Martí Fernández Paixà und Miriam Kacerova in der „Landszene“ von John Neumeiers „Kameliendame“ Foto: Stuttgarter Ballett

Das Stuttgarter Ballett tanzt wieder John Neumeiers vor 40 Jahren hier uraufgeführte „Kameliendame“. Nicht nur weil viele Rollen neu besetzt sind, bleibt das Tanzdrama aktuell.

Stuttgart - Luxuriöses Leben oder konsequente Ehrlichkeit? Das ist eine Fragestellung, die aktuell bleibt. Und doch darf man sich wundern, dass bei der Schnelllebigkeit unserer Zeit ein vierzig Jahre altes Ballett nach wie vor das Publikum so direkt anspricht. „Ausverkauft“ - John Neumeiers „Kameliendame“ macht mit diesem Button im Spielplan des Stuttgarter Balletts derzeit beste Werbung für sich selbst. Auf der Bühne enden die Aufführungen wie die am Donnerstag, die viele Rollendebüts bot, mit langem Applaus.

Attraktiv macht das Schicksal der schwindsüchtigen Kurtisane Marguerite bei der Wiederaufnahme im Openhaus sicherlich nicht nur die Tatsache, dass John Neumeier nun auch in Stuttgart seine „Hamburger Fassung“ einstudierte, welche die Protagonisten stimmiger aufeinander reagieren lässt. Vor allem aber lädt sein Ballett das Publikum unmittelbar dazu ein, die eigene Zeit darin zu sehen, weil auch das Schicksal seiner Heldin auf der Bühne gespiegelt wird - in der Figur der Manon Lescaut, die ebenfalls zwischen Liebe und habgierigem Kalkül entscheiden muss.

Vor Manon und Marguerite steht in Stuttgart eine andere Dame mit M: Ein Foto von Marica Haydée in der Hauptrolle der „Kameliendame“ schmückt das Programmheft zur aktuellen Wiederaufnahme, die den 40. Geburtstag des im November 1978 hier aus der Taufe gehobenen Balletts feiert. „Für Marcia“ lautet die Widmung darin, ohne die damalige Ballettdirektorin hätte es dieses Werk vielleicht nie gegeben. Nach dem Tod John Crankos hatte John Neumeier ihr Beistand versprochen - und mit der „Kameliendame“ dann der Kompanie einen Weg in die Zukunft gewiesen.

Blick durch die Metoo-Brille

Den muss freilich jede Tänzergeneration neu für sich entdecken. Am Donnerstag war eine solche Sternchen-Stunde im Opernhaus: Die vielen Rollendebüts ließen den Besetzungszettel blitzen, auf der Bühne war vor allem bei den Gruppenszenen manches leider nicht auf der Höhe des frisch herausgeputzten, auch musikalisch fein begleiteten Balletts. Nicht so schlimm, denn Miriam Kacerova macht anschaulich, warum sich die Marguerite so problemlos einfügt in den Kanon der starken Stuttgarter Ballett-Frauenrollen. An der Seite der erfahrenen Kollegin ist der Armand fast eine Nummer zu groß für Martí Fernández Paixà; das zeigt sich besonders im zweiten Akt, wenn zu stark dominiert, wie schwer die Leichtigkeit das frisch Verliebtseins doch herzustellen ist. Hebungen können da ihren Schwierigkeitsgrad nicht kaschieren; und doch ist immer wieder auch die jugendliche Unbefangenheit zu spüren, von der diese Szene erzählt.

Umso tiefer ist der Fall danach: Kacerova lässt in den Abgrund blicken, der zwischen absoluter Liebe und ihrem Verlust klafft. Zu letzterem zwingt sie Armands Vater, den Roman Novitzky erstmals verkörpert. Nicht meinen Sohn, scheint sein forsches Auftreten zuerst zu sagen, und gerät dann durch die Aufrichtigkeit von Marguerites Liebe sichtlich ins Zweifeln.

Vom Kampf zwischen Vernunft und Gefühl, erzählt das Paar Kaverova-Paixà zu Beginn mit in verschiedene Richtung strebenden Bewegungen - und findet doch immer wieder zueinander. Ami Morita als Manon und Clemens Fröhlich als ihr bis zuletzt treuer Liebhaber spiegeln das Motiv der Marguerite mit verwickelten Gesten in einer anderen Zeit, die nicht nur mit Gefühlen unbedarft spekulierte. Auch dieser Leichtsinn kommt uns bekannt vor. Die Opfer sind ehrliche Häute wie Graf N., den Shaked Heller mit einer modern flirrenden Naivität spielt. Wer durch die Metoo-Brille auf dieses Ballett schaut, darf sich wundern über die Arroganz von Männern, die meinen, mit Macht und Moneten alles kaufen zu können.

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