Jede neue Generation ertanzt sich den Geist von John Crankos Stücken: Elizabeth Mason in „Aus Holbergs Zeit“ Foto: Stuttgarter Ballett

Es war eine Ballettspielzeit, in der für Stuttgarter Verhältnisse auffallend wenig Neues auf der Bühne passierte. Hinter und neben ihr wurden dafür die Weichen für die Zukunft des Stuttgarter Balletts gestellt.

Stuttgart - Das lange Ringen um den Neubau, der ­Cranko-Schule und Stuttgarter Ballett ­bessere Arbeitsbedingungen garantieren soll, ist nun ganz offiziell beendet: Mit einem Spatenstich begann am 23. Juli der Bau des neuen Ballettzentrums. Schon am 13. Juli bestimmte der Verwaltungsrat der Staatstheater Tamas Detrich zum neuen Ballettintendanten – und damit den Stellvertreter Reid Andersons zu dessen Nachfolger.

Die Zeichen für Publikum wie Kompanie stehen damit auf Kontinuität. Kleine ­Akzentverschiebungen statt großer Kursänderungen: Das Stuttgarter Ballett wird nach 2018 den bewährten Weg fortsetzen. Ein Weg, den das Erbe John Crankos besonders macht, weil es zum Bewahren, aber auch zum Blick nach vorn verpflichtet.

Dass so Choreografen früh entdeckt werden, hält die Spannung bei den Noverre-Abenden hoch. Auch in diesem Jahr, wo es neue Begegnungen gab: Robert Robinson und Theophilus Vesleý, der Große aus Stuttgart, der Kleine aus Augsburg, erzählten einfallsreich von den Energien, die in einer Freundschaft fließen. „Zweisamkeit“ heißt das charmante Duett, das Nähe sucht, um sie doch wieder infrage zu stellen – und das ­sicherlich bald für eine Gala zurückkehrt.

Nur zwei Uraufführungen - dennoch erkenntnisreiche Saison

Uraufführungen sind ein Markenzeichen des Stuttgarter Balletts. Auch wenn es nur zwei davon gab, war die Saison erkenntnisreich. Lernen konnte man bei „Strawinsky heute“, dass große Tanzkunst in Stuttgart eher den Choreografen glückt, die mit der Kompanie groß geworden sind. Obwohl das kein Automatismus sein muss, wie Demis Volpis verunglückte „Geschichte vom ­Soldaten“ zeigte.

„Strawinsky heute“ brachte neben den Haus-Choreografen Marco Goecke und ­Demis Volpi mit Sidi Larbi Cherkaoui einen der Stars der internationalen Tanzszene ins Spiel. Dass der Titel des Abends passte, war vor allem Marco Goecke zu verdanken. Als Einziger ließ er in der Neufassung seines 2009 in Leipzig entstandenen Balletts „Le chant du Rossignol“ den Tanz in angespannter Aktualität der Musik als ebenbürtigen Partner gegenübertreten.

Demis Volpi verlor dagegen in der „Geschichte­ vom Soldaten“ vor lauter ­Erzählen den Tanz aus den Augen. Mit Hilfe seiner Ausstatterin Katharina Schlipf baute er zwar eine Koffer-Anordnung auf, die einen Abend hätte füllen könnte; doch im zu putzig geratenen Ambiente des Ersten ­Weltkriegs wird nur marschiert und ­hantiert. Allein Alicia Amatriain durfte als Teufel die Tanzkunst akrobatisch in Szene setzen.

Das Kontemplative in der Choreografie fehlte

Cherkaouis „Feuervogel“ strotzte dafür vor Lust an Bewegung. Die Erwartungen an den Choreografen waren hoch, doch das Kontemplative, das ihm sonst im Dialog von Musik und Tanz gelingt, fehlte in Stuttgart. Nur kurz hält er die Welt auf den Schultern der Tänzer in Balance, um alle gleich wieder in ein unruhiges Meer von Bewegungen zu stürzen. In der Summe wirkte das zu unruhig, in der Ausstattung zu altbacken.

Und so waren es die bewährten Namen, die dieser Saison ihre Höhepunkte gaben. „Alles Cranko!“ etwa. Sorgfältig einstudiert, zeigte der Abend ein Ensemble in ­Bestform, das die Bewegungssprache seines Gründers und seine Philosophie verinnerlicht hat: So erzählte jedes Stück von der Stärke, die Gemeinschaft und das Vertrauen in sie stiftet. Crankos 27 Jahre lang nicht ­getanztes Mozart-Ballett „Konzert für Flöte und Harfe“ stieg bei seiner Wiederaufnahme wie Phönix aus der Asche. Das Ballet blanc der ungewöhnlichen Art, weil Männer sich wie Ballerinen bewegen, ist kein typischer Cranko. Aber kompliziert verwobene Wege und die schöne Harmonie, mit der hier Lasten von mehreren getragen werden, machen es zur tollen Teamleistung.

Perfekte Technik und hohe Musikalität forderten auch die anderen abstrakten ­Choreografien Crankos an diesem Abend. Ob „Aus Holbergs Zeit“ , „Opus 1“ oder „Initialen“: Es ist immer wieder spannend, wie sich eine neue Generation den Geist ­dieser Stücke ertanzt.

Tänzerisch kein Grund zum Meckern

Noch eine Hommage stand an. Man mag es bedauern, dass andere Stuttgarter Schätze (von Jirí Kylián oder Uwe Scholz, um nur zwei zu nennen) ungehoben bleiben, ­während Kenneth MacMillan in kurzer ­Folge geehrt wird. Doch der Abend zum 85. Geburtstag des Choreografen, der „Das Lied von der Erde“ und „Requiem“ als Hommage an Crankos Freund aus Londoner Tagen versammelte, bot tänzerisch keinen Grund zum Meckern: MacMillans modernen Zugriff auf Klassisches haben die Stuttgarter inzwischen so verinnerlicht, dass ein ungetrübter Blick auf das möglich war, was seine Kunst ausmacht – klassisch motivierte Linienführung von schöner Zeitlosigkeit, von allen prägnant umgesetzt.

Zum Auftakt „Leonce und Lena“, zum Ausklang ein „Dornröschen“-Marathon, dazwischen „Onegin“ und „Endstation Sehnsucht“: Die Fans von Handlungsballetten kamen in dieser Saison auf ihre Kosten. Ein Gastspiel in Thailand und Singapur ­hatte die Kompanie im Herbst für viele „Onegin“­Debüts genutzt, in ihren Genuss kam das Stuttgarter Publikum von Januar an. Friedemann Vogel war dabei. Als Lenski hatte er Maßstäbe gesetzt, nun verblüffte er als Onegin durch Charme, Raffinesse und ein neu ­gefühltes Leiden an der Langeweile der Welt. Fünf Gastsolisten vom Bolschoi­-Ballett, das „Onegin“ seit Juli 2013 tanzt, machten die Wiederaufnahme am 6. Januar besonders. Und wer sah, wie bewegt sie den großen ­Applaus entgegennahmen, der wusste: Die Stars aus Russland hatten nicht nur lange auf diesen Tanzstoff gewartet; der Auftritt an seinem Entstehungsort schien ihnen ebenfalls am Herzen zu liegen.

Nach zehn Jahren zurück auf die Bühne kehrte am 30. Mai „Endstation Sehnsucht“. Keine Nuance von John Neumeiers Psychodrama ging in der Zeit seiner Abwesenheit verloren, obwohl Jason Reilly fast der Einzige war, der das Stück bereits kannte.

Das spricht für die dramatische Qualität eines Ensembles, das die Spielzeit in bester Tanzlaune beendete und mit einem „Dornröschen“-Marathon über viele Abschiede hinwegtröstete: Dass am Ende acht Tänzer die Kompanie verließen, hat nicht nur mit der Unruhe zu tun, die die Suche nach Reid ­Andersons Nachfolger auslöste. Tänzer, die lange in die Theater-Versorgungskammer einbezahlt haben, fürchteten die ab 2015 geltenden Änderungen und weichen ins Ausland aus. Doch auch hier sind nun die Weichen für die Zukunft gestellt.

www.stuttgarter-ballett.de

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