Martí Paixà, hier mit Rocio Aleman in Marco Goeckes Duett „Nachtmerrie“, ist einer der vielseitigsten Solisten des Stuttgarter Balletts. Foto: Roman Novitzky

Tanz verleiht Flügel: Martí Paixà, Erster Solist des Stuttgarter Balletts, ist nach einer schweren Verletzung mit neuer Stärke zurück auf der Bühne.

Fliegen wie Peter Pan? Diesen Wunsch äußerte Martí Paixà, nachdem er als Dreijähriger eine Kindertheatervorstellung gesehen hatte. Und wie Eltern so sind: Sie machen alles möglich, aber eben auf ihre Art. So landete der katalanische Bäckersohn, der heute einer der vielseitigsten Solisten des Stuttgarter Balletts ist, in der Escola de Dança i Musica seines Heimatortes Montbrió del Camp.

 

Tatsächlich verleiht der Tanz Martí Paixà bis heute Flügel. „Wenn ich zum Beispiel den Armand in der ,Kameliendame‘ tanze, dann trägt mich dieses Ballett ins 19. Jahrhundert, nach Paris, in eine Welt extremer Gefühle“, sagt der Tänzer beim Treffen im Opernhaus. „All die Rollen, die ich tanzen darf, die Länder, in denen wir auftreten: meine Arbeit ist wie ein Flug durch die Ballettwelt.“

Verletzungspause als herausfordernde Zeit für den Tänzer des Balletts Stuttgart

Wer Martí Paixà derzeit in der Hauptrolle des „Nussknackers“ erleben darf, der entdeckt beim finalen Pas de deux einen Tänzer, der die Befreiung von den Fesseln eines Fluchs mit besonderer Hingabe interpretiert. Das Happy End, bei dem der Nussknacker seine hölzerne Hülle knackt, mag dem Tänzer nach einer Verletzung im Sommer so richtig aus der Seele sprechen. Damals war Martí Paixà nach dem Auftritt bei einer Gala in Italien mit einem gelähmten Bein aufgewacht. „Drei Tage im Rollstuhl, drei Wochen an Krücken: Es war ein Weg durch die Hölle, weil ich nicht wusste, ob ich irgendwann wieder laufen, geschweige denn wieder tanzen könnte“, blickt er zurück.

Die Diagnose ließ auf sich warten. Und so war der Tänzer, der nie einen Plan B hatte, plötzlich gezwungen, über Alternativen nachzudenken. Zurück zu den Eltern in die Bäckerei? „Ich habe vieles durchgespielt. Doch nichts erfüllt mich so wie die Ballettwelt, in die wollte ich unbedingt zurück“, sagt Martí Paixà. Dank der Reha-Künste der Stuttgarter Ballettmeisterin Liz Toohey gelang ihm das schneller als prognostiziert. Die Gastspiele in New York und Washington fanden ohne ihn statt, doch schon in Shanghai war er wieder dabei.

Martí Paixà in „Siebte Sinfonie“ von Uwe Scholz Foto: Roman Novitzky

„Ich fühle mich stärker als vor der Verletzung“, sagt Martí Paixà heute. Spezielle Aufwärmübungen helfen ihm nun bei der Fokussierung auf das, was eine Rolle seinem Körper abverlangt. Und große Rollen hat sein Repertoire einige zu bieten. Romeo? „Er ist spontan, jung und mir damit eigentlich am nächsten. Ich mag es, mich in diese Rolle fallen zu lassen und romantisch zu sein“, sagt Martí Paixà. Onegin? „Das Schwierige an der Rolle ist, dass man diesen Charakter nicht im Lauf der Aufführung entwickeln kann, sondern in Zeitsprüngen ganz unterschiedliche Zustände zeigt“, verrät der Tänzer. „Onegins Auftritte sind kurz und es bleibt wenig Zeit, um dem Publikum die veränderte Situation zu verdeutlichen.“

Ballettstar aus Stuttgart hat bis heute Unterstützung von der Familie

Könnte sich der 30-Jährige vorstellen, auch mal bei einer anderen Kompanie zu landen? Von Beginn an, erzählt der Katalane, den ein Stipendium des Berliner Tanzolymps und die Vermittlung von Tadeusz Matacz 2011 im Alter von 15 Jahren an die Cranko-Schule brachte, habe er sich in Stuttgart sehr wohl gefühlt. „Schon am ersten Tag, als mich meine Eltern im Internat absetzten und die gute Atmosphäre gespürt haben, war uns klar: Das kann gut werden. Ich selbst war einfach nur glücklich darüber, nun 24/7 in der Ballettbubble zu sein.“ Bis heute sind seine Eltern bei fast jedem großen Debüt dabei.

Gegen Ende der Ausbildung musste Martí Paixà nicht lange nach neuen Perspektiven suchen. Noch heute ist er glücklich darüber, dass er 2014 als Eleve beim Stuttgarter Ballett einsteigen konnte. Die Zeit seither ist für ihn wie im Flug vergangen. „Es gab hier kein Jahr, in dem ich nicht mit einer neuen Herausforderung konfrontiert war“, sagt Martí Paixà. Ob Basilio in „Don Quijote“, Prinz Désiré in „Dornröschen“ oder Richard Cragun im Kinofilm „Cranko“: Der Katalane, seit 2021 Erster Solist, hat viele Höhenflüge erlebt und freut sich auf weitere Entdeckungen. Den Albrecht in „Giselle“ zum Beispiel würde er gern einmal tanzen, um in die romantische Welt der Willis abzutauchen.

Diese Tanzgeister müssten auf einen wie Martí Paixà geradezu warten. Wenn er die Wahl hätte zwischen einem Solo und einem Pas de deux, sagt er, würde er immer den Pas de deux wählen. „Ich bin gern im Dialog mit anderen und schätze ihr Feedback. Außerdem erspüre ich gern, was eine Tänzerin braucht, damit sie sich gut fühlt.“

Richtig gut scheint sich auch der Katalane am Ende eines herausfordernden Jahres zu fühlen. Mit einem strahlenden Lächeln erzählt er von einem besonderen Höhepunkt – der Ernennung zum Ehrenbürger seines Heimatortes, die mit einer bunten Live-Performance gefeiert wurde. „Ich bin der erste, der den Preis bereits zu Lebzeiten erhalten hat“, sagt Martí Paixà nicht ohne Stolz. Er soll den Namen von Montbrió del Camp, so der Wunsch des Bürgermeisters, in die Welt tragen. Das tut der Solist bei jeder Gala-Einladung – und würde doch zu gern auch einmal mit dem Stuttgarter Ballett im Liceu, dem Opernhaus von Barcelona, tanzen.

• Die nächsten Auftritte von Martí Paixà als Nussknacker sind am 26. und 30. Dezember.

• „Nussknacker“-Vorstellungen gibt es bis zum 2. Januar im Opernhaus; für alle gibt es nur noch Restkarten an der Abendkasse.

Von der Bäckerei auf die Ballettbühne

Termin
Die nächsten Auftritte von Martí Paixà als Nussknacker sind am 26. und 30. Dezember im Stuttgarter Opernhaus. „Nussknacker“ tanzt das Stuttgarter Ballett bis zum 2. Januar; für alle Vorstellungen gibt es nur noch Restkarten an der Abendkasse.

Vita
Martí Paixà erhielt in Montbrió del Camp, wo seine Eltern eine Bäckerei betreiben, seinen ersten Ballettunterricht. 2014 schloss er seine Ausbildung an der John-Cranko-Schule in Stuttgart ab. Als Erster Solist des Stuttgarter Balletts, zu dem er 2021 befördert wurde, tanzt er in Choreografien von Frederick Ashton, Maurice Béjart, John Cranko, Marco Goecke und vielen anderen.