Mikhail Agrest (links) wurde als Musikdirektor des Stuttgarter Balletts entlassen. Der Intendant Tamas Detrich nennt dafür mehrere Gründe. Foto: imago/Itar-Tass, Lichtgut/Piechowski

Nach dem Wirbel am Stuttgarter Ballett um die Entlassung des Musikdirektors äußern sich der Intendant Tamas Detrich und der geschasste Mikhail Agrest zu dem Vorfall.

Stuttgart - Die Tänzerin Alicia Amatriain beschrieb einmal die herausragende Qualität des Stuttgarter Balletts mit seinem starken Kollektiv, das über allem stehe: „Beim Stuttgarter Ballett gibt es nicht den einen Star, hier ist die Kompanie der Star“, sagte die Solistin. Die Trennung des Stuttgarter Balletts von seinem Musikdirektor Mikhail Agrest und der dadurch in die Öffentlichkeit getragene Eklat vermitteln allerdings einen anderen Eindruck.

 

Bei einer Bühnenprobe für die Wiederaufnahme von Crankos „Onegin“ am 13. Oktober scheinen künstlerische Einzelinteressen so vehement aufeinandergetroffen zu sein, dass Intendant Tamas Detrich seinem Musikdirektor zwei Tage später die fristlose Kündigung aussprach. Im Fokus des öffentlichen Interesses steht neben Agrest auch Reid Anderson; der ehemalige Intendant des Stuttgarter Balletts war als Coach, der die Einstudierung von John Crankos Werken begleitet, bei der Bühnenprobe zugegen.

Verfahren am Bühnenschiedsgericht ist noch nicht abgeschlossen

Agrest hat gegen diese außerordentliche Kündigung geklagt; am Montag dieser Woche wurde der Fall vor dem Bühnenschiedsgericht in Frankfurt am Main verhandelt. Das Verfahren ist noch nicht abgeschlossen, wie die zuständige Obfrau mitteilt, sie will den Parteien einen Vergleichsvorschlag zur gütlichen Beilegung der Streitigkeiten unterbreiten.

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Während Ralf Becht, Personaldirektor der Staatstheater, vor dem Eintreffen dieses Vorschlags keine „weiteren Aussagen in der Sache treffen will“, teilte das Stuttgarter Ballett direkt nach der Verhandlung die Trennung von seinem Musikdirektor mit. „Vergangene und aktuelle Ereignisse“ würden ihn zu dieser Entscheidung zwingen, so der Intendant Tamas Detrich, der im Verhältnis zu seinem Dirigenten das Vertrauen vermisst. „Anstatt dessen fand und findet eine Polarisierung statt, die ich äußerst bedauerlich finde.“

Detrich: Agrest zeigt sich in der Opferrolle

Mikhail Agrest zeigt sich von der schnellen Pressemitteilung des Stuttgarter Balletts überrascht. „Die Parteien hatten sich ursprünglich darauf verständigt, dass während des laufenden Rechtsstreits keine Erklärungen gegenüber der Presse abgeben werden“, schreibt der Dirigent in einer Stellungnahme, die er unserer Zeitung zukommen ließ. Nun sehe auch er sich zu einer Reaktion veranlasst. „Soweit die Pressemitteilung von einer Trennung spricht, ist dies sicherlich zum jetzigen Zeitpunkt in Anbetracht des laufenden Verfahrens verfrüht.“

Tamas Detrich wiederum sah sich vom Verhalten seines Musikdirektors unter Zugzwang gesetzt: „Ich weiß, dass Mikhail Agrest direkt nach der Verhandlung mit Journalisten gesprochen und auch schon im November ein Interview gegeben hat. Dabei zeigt er sich grundsätzlich in der Opferrolle, während wir uns bis gestern an das Stillschweigen gehalten haben. Durch die Anwesenheit der Presse beim Gerichtstermin sah ich mich gezwungen, zumindest kundzutun, warum es dazu gekommen ist.“

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Was also ist am 13. Oktober in der „Onegin“-Probe passiert? „Es kam hierbei zu Diskussionen im künstlerischen Bereich mit Herrn Reid Anderson. Ein pflichtwidriges Verhalten meinerseits kann hierin nicht gesehen werden“, schreibt Mikhail Agrest. Tamas Detrich hat die Bühnenprobe anders erlebt. Agrest, der das Ballett „Onegin“ erstmals musikalisch leiten sollte, habe die Solisten mit so extrem langsamen oder schnellen Tempi konfrontiert, dass Crankos Choreografie dazu nicht tanzbar gewesen sei, berichtet der Intendant.

Auf Änderungswünsche von Anderson und den Solisten hätte der Dirigent mit Unverständnis und dem Verweis auf seinen künstlerischen Anspruch reagiert – unter Applaus des Orchesters. „Das war für mich schwer zu ertragen“, sagt der Intendant; durch Gespräche mit Musikern und Orchestervorstand, so Detrich, habe er später versucht, die Wand wieder abzutragen, die durch diesen Vorfall zwischen Orchester und Ballett aufgebaut wurde. „Ein Dirigent sollte eigentlich ein Bindeglied sein“, so Detrich. „Ich habe dieses Ballett überall in der Welt einstudiert und mit vielen Dirigenten gearbeitet, nirgendwo gab es solche Auseinandersetzungen.“

Textnachrichten während einer „Dornröschen“-Probe

Reid Anderson habe infolge des Streits die Probe verlassen, die Detrich, wie er schildert, dann alleine zu Ende führte. „Wir hatten nur eine Bühnenorchesterprobe“, so der Intendant. „Warum hat Mikhail Agrest nicht schon im Vorfeld um ein Gespräch gebeten, in dem er hätte schildern können, dass er eine andere Vision davon hat, wie man Tschaikowskys Musik dirigieren könnte? Stattdessen sabotierte er die einzige Bühnenprobe eines Tänzers, dessen wichtigstes Rollendebüt anstand.“

Agrest will auch auf Nachfrage Details des Vorfalls zum jetzigen Zeitpunkt nicht kommentieren. In seiner Stellungnahme weist er darauf hin, dass es in der bisherigen Zusammenarbeit „zu keinem Zeitpunkt Beanstandungen in Bezug auf meine Tätigkeit als Dirigent/Musikdirektor des Balletts“ gegeben habe.

Tamas Detrich zählt jedoch weitere Gründe auf, die ihn zu seiner Entscheidung bewogen hätten, unter anderem, dass es schon vorher Unzufriedenheit bei den Tänzern gegeben habe. Auch habe Agrest während einer „Dornröschen“-Probe Textnachrichten ins Handy getippt, statt sich die von den Tänzern benötigten Tempi zu merken. „Ich brauche einen Dirigenten, dem ich vertrauen und dem ich alle Ballette vorbehaltlos anvertrauen kann“, betont Detrich auch mit Blick auf die Tourneetätigkeit seiner Kompanie.

Wenn Kunst zum Streitfall wird

Schlichtung
Die Bühnenschiedsgerichte sind paritätische Einrichtungen der Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger und des Deutschen Bühnenvereins. Die für Baden-Württemberg zuständige Stelle ist am Landesarbeitsgericht in Frankfurt am Main untergebracht.

Ballett
Die Kunst steht im Vordergrund, wenn das Stuttgarter Ballett an diesem Freitag im Opernhaus Kenneth MacMillans „Mayerling“ wieder aufnimmt. Die Hauptrollen tanzen Friedemann Vogel und Elisa Badenes. Die musikalische Leitung des Staatsorchesters liegt bei Wolfgang Heinz.