Reid Anderson, der Intendant des Stuttgarter Balletts, steht in den Zuschauerrängen der Staatsoper. Foto: dpa

Bei der Spielplankonferenz der Staatstheater sieht man die Raumnot der Ballettkompanie.
 

Stuttgart - Ungewohnter Ort für die jährliche Spielplankonferenz der Stuttgarter Staatstheater: Drei Stockwerke hoch unters Dach des Opernhauses führt der Weg in den Doll-Saal. Im größten Studio des Stuttgarter Balletts ist die Luft zum Schneiden, aber dank mehrerer Ventilatoren noch von luxuriöser Qualität im Vergleich zu dem, was Tänzer hier bei ihrer täglichen, schweißtreibenden Arbeit atmen müssen.

Es ist zum Glück nur mentale Bewegung gefragt; rund 70 Medienvertreter dürfen an weiß gedeckten Tischen dem Intendantenquartett gegenüber Platz nehmen. Der Ort ist mit Bedacht gewählt. "Das war Hasko Webers Idee", freut sich Ballettchef Reid Anderson über den Akt kollegialer Solidarität: Die Enge im wohlgemerkt größten Probenraum des Stuttgarter Balletts und im teeküchenschmalen Fitnessraum nebenan ist, wie nun jeder erleben kann, keine Erfindung des Intendanten. "Drehen Sie sich um. Auch die Säulen, deren Entfernung mir vor 15 Jahren in meinem ersten Vertrag zugesichert wurde, sind immer noch da", sagt Reid Anderson und illustriert seine Not an einer improvisierten Schwanensee-One-Man-Probenshow. "Nie kann ich gleichzeitig sehen, was die Schwäne links und rechts machen", sagt der Ballettintendant und reckt schwanengleich den Hals, verzweifelt die Arme. Die nötige Distanz, die Kunst einfach braucht, ist hier nicht möglich.

Immer emotionaler wird Reid Andersons Plädoyer für die Notwendigkeit eines Neubaus, der nicht nur die John-Cranko-Schule aufnehmen, sondern auch die Raumnot des Stuttgarter Balletts mildern soll. Dabei scheint, glaubt man den Ausführungen des Geschäftsführenden Intendanten Marc-Oliver Hendriks, das Neubauprojekt auf dem besten Weg. Der Wettbewerb sei ausgelobt, jetzt folgten sehr präzise Kostenermittlungen im Dialog mit staatlicher und städtischer Bauverwaltung. Nach dem Statement des Landes erwartet Hendriks demnächst auch eine klare Aussage der Stadt Stuttgart. Schließlich gehe es, da sich die Finanzierung über vier Haushaltsjahre erstrecke, für Stadt wie Land jeweils lediglich um ein Achtel der Gesamtkosten von rund 25 Millionen Euro.

Das Ballett muss den Fehlbetrag aus seinem Festival wieder einspielen

Die Tränen freilich, mit denen Reid Anderson zum Schluss seiner Ausführungen kämpft, sagen anderes. Und der Ballettintendant hat Grund, am Happy End - also am definitiven Ja der Stadt zum Neubau - zu zweifeln. Denn die Spielzeit, die er davor knapp präsentierte, ist von einer finanziellen Zwangslage diktiert, in die ihn just eine Volte der Stadt Stuttgart gebracht hat: Die Kosten für die durch Gastspiele teuren Festwochen zum 50. Geburtstag der Kompanie in diesem Februar wollten sich Stadt, Land und Kompanie teilen, so die Absprachen, auf deren Basis der Etat des Festivals kalkuliert wurde. Doch elf Monate vor dem Jubiläum sprang die Stadt ab, Oberbürgermeister Wolfgang Schuster ließ mitteilen, dass die sechsstellige Summe nicht aufgebracht werden könne.

Was sind Zusagen wert? Reid Anderson sind an diesem Montagabend im Doll-Saal die Bedenken ins Gesicht geschrieben. Und er muss den Fehlbetrag in seinem Etat in der kommenden Saison einspielen. Das erklärt die Häufung der Ballett-Blockbuster im Programm, Ballettfans dürfen sich auf Cranko hoch drei freuen, "Schwanensee", "Der Widerspenstigen Zähmung", "Onegin" stehen auf dem Spielplan, sein Verdi-Ballett "The Lady and the Fool" kehrt im Dialog mit Béjarts "Gaäté parisienne" zurück, dazu lockt "La Sylphide". Dazu gilt es, Spielraum zu schaffen, um den Ruf des Stuttgarter Balletts als Ort der Neukreationen zu wahren: Christian Spuck, der 2012 nach Zürich wechselt, wird sich von Stuttgart mit einer abendfüllenden Uraufführung verabschieden. "Das Fräulein von S." heißt sein neues Ballett nach einer Novelle E.T.A. Hoffmanns. Mit Mauro Bigonzetti, Marco Goecke und Edward Clug stellt ein starkes Choreografentrio im März im dann neu eröffneten Schauspielhaus drei Uraufführungen vor.

Bei allem Druck lässt sich Reid Anderson die Feierlaune nicht verderben. Dass seine Kompanie mit Christian Spuck noch einen Ballettdirektor hervorgebracht hat, ist ihm eine Gala wert, die der scheidende Hauschoreograf mit eigenen Lieblingsballetten bestücken darf. Am 25. November wird die Cranko-Schule, die 40 Jahre alt wird, befreundete Einrichtungen aus aller Welt zum Tanz bitten. In Sachen Neubau wäre diese Gala der ideale Moment für ein Happy End, an das dann auch Reid Anderson hoffentlich bald wieder glauben darf.

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