Tamas Detrich (ganz re.) als Ballettmeister im Kammertheater Foto: Roman Novitzky

Kein 45-Grad-Bein, außer es wird gewünscht: Der neue Ballettintendant Tamas Detrich ist erstmals mit dem Publikum auf Tuchfühlung gegangen: Im Stuttgarter Kammertheater hat er den ersten „Blick hinter die Kulissen“ der Spielzeit präsentiert – und die Neuen der Kompanie.

Stuttgart - Er hat beim Stuttgarter Ballett unzählige Premieren gemeistert. Nun ging er erstmals als Intendant der Kompanie mit dem Publikum auf Tuchfühlung. Tamas Detrich präsentierte im Kammertheater den ersten „Blick hinter die Kulissen“ der neuen Saison 2018/2019. „Meine ersten sieben Tage im Amt waren gespickt mit Terminen – mal sehen was heute Abend passiert“, schmunzelte der einstige Erste Solist. Angesichts der voll besetzten, um die Bühne platzierten Tischchen schwärmte er: „Ich liebe diese Kaffeehausatmosphäre.“

Zwölf Tänzerinnen und Tänzer hatte er in die Runde mitgebracht, fünf davon frischgebackene Elevinnen und Eleven, der Rest neu im Corps de Ballet. Sie stammen aus Ländern wie Italien, Monte Carlo, Ungarn, Korea oder den USA, haben in allerlei Compagnien oder Ballettschulen der Welt erste Erfahrung gesammelt oder ihre Ausbildung genossen, etwa an der Pariser Oper – und an der John Cranko Schule. „Ob Eleve oder Corps de Ballet, alle gehören zur Compagnie“, betonte ihr Chef. Alle hätten eine harte Trainingswoche hinter sich. Nun seien sie nochmals am Abend hier, damit das Publikum sie kennenlernen könne. Unprätentiös in Trainingsklamotten ließen sie sich denn auch auf Füße und Arme schauen, gewährten Einblicke in den Trainingsalltag, exerzierten die Ballettpositionen an der Stange, erst langsam, dann schneller, übten Schrittkombinationen, Sprünge und Drehungen durch den Raum – begleitet von dem Korrepetitor Paul Lewis am Klavier, in Deutsch und Englisch angeleitet von Detrich. Der erklärte augenzwinkernd: „Die meisten kennen mich bisher nur als ihren Direktor, nun lernen sie mich als Ballettmeister kennen.“

Als Ballettmeister fordert Detrich Disziplin

Geradlinig war er da, forderte Disziplin, erklärte Grundsätzliches. „Beim Stuttgarter Ballett gibt es kein Bein im 45-Grad-Winkel, außer es wird ausdrücklich verlangt. Ansonsten wird es neunzig Grad oder höher gestreckt – genießt es!“ Anregungen gab es auch zum Abschluss mancher Schrittkombinationen. „Bringt eure individuelle Note ein, seid kreativ.“ Freilich wurde korrigiert, etwa die Arme beim „Ecarté“, einer Körperhaltung diagonal zum Zuschauer mit ausgestrecktem Spielbein. „Wie war das noch mit der Schulter? Macht es so, wie es Olga heute gezeigt hat, wir wollen sie nicht enttäuschen“, erklärte Detrich einigen Eleven- und erläuterte den Zuschauern, dass Olga Evreinoff Gast beim Stuttgarter Ballett sei, um eines der Stücke für die erste Premiere am 13. Oktober einzustudieren: Beim Ballettabend „Shades of White“ sind „Das Königreich der Schatten (aus La Bayadère)“ zu sehen, choreografiert von dem Ballettstar Natalia Makarova nach Marius Petipa, George Balanchines „Sinfonie in C“ sowie John Crankos „Konzert für Flöte und Harfe“. Letzteres, so Detrich, habe Cranko 1966 zu Mozarts Musik geschaffen, weil Sir Peter Wright in den Ballettsälen mit den Damen arbeitete – und sich die Jungs in der Kantine gelangweilt hätten.

Wie anregend die Arbeit mit dem gefeierten Choreografen Akram Khan, Brite mit bangladeschischen Wurzeln, in der ersten Woche gewesen sein muss, das war der Begeisterung anzumerken, mit der die zwölf Neuen sich zum Schluss des Kulissenblicks in zeitgenössische „Moves“ zu treibenden Kathak-Rhythmen stürzten – jede und jeder noch auf individuelle Art. „Das wird bis zur Premiere im kommenden Juni alles gleich sein“, so Detrich. „Wichtig ist jetzt erst einmal, dass sie diese Energie Khans spüren und sich leidenschaftlich darin fallen lassen.“ Belohnt wurde dies mit leidenschaftlichem Beifall. Eine Zuschauerin sprach für viele, als sie erklärte: „Toll, die Tänzer der Stuttgarter Kompanie so nah zu erleben und zu sehen, wie schwer es ist, damit alles später auf die Bühne so leicht rüberkommt.“

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