Mit dabei sind Martí Fernández Paixà, Roman Novitzky, Fabio Adorisio und Adhonay Soares da Silva. Foto: Stuttgarter Ballett

Keine leichte Aufgabe, wie man nach der jüngsten Premiere des Stuttgarter Balletts weiß. Die Choreografen Katarzyna Kozielska, Edward Clug und Nanine Linning finden für „Aufbruch“ sehr unterschiedliche Lösungen.

Stuttgart - Was war das für eine Stimmung vor 100 Jahren? Die neue Verfassung für eine junge Republik, die Gründung des Bauhauses: Die Zeichen standen nicht nur in Weimar auf Aufbruch, eine neue, gerechtere und besser gestaltete Welt tat sich auf. Diese Hoffnung auf Veränderung ist auch heute manifest, wenn Diskriminierungen am Pranger stehen oder junge Menschen fürs Klima auf die Straße gehen.

Die Energie des Wandels spürbar zu machen war die Aufgabe der drei Choreografen, die der neue Stuttgarter Ballettintendant Tamas Detrich eingeladen hatte: „Aufbruch“ heißt der Abend, der am Donnerstag im Schauspielhaus Premiere hatte und dessen Thema aus vielen Gründen wie die Faust aufs Auge passt. Die gereckte Faust war einst Markenzeichen des Schauspiels unter Hasko Weber; in Koproduktion mit dem Nationaltheater Weimar, das Weber jetzt als Generalintendant leitet, ist dieser Ballettabend entstanden.

Sein Motto kann auch für den Neuanfang stehen, den Tamas Detrich mit dem Stuttgarter Ballett anstrebt. Dass mit Katarzyna Kozielska und Nanine Linning zwei der drei Choreografen Frauen sind, ist dabei ein schönes Zeichen, das hoffentlich über „Aufbruch“-Zeiten hinausweist. Dass mit Kozielska und Edward Clug zwei der drei Choreografen in Stuttgart alte Bekannte sind, zeigt, wie viel Kontinuität in diesem Wandel steckt.

„Revolt“ heißt Linnings Ballett

Wie packt man Aufbruch in Tanz? Keine einfache Aufgabe, wird man nach zweieinhalb Stunden wissen. Verbeugt man sich vor der Ästhetik des Bauhauses, ohne ihr Wesen zu erfassen, kann das schnell altbacken aussehen. Am Ende ist es Nanine Linning, der es am besten gelingt, die Energie, die vor hundert Jahren pulsiert haben muss, auf eine abstrakte Ebene und in ein Tanzgeschehen zu übertragen, sodass sie auch heute noch zu uns spricht.

„Revolt“ heißt Linnings Beitrag, er ist fast bis zum Schluss so packend wie sein Titel und schenkt diesem „Aufbruch“ einen tollen Höhepunkt. Die Musik ist der Motor der aus 16 Tänzern bestehenden Massenbewegung; 15 Staatsorchester-Streicher unter der Leitung von Wolfgang Heinz jagen die Impulse, die der Komponist Michael Gordon für „Weather“ bei Vivaldi und Hendrix, auf Schlachtfeldern und Club-Floors fand, wie schweres Wetter in den Raum. Und mit der geballten Energie eines aufziehenden Gewitters lässt Linning auch ihre neun Herren und sieben Damen, angeführt von Angelina Zuccarini als Galionsfigur, agieren. Die holländische Choreografin zeigt mit expressiven und doch immer der Eleganz des Balletts verpflichteten Gesten, wie sich eine Menge aus Individuen zusammensetzt, wie Impulse von wenigen auf viele übergehen. In einheitlichem Blau, das von Freiheit erzählt, stehen auch die Kostüme mit ihren Verwandlungen für die Metamorphosen, die eine Rebellion durchläuft – chaotische Momente, Auf-der-Stelle-Treten inklusive.

Ein lebendiger Lampenfuß

Eröffnet hat den Abend Katarzyna Kozielska mit einer Verbeugung vor dem Bauhaus und seiner Idee einer künstlerischen Gesamtleistung. Passend dazu hat Benjamin Magnin de Cagny einen Sound konzipiert, der den Tanz trägt und sich doch elektronische Freiheiten nimmt. Katharina Schlipf bringt für ihr Bühnenbild Wagenfelds Bauhaus-Leuchte zum Tanzen und malt eine von Schlemmers Figurinen an die Wand. Doch die metallisch schimmernden Kostüme der zwölf Tänzer, die Kurzhaar-Frisuren der Damen, eine Frau als lebendiger Lampenfuß, die auf üppigen Stoffbahnen zitierten Muster, die Matteo Crockard-Villa und Alicia Garcia Torronteras bei einem Duett verbinden, besonders aber die verschnörkelte Armführung und viele kess die Beine werfenden Attitüden wirken, als warte die Welt nach wie vor auf Adolf Loos’ Manifest gegen das Ornament. Sicherlich: Das Stück transportiert flirrende, auf Spitze getanzte Nervosität und Offenheit und ist schön anzuschauen, doch nicht nur sein Titel „It. Floppy. Rabbit.“ wirkt unpassend.

Allein über ästhetische Zitate erschließt sich der Geist des Bauhauses also nicht. Edward Clug weiß das und überträgt in „Patterns in ¾“ die kühne Funktionalität moderner Architektur und ihrer Darstellung in einen Tanz, der farblich und im Bewegungsvokabular aus der auferlegten Reduktion Spannung und sogar Humor zieht. Dann lässt Roman Novitzky, von einem Winkelelement zum Teil verdeckt, sein Haupt rollen, als habe eine Guillotine zugeschlagen. Weg mit den alten Zöpfen? Wer Veränderung will, braucht Rückgrat – ein roter Streifen ziert die weißen Shirts der sieben Tänzer – und Ausdauer. Die brauchen übrigens auch die Ohren des Publikums für die seriellen Marimba- und Klavierklänge von Steve Reich und Milko Lazar. Alte Fotografien von Bauhaus-Architektur haben Edward Clug inspiriert, der schon 2006 für „Pocket Concerto“, sein erstes Stuttgarter Stück, die Sicht auf die Tänzer ausschnitthaft begrenzte. Nun macht er ein Spiel mit rechtwinkligen Architekturelementen daraus und platziert Menschen samt ihren zeichenhaften Gesten wie Figurinen im Raum. Und doch lässt er seine grandiosen Tänzer vor allem davon erzählen: Das Staunen vor der Kunst und ihrem Mut, Aufbruch zu gestalten, hat wichtigen Anteil an einem menschlichen Dasein.

Die zweite „Aufbruch“-Premiere findet am 6. April in Weimar statt. Weitere Aufführungen in Stuttgart am 16., 24. und 29. April, sowie am 4., 6., und 9. Juli.

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