Bei der Wiederaufnahme von „Onegin“ am Samstag im Opernhaus sorgte nicht nur die neu herausgeputzte Ausstattung für ein besonderes Balletterlebnis.
Stuttgart - So viel Jubel und lang anhaltender Applaus für eine banale Wiederaufnahme? Ganz klar: Die Rückkehr von John Crankos „Onegin“ auf die Stuttgarter Ballettbühne am Samstag war ein besonderes Ereignis. Das lag zum einen an der Freude darüber, dass die pandemiebedingte Abstinenz von großen Erzählstoffen und ihren Emotionen nach 19 Monaten endlich vorüber ist.
Zum anderen haben das Stuttgarter Ballett und Crankos Ausstatter Jürgen Rose diese Zeit gut genutzt. Rose hat die Patina entfernt, die sich im halben Jahrhundert seit seiner Uraufführung auf den größten Hit im Stuttgarter Ballettrepertoire gelegt hatte. Und der Bühnenbildner setzt auf moderne Beleuchtungstechnik, um die Komplexität und Tiefe seiner Räume in neuer Klarheit erlebbar zu machen: Intensiv blaues Licht verweist den Spiegel-Pas-de-deux unmissverständlich ins Reich der Träume; das Rot, das nun den Ballsaal der Gremins zum Wohlfühlort macht, war dem Publikum sogar einen Szenenapplaus wert.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Neuer Glanz für „Onegin“
Waren die Birken jemals so grün, haben die Kirschbäume so üppig geblüht im Garten der Witwe Larina? Wurde hier jemals so beseelt getanzt, so dringlich agiert? In den Hauptrollen war diese Wiederaufnahme prominent besetzt, sodass tänzerische Perfektion mit dramatischem Mehrwert garantiert war: Friedemann Vogels Onegin bietet eine feine Studie der Arroganz, die zeigt, wie weit man ohne Empathie kommt. Elisa Badenes geht als Tatjana einen beeindruckenden Weg der Emanzipation. Auch Jason Reilly als besonnener Fürst Gremin, Jessica Fyfe als übermütig aufschäumende Olga und Adhonay Soares da Silva als zutiefst verletzter Lenski erspielen dem Drama die volle Fallhöhe und eine große Zeitlosigkeit.
Unbändige Erzähllust
Und selbst auf Nebenschauplätzen machte sich jeder und jede im Ensemble mit so unbändiger Erzähllust ans Werk, dass „Onegin“ im Sinne John Crankos an diesem Abend tatsächlich keine kleinen Rollen, sondern nur große Tänzer hatte. Applaus verdient hatte sich auch das Staatsorchester, das unter Leitung von Wolfgang Heinz erstmals wieder in voller Ballettbesetzung spielte und dafür sorgte, dass dieser „Onegin“ sein Publikum mit ganzer Wucht anspricht.
Info
Termin
Vorstellungen von „Onegin“ gibt es bis zum 14. November mit zahlreichen Rollendebüts. In den Hauptrollen geben Rocío Alemán (14. 11., nachmittags), Agnes Su (14.11., abends), David Moore (28.10.), Roman Novitzky (4.11.) und Martí Fernández Paixà (14.11., nachmittags) ihr Debüt.
Tickets
Vom 1. November an gehen wieder alle Plätze in den Spielstätten der Staatstheater in den Verkauf.