Raus aus den Zwängen, rein in den Tod: Elisa Badenes und Friedemann Vogel in einer der letzten Szenen von „Mayerling“ als Baronesse Mary und Kronprinz Rudolf. Foto: Stuttgarter Ballett

Vier Leichen in drei Akten, aber es sind nicht die Todesfälle, die „Mayerling“ in Stuttgart zum Hingucker machen. Am Ende gab es viel Applaus für tolle Protagonisten und den heimlichen Star des Abends – Jürgen Roses Ausstattung.

Stuttgart - Wow, was für ein Aufwand! Jürgen Rose hat, als er Kenneth MacMillans Geschichtsdrama „Mayerling“ für das Stuttgarter Ballett neu ausstattete, wirklich an alles gedacht: an klaren, roten Wein im letzten Glas, das Rudolf hebt, an Trinkbecher im Picknickkorb der Jagdgesellschaft, an Blut auf dem Fell des erlegten Hirschs. Und erst die Kleider der Damen am Wiener Hof! Eines erlesener als das andere, machen sie mit raffinierten Details staunen; sie umspielen die Körper, fliegen so luftig im Tanz, dass sie fast zu zusätzlichen Darstellern werden.

Knapp 200 Kostüme hat Jürgen Rose für dieses Ballett gestaltet, fast jedes sieht anders aus, hat ein feines Detail, das es heraushebt. Zehn verschiedene Räume machen mit halb-transparenten, skizzenhaft leichten Prospekten und alten, dunklen Möbelstücken „Mayerling“ zum Hingucker in geschichtsträchtigem Schwarzweiß. Und so gehen dem Publikum drei Akte lang die Augen über, bis es sich bei der Premiere am Samstag im Opernhaus nach drei prallen Ballettstunden mit einem kollektiven, fast erlösenden Jubelschrei bedanken darf. Ja, es gibt auch sehr, sehr viel und verdienten Applaus für die beiden Hauptdarsteller Friedemann Vogel und Elisa Badenes. Doch Jürgen Rose wird an der Stelle, wo am 2. Dezember 1962 mit der Premiere von John Crankos „Romeo und Julia“ auch seine Karriere als Bühnenbildner begann, gefeiert wie ein verlorener Sohn bei der Heimkehr.

Für Rose schließt sich ein Kreis

Der schüttet mehr als ein halbes Jahrhundert und ein ganzes Berufsleben später seinen gesammelten Erfahrungsschatz noch einmal vor dem Stuttgarter Publikum aus. Nicht umsonst haben ihn der neue Ballettintendant Tamas Detrich und seine Vorvorgängerin Marcia Haydée, die bei der Premiere selbst neben den beiden anderen Altstars Egon Madsen und Georgette Tsinguirides am Wiener Hof auftritt, aus dem Ruhestand zurückbeordert. Man sieht und spürt an diesem Abend, wie sich für Jürgen Rose ein Kreis schließt – und das ist vielleicht der emotionalste Moment, den diese Premiere zu bieten hat.

Denn trotz des immens hohen Einsatzes aller Beteiligten gelingt es diesem Ballett nur schwer, uns mit seiner Hauptfigur mitleiden zu lassen. Dass das 1978 in London uraufgeführte Stück an so wenig anderen Orten getanzt und erst jetzt von einer deutschen Kompanie übernommen wird, liegt nicht nur am ausstatterischen Aufwand, den es erfordert. Zu individuell und damit zu wenig exemplarisch gestaltete MacMillan die letzten Lebensjahre des österreichisch-ungarischen Thronfolgers. Von der Pflichtheirat mit der belgischen Prinzessin Stephanie bis zum Freitod auf dem Jagdschloss Mayerling, wo sich Rudolf 1889 gemeinsam mit der Baronesse Mary Vetsera das Leben nimmt, sehen wir einen Mann, den Muff und Manierismen der Monarchie langweilen, der durch Liebesaffären rebelliert und sich mit Drogen betäubt.

Ein Eitler zerbricht am Ennui

Dass Rudolf ein wissenschaftlich interessierter, liberal denkender Geist war, der auch an den politischen Umständen scheiterte, deutet in Stuttgart zumindest das Bühnenbild an. Im Schlafzimmer stapelt Rose ausgestopfte Vögel, an die Wand des Separatisten-Lokals, in dem Rudolf seine ungarischen Freunde trifft, beschreiben Graffiti Rudolfs Haltung. „Freiheit“, „Frankreich“, „Republik“, „Rudolf als Präsident“ steht da.

Friedemann Vogel aber muss einen Eitlen spielen, der am Ennui und sich selbst zerbricht, der Morphium spritzt und auf der Suche nach einer inneren Wahrheit das Weiße der Augen herausdreht, dazu den Kopf wie in Ekstase in den Nacken legt. Zweifel, Zerrissenheit und Zwänge macht MacMillan in jeder Bewegung sichtbar, schon die ersten Sprünge Friedemann Vogels beim Hochzeitsfest wirken, als wollten sie in der Luft die Richtung ändern. Die Pas de deux, in denen Rudolfs Verhältnis zu Frauen durchdekliniert wird, sind verwickelt und verwinkelte Zweikämpfe. Diesen choreografischen Kraftakten, die ihren Protagonisten das Äußerste abverlangen, stehen tänzerisch eher dürftige Gruppenszenen gegenüber, ein paar Walzerschritte hier, ein bisschen Tavernen-Erotik dort. Nur Adhonay Soares da Silva als Kutscher und die vier ungarischen Offiziere Rudolf dürfen bleibende Eindrücke hinterlassen.

Dafür lassen Friedemann Vogels Begegnungen dem Publikum fast den Atem stocken, da sie einen Tänzer in einer der wichtigsten Rollen seines Lebens zeigen: Bei seiner Mutter Elisabeth findet er kein Gehör, kühl kehrt Miriam Kacerova dem Sohn den Rücken, zeigt die harte Haltung einer, die sich selbstverliebt spiegelt. Alicia Amatriain verwickelt ihren ehemaligen Geliebten Rudolf schlangengleich in eine Affäre mit Mary und zieht intrigant an den Fäden. Während der Tanz mit seinen Gesten und Fingerzeigen manchmal wirkt wie ein Film, dem man den Ton abgedreht hat und dem deshalb eine Informationsebene fehlt, sorgt die aus dem symphonischen Werk von Franz Liszt zusammengestellte Musik für dramatische Stimmungen, die der russische Gastdirigent Mikhail Agrest präzise herausarbeitet.

Gewalt in der Hochzeitsnacht

Aufwühlend begleitet das Staatsorchester etwa die Hochzeitsnacht, in der die Braut Rudolfs erstes Opfer wird; Diana Ionescu rührt an in ihrer Zerrissenheit zwischen Abscheu und Leidenschaft, wie ein Pfeil schnellt sie ihrem Widersacher in den Rücken. Doch Rudolf pfeift auf solche Avancen, stemmt, hebt und packt seine Frau brutal. Vierzig Jahre nach der Premiere von „Mayerling“ durch die Metoo-Brille auf dieses Ballett zu schauen, ist kein Fehler. Inzwischen ist die hier vorgestellte, romantisch verquaste Sicht auf weibliche Hingabe und männliche Dominanz, die Frauen mit Jägerblick taxiert und ihre Körper wie einen Besitz im wahrsten Sinne begreift, schwer auszuhalten.

Erst im Dialog mit einem Totenkopf, dann mit Anna Osadcenko im lockeren Taverenen-Flirt und schließlich mit Elisa Badenes als schwärmerischer, kess flirtender Mary findet der Tanz Rudolfs eine fließende Harmonie jenseits aller Aggressionen, immer wieder bilden ihre Silhouetten eine deutlich herausgeformte Einheit, ein Herz, einen Ring. Doch da hängt Rudolf schon an der Nadel, lässt Friedemann Vogel zu Boden gehen, krampfen und zittern, dass der Tod Erlösung scheint.

Die heimliche Beerdigung Marys rahmt das Drama, wie die düstere Ouvertüre zu einem Gruselfilm hat sie Jürgen Rose gestaltet: Regen fällt unerbittlich, im Tal hinter den Tannen lauern die Nebel. Mit solchen Bildern macht er die Bühne zur Metapher. Dass sie noch lange Ort für weitere tänzerische Höhenflüge bleibt, lassen die Begeisterungsstürme des Premierenpublikums ahnen. Alle, die das Stuttgarter Ballett auch im Opernhaus lieber auf der Höhe der Zeit tanzen sehen, müssen weiter warten.

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