Thomas Mörsberger (hier in Athen) lernte John Cranko 1967 zufällig in einer Taverne auf Samos kennen. Foto: privat/TM

Der Spielfilm „Cranko“ ruft bei älteren Kinogängern persönliche Erinnerungen wach – zum Beispiel an eine besondere Urlaubsbekanntschaft in Griechenland.

John Cranko ist zurück. Nach dem Tod des Choreografen sind seine Ballette sehr präsent geblieben. Nun tritt dank des Spielfilms „Cranko“ auch der Künstler selbst wieder ins Rampenlicht. Die beeindruckende Performance des Schauspielers Sam Riley frischt bei manchen Kinogängern alte Erinnerungen auf – an die bunte Truppe etwa, mit der Cranko die Stuttgarter Nächte in der griechischen Kneipe Pireus aufmischte.

 

Mit Griechenland hat auch die Anekdote zu tun, die der Filmstart in Thomas Mörsberger wachrief. So intensiv, dass der Jurist sich im Urlaub hinsetzte und sie aufschrieb. Bei Rückfragen am Telefon ging‘s dann nicht nur um die „originelle Zufallsbegegnung mit John Cranko auf Samos im Herbst 1967“, wie Mörsberger seine Erinnerung überschrieb, sondern auch darum, wie Kunst im besten Fall ihre Protagonisten emanzipieren kann.

Cranko ermunterte alle zum Selbermachen

Cranko, der alle, die am Entstehen seiner Ballette beteiligt waren, zum Mit- und Selbstgestalten einlud, hat da ein reiches Feld hinterlassen. Bekannte Choreografen, deren Karrieren in Stuttgart wurzeln, bezeugen das. Dass er auch Außenstehende wie einen Abiturienten aus Köln für die Kunst gewann, ist eine Geschichte, die einen weiteren Film wert wäre. Doch der Reihe nach.

„September 1967. Ich hatte gerade das Abitur hinter mich gebracht, mein Jura-Studium noch nicht begonnen und auf einer Spontan-Reise (heute würde man sagen: als Rucksacktourist) in Samos Station gemacht“, schreibt Mörsberger. Am Telefon erklärt er, dass er eigentlich um Griechenland, in dem sich im April 1967 das Militär an die Macht geputscht hatte, einen Bogen machen wollte.

Doch der Zufall und die Bekanntschaft mit der Münchner Malerin Marietta Merck führte den jungen Mann auf Samos in eine abgelegene Taverne, in der, wie seine neuen Reisebegleiter warben, die Bauern so toll tanzten.

Griechischer Tanz, elegant überhöht

„Im Laufe des Abends kamen jedoch zwei Fremde in die Taverne“, geht Mörsbergers Bericht weiter, „für griechische Verhältnisse ungewöhnlich gekleidet, nämlich in weißen, leichten, aber wallenden Gewändern. Sie begannen sogleich zu tanzen, aber in einer Art, die uns in Staunen versetzte. Neben den einheimischen Bauern, die im Stile von Alexis Zorbas so herrlich bodenverbunden tanzten, war es doch ein unvergleichliches Schauspiel, diese beiden weißgewandeten Männer zu erleben, die zwar griechische Tanzformen aufgriffen, aber in extrem eleganter Form überhöhten. Alle klatschten Beifall und die beiden setzten sich zu uns an den Tisch.“

Im Gespräch ging es natürlich darum herauszufinden, warum die beiden sich so gut bewegten. Ballett? Stuttgart? „Oh“, platzte es aus dem Rucksacktouristen heraus, der wenige Monate vorher das Stuttgarter Ballett in der Kölner Oper erlebt hatte, „bei John Cranko!“ „Ja ja, bei John Cranko“, habe sein Nebensitzer lächelnd geantwortet, schreibt Thomas Mörsberger und weiter: „Wir plauderten über Gott und die Welt, bis mir Marietta die neueste Ausgabe der amerikanischen Zeitschrift ,Time‘ in die Hand drückte, die sein Tanzpartner ihr gerade gezeigt hatte. Auf dem Titelblatt ein großes Porträtfoto mit der Bildunterschrift: ,John Cranko, the most famous choreographer of the world‘. Die Pointe liegt auf der Hand: Neben mir saß John Cranko!“

Sirtaki-Kurs bei John Cranko

In den nächsten Tagen genoss der junge Tourist das Privileg, vom weltberühmten Künstler persönlich in den griechischen Tanz eingeführt zu werden.

Seine Freunde seien, begeistert von Crankos freundlicher Art, nach ihrer Rückkehr in die Heimat bald nach Stuttgart gereist.

„Marietta rief mich danach an und sagte: ,Du meine Güte, wir wussten ja gar nicht, welch ein Star der in Stuttgart ist! Wir sind gar nicht zu ihm vorgedrungen…‘“

Ein Star, nicht nur in Stuttgart: John Cranko (Mitte) mit Marcia Haydée und Walter Erich Schäfer Foto: dpa

Die Begegnung mit dem Choreografen, diese Erkenntnis ließ auch der Film „Cranko“ in Thomas Mörsberger reifen, sei enorm bedeutsam für sein ganzes Leben gewesen; Weltoffenheit, mehr Menschlichkeit sind die Stichworte.

Ein erster Effekt der neuen Impulse war seine Teilnahme an einem Theaterprojekt der Tänzer Gerda Daum und Frank Frey. Für die kritische Aufarbeitung des Ballettbetriebs, zu der später Bruno Ganz als Sprecher stieß und die 1974 mit dem deutschen Kritikerpreis ausgezeichnet wurde, stellte Mörsberger sein Jurastudium hinten an.

Scheitern als Möglichkeit der Kunst

„Wie schwer es ist, eigene Erfahrungen zu verstehen“ hieß die Produktion nach einem Zitat von Martin Walser und versuchte, die klassische Hierarchisierung in den Bühnenkünsten – oben das autoritäre Künstlergenie, unter ihm sein Menschenmaterial – in Frage zu stellen.

Im November 1973 war die Produktion von der Noverre-Gesellschaft zu einem Gastspiel nach Stuttgart eingeladen. Das Wiedersehen mit Cranko, auf dessen Reaktion Thomas Mörsberger gespannt war, wurde vom plötzlichen Tod des Choreografen vereitelt. An das, was die neben ihm sitzende Marcia Haydée dem jungen Mann ins Ohr flüsterte, kann er sich bis heute erinnern: „Sie sagte sinngemäß: ,Ich finde euren Ansatz richtig und gut, aber ihr werdet scheitern!‘“

Info

Zur Person
Der Jurist Thomas Mörsberger leitete bis 2004 das Landesjugendamt Baden in Karlsruhe und engagiert sich bis heute in der Kinder- und Jugendhilfe. In der Zeit zwischen 1972 und 1974 war er als Geheimkurier für den späteren griechischen Ministerpräsidenten Kostas Simitis in Griechenland unterwegs, der damals in Deutschland im Exil lebte, und hat später zeitweise in dessen Athener Büro gearbeitet.

Athen
John Cranko reiste häufig nach Griechenland, oft mit dem Pireus-Wirt Nico Kallergis an seiner Seite. Als der Bühnenbildner Jürgen Rose das erste Mal nach Griechenland aufbrach, erhielt er klare Anweisungen. Wie sich Rose 2007 in einem Interview erinnerte, habe Cranko ihm mit leuchtenden Augen geraten: „Du musst allein vor Sonnenaufgang auf die Akropolis; dort steigst du barfuß die Marmorstufen hinauf, betrachtest die Koren und schaust in die Weite – dann begreifst du, was Griechenland ist.“

Film
Joachim A. Langs Spielfilm „Cranko“ läuft seit 3. Oktober in den Kinos und stand nach Gesamtbesucherzahlen am dritten Wochenende auf Platz 5 der Arthouse-Charts.