Martí Paixà ist das Gespenst aus der Vergangenheit, das eine Frau (Elisa Badenes) in Crankos Ballett „Spuren“ immer wieder einholt. Foto: Stuttgarter Ballett/Roman Novitzky

Das Stuttgarter Ballett verbindet Stücke von Kenneth MacMillan, Maurice Béjart und John Cranko zur Formel „Mahler x 3 Meister“. Die hat sogar heilende Kräfte.

Eine Art Kaleidoskop ist das Repertoire des Stuttgarter Balletts. Dreht man daran, fügen sich die leuchtenden Steine darin zu immer neuen Konstellationen, jede ermöglicht andere An- und Einsichten. Ein besonders glücklicher Wurf ist nun Tamas Detrich gelungen.

 

Wer meinte, dass seine Formel „Mahler x 3 Meister“ ein ziemlich eintöniges Resultat ergeben würde, der konnte sich am Mittwochabend im Opernhaus eines Besseren belehren lassen. Die Kombination von Kenneth MacMillans „Lied von der Erde“, Maurice Béjarts „Lieder eines fahrenden Gesellen“ und John Crankos „Spuren“ zum Abschluss war so reich an Erkenntnissen wie an Emotionen.

Fast alle Vorstellung sind so gut wie ausverkauft

In einem Zeitraum von lediglich acht Jahren entstanden, fügen sich die drei Stücke zu einer beeindruckenden (Ballett)-Geschichtsstunde, die Brücken bis in die Gegenwart schlägt. Als hätte das hellsichtige Stuttgarter Publikum es vorausgeahnt, gibt es für die restlichen sieben Vorstellungen des Mahler-Abends nur noch Restkarten.

Das Interesse hat sicherlich auch damit zu tun, dass erstmals nach seiner Uraufführung Crankos letztes Ballett „Spuren“ auf den Spielplan zurückkehrt. Nur ein Auszug war rekonstruierbar. Doch der vermittelt eindrücklich, wie Cranko eine gute Zukunft vom Umgang der Gegenwart mit der Vergangenheit abhängig sah. Für ein Publikum, das die nur unzureichend aufgearbeiteten Verbrechen der NS-Zeit im Gepäck hatte, war es 1973 eine Zumutung, mit KZ-Opfern auf der Bühne konfrontiert zu werden. Und so entließ es den Choreografen mit einem Chor an Buh-Rufen auf seine letzte USA-Tournee.

Der Choreograf spricht selbst zum Publikum

Den für die Gala zum 50. Todestag Crankos konzipierten „Spuren“-Rahmen hat Detrich beibehalten. In einer Filmaufnahme erklärt der Choreograf sein Thema: Es zeige eine aus einem totalitären Regime Geflüchtete, die ihre „Gespenster der Vergangenheit ablegen“ müsse, um sich in einer neuen Welt zurechtzufinden. Elisa Badenes tanzt diese Frau mit ergreifender Intensität.

Die Gleichgültigkeit einer Party-Gesellschaft

Ihre Zerrissenheit unterstreicht das Adagio aus Mahlers 10. Sinfonie, das Staatstheater lässt es unter der Leitung von Mikhail Agrest dramatisch zwischen dissonanter Expressivität und schönen Harmonien pendeln. Immer wieder holen diese Frau Erinnerungen ein, während sie der Gleichgültigkeit einer Party-Gesellschaft ausgesetzt ist. Zwischen den fünf Paaren, die Damen in farbenfrohen Kleidern, steht sie leichenblass.

Mit verzweifelten Gesten, die an Tatjanas berührendes „Onegin“-Finale erinnern, kämpft Elisa Badenes in der Gegenwart von David Moore gegen innere Bilder, die als dunkle Gestalten überall lauern. Und mit der Sehnsucht, mit der sich Tatjana in die Arme Onegins träumt, gibt sich diese Verfolgte in einem ähnlich kühnen Pas de deux mit Martí Paixà der Vergangenheit hin. Beeindruckend gestalten nicht nur die drei Solisten das ganze Drama aus: Hier die Partypeople, die sich hinter (Bewegungs-)Konventionen verschanzen, dort das Schicksalstrio, das, mal einander wiegend wie Mütter ihr Kind, mal ineinander verknotet, mit dem Herzen tanzt.

Szene aus „Das Lied von der Erde“ mit Agnes Su Foto: SB/Roman Novitzky

Nicht nur Crankos „Spuren“ bewegten sich mit tief herabfahrenden Scheinwerfern und Tanztheater-Kostümen auf der Höhe der Zeit. Beim Wiedersehen mit MacMillans 1965 in Stuttgart erarbeitetem „Lied von der Erde“ darf eine durch und durch moderne Ökonomie bewundert werden, wenn Gesten präzise, wenn Körperlinien klar gezeichnet sind, wenn der Tanz verharrt und der Musik Mahlers den nötigen Raum verschafft.

Elisa Badenes bringt Gefühlswerten zum Schwingen

Mezzo-Sopran Anna Werle und Tenor Airam Hernández rahmen und stützen einfühlsam die sechs Sätze, die über innige Begegnungen den Weg eines Leben abschreiten. Jason Reilly ist als darauf Wandelnder (neben der schönen Miriam Kacerova) der einzige Ortskundige. David Moore ist erstmals der Ewige an seiner Seite, der mit kraftvollen Sprüngen lenkt, Elisa Badenes die Frau, die mit ihren Armen ganze Gefühlswelten zum Schwingen bringt. Im Schlussbild macht sie den Aufbruch in Neues leicht und damit allen Mut.

Zehn Jahre lang ungetanzt

Zehn Jahre war MacMillians Meisterwerk in Stuttgart ungetanzt. Doch wie ihm eine neue Generation, allen voran Satchel Tanner, Martino Semenzato und Agnes Su, auch neuen Atem einhaucht, ist sehenswert und schärft den Blick für die vielen feinen Details. So findet sich bei MacMillan bereits die Coolness, mit der später auch Béjart über Geschlechtergrenzen hinwegtanzen lässt. Wie ein weibliches Corps etwa agiert die Männergruppe, behutsam achtet der eine aufs Tun der anderen, sanft wiegen sie sich.

Martí Paixà und Henrik Erikson (vorn) in Béjarts „Lieder eines fahrenden Gesellen“ Foto: SB/Roman Novitzky

Maurice Béjart verwischte 1971 die Grenzen vollends. Ob Balancen oder Ballerinenposen: Wie Henrik Erikson und Martí Paixà in „Lieder eines fahrenden Gesellen“ ein Stück Lebensweg gemeinsam gehen, begleitet von Bariton Yannick Debus, wie sich Virtuosität und Melancholie treffen, wie der eine zum behütenden, aber auch bedrohlichen Schatten des anderen wird, wie sie Inneres in selbstverständlichen Gesten nach außen kehren, ist von Anfang bis Ende große Kunst. Möglich gemacht hat sie die überaus sorgfältige Einstudierung des langjährigen Béjart-Vertrauten Gil Roman.

Das Publikum bedankte sich anhaltend für einen besonderen Ballettabend – eine Art Familienfest mit Ansprache. Fast väterlich wendet sich Cranko vor „Spuren“ ans Publikum, sein Lächeln begleitet unsichtbar das Stück, bevor es im finalen Lichtquadrat aufgeht. Das Tor aus Licht ist heute mehr als das Symbol für eine Zukunft, in der niemand mehr über Leichen tanzt. Es steht auch für Crankos frühes Verglühen und den leuchtenden Erfolg einer Kompanie, die aus ihrer Geschichte Selbstvertrauen schöpft.

1973 ein Schock fürs Publikum: Szene aus „Spuren“ Foto: SB/Roman Novitzky

Offensichtlich hat es eine Intendantengeneration gebraucht, die John Cranko nicht mehr persönlich kannte, um nun wie Tamas Detrich „Spuren“ zu wagen. Und so steht das Licht auch für die Hoffnung, dass eine lange offene Wunde, hinterlassen von den Buh-Rufen, die Cranko aus Stuttgart in den Tod verabschiedeten, endlich abheilt.

Mahler x 3 Meister. Weitere Vorstellungen gibt es bis zum 2. März.