Plant Großes, aber ohne Marco Goecke, den langjährigen Haus-Choreografen des Stuttgarter Balletts Foto: dpa

Im März hat der designierte Intendant Tamas Detrich in einem Gespräch mit Marco Goecke angekündigt, dass er sich eine Zukunft des Stuttgarter Balletts ohne den langjährigen Haus-Choreografen denken kann. Nun ist die Trennung offiziell.

Stuttgart - Schlechte Nachrichten für die Fans von Marco Goecke: Tamas Detrich, designierter Intendant des Stuttgarter Balletts, wird den Vertrag des Haus-Choreografen wie bereits angekündigt nicht verlängern.

Herr Detrich, Marco Goecke ist ein international bejubelter Künstler und macht Werbung für die Innovationskraft des Stuttgarter Balletts. Schadet Ihre Entscheidung, sich von ihm zu trennen, der Kompanie nicht enorm?
Nein, überhaupt nicht. Das Stuttgarter Ballett hat sich in den vergangenen 50 Jahren immer wieder erneuert, vor allem auch was Choreografen betrifft. Ich bin fest überzeugt von der neuen Richtung, in die ich mit dem Stuttgarter Ballett gehen will. Marco Goecke hat diese Kompanie die vergangenen 12 Jahre geprägt. Und ich bin offen dafür, mit ihm auch in Zukunft weiterzuarbeiten. Von meiner Seite steht das nicht in Frage. Aber ich habe auch das Statement abgegeben, dass ich meine Intendanz ohne Haus-Choreograf beginnen will und muss. Es gibt viele andere Richtungen und Impulse, die ich wichtig finde, um dem Stuttgarter Ballett neue Inspirationen zu geben. Aber ich hoffe für die Zukunft, dass es Marco Goeckes Ballette weiter in unserem Repertoire geben wird.
Wäre nicht im Repertoire Raum genug auch für die Inspiration, die von Marco Goeckes Arbeit ausgeht?
Marco Goeckes Arbeit gefällt mir sehr, ich habe großen Respekt für sie. Ich muss jetzt aber Raum schaffen für neue Choreografen. Eben habe ich mit jemanden über ein Sonderprojekt für meine erste Spielzeit gesprochen. Das ist mir wichtig. Aber wenn ich einen festen Haus-Choreografen habe, muss ich ihm ebenfalls Premieren anbieten, was meine Freiräume blockieren würde. Jetzt im Moment brauche ich die jedoch, um andere Projekte zu verwirklichen. Wenn ich später einen neuen Künstler finde, den ich für wichtig halte, werde ich die Position des Haus-Choreografen eventuell wieder besetzen. Aber nicht in den ersten Spielzeiten; da ist für mich wichtig, dass alles offen ist. Ich habe zwei Jahre an meinen Plänen gearbeitet, das war keine spontane Entscheidung.
Wie unterscheidet sich Ihre Vision für das Stuttgarter Ballett von der Ihres Vorgängers Reid Anderson?
Das werden Sie sehen, wenn ich meinen Spielplan präsentieren werde. Ohne Namen zu nennen ist schwer zu erklären, was ich vorhabe. Aber ich plane Großes, das ist aufregend und erfrischend nicht nur für die Tänzer, sondern auch für meine Zuschauer.
Gerade Tänzer schätzen die Arbeit mit Marco Goecke sehr. Das konnte Ihre Entscheidung nicht beeinflussen?
Die Zusammenarbeit mit Choreografen ist immer viel wert. Egal wer nach Stuttgart kommen wird: Das Verhältnis zu den Tänzern steht im Vordergrund. Denn der Prozess ist manchmal wichtiger als das Endprodukt. Aber wie gesagt: Ich brauche neue Impulse für die Kompanie – und meine Tür steht offen für ein Gespräch über die Zukunft Marco Goeckes. Er ist ein erfolgreicher Choreograf, der überall die Tänzer inspiriert.
Es dauert, bis ein junger Choreograf aufgebaut ist. Wäre da ein Vorbild wie die Arbeit von Marco Goecke nicht hilfreich?
Nein, ein neuer Anfang ist mir wichtig. Marco Goecke war Reid Andersons Kind, er hat ihn unterstützt von Anfang an. Ein Intendantenwechsel bringt Umbrüche mit sich, das wird jeder verstehen. Es wäre ein falsches Zeichen, wenn alles so bleiben würde wie es ist. Dafür bin ich der falsche Mann. Ich springe mit großer Leidenschaft ins Wasser vor mir, egal ob es kalt oder warm ist, um eine neue Zukunft zu entwickeln und auch Risiken einzugehen.
Sie haben Marco Goecke das erste Mal im März über Ihre Pläne informiert. War das nicht ein schlechter Zeitpunkt, da ihn das in der laufenden Arbeit für „Kafka“ verunsicherte?
Ich wollte mit allen aus der Kompanie früh über meine Pläne sprechen. Es sollte nicht so sein, dass jemand in letzter Minute ohne Zeit zu reden einen Brief in die Hand gedrückt bekommt. Ich habe auch mit Marco Goecke versucht, das so früh wie möglich zu machen, da ich anschließend für sechs Wochen in Amsterdam und Kanada war. Das im März zu tun, empfand ich als fair, die Premiere von „Kafka“ war erst vier Monate später. Ich hatte eine angenehme, vertrauliche Unterhaltung mit Marco Goecke über meine Pläne. Dass er damit an die Öffentlichkeit gegangen ist, hat mich sehr verletzt.

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