfangen kann. Läuft alles gut, bin ich für den Ballettabend „Verführung“ zurück auf der Bühne.
Die Staatstheater haben Sie vergangene Saison zum Kammertänzer ernannt. Bindet Sie dieser Titel noch mehr an dieses Theater und das Stuttgarter Ballett?
Ich habe hart gearbeitet, um diesen Titel zu bekommen. Und jetzt arbeite ich noch härter, um zu beweisen, dass ich ihn verdient habe und um niemanden zu enttäuschen. Er ist ein weiterer Grund, um mich jeden Tag im Ballettsaal und auf der Bühne zu Höchstleistung zu motivieren.
Ihre Aufgabe sei es, sagten Sie bei den Proben zu Itzik Galilis „Mono Lisa“ über Alicia Amatriain, Ihre Bühnenpartnerin gut aussehen zu lassen. In der vergangenen Spielzeit regnete es Auszeichnungen auf Ihre Kollegin. Sind Sie enttäuscht, wenn die Preise an Ihnen vorbeigehen?
Nein, auf keinen Fall. Alicia ist eine besondere Ballerina. Zu wissen, dass ich vielleicht zu diesen Auszeichnungen ein bisschen beitragen konnte, macht mich glücklich und stolz. Weil ich sie zu vielen Galas begleiten durfte wie zu der für den Prix Benois in Moskau, fühle mich als Teil dieser Ehrungen – und das ist sehr schön.

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