Zu Beethovens Musik choreografieren? Unmöglich, meinte George Balanchine. Das Stuttgarter Ballett will mit einer Uraufführung von Mauro Bigonzetti und zwei Werken Hans van Manens das Gegenteil beweisen.
Stuttgart - Eine Ballettpremiere am 1. April im zweiten Coronajahr? Das war am Donnerstagabend tatsächlich kein Scherz. Den Sekt musste man zwar daheim selbst kaltstellen. Doch ansonsten hat das Stuttgarter Ballett dank der Hilfe seines Sponsors Porsche an alles gedacht beim neuen Kapitel seines Online-Angebots „ballet@home“, das noch bis zum 5. April auf der Internetseite der Kompanie abrufbar ist. Für die Beethoven-Hommage mit drei Stücken gibt es ein digitales Programmheft, eine Einführung auf Deutsch und Englisch, Blumen für die Solisten und Applaus von ihren Kollegen aus den Zuschauerreihen im Schauspielhaus.
Tanzen für die ganze Welt
Dort – und nicht daheim vor einem allzu vertrauten Monitor – hätten sicherlich viele Ballettfans diesen Premierenabend gern miterlebt. Doch die heranrauschende dritte Infektionswelle macht demütig und umso dankbarer für Abwechslung. Um die Distanz zu überbrücken, geben nicht nur die Tänzer alles. So kann man in den Pausen der ehemaligen Solistin Sonia Santiago folgen und einen Blick hinter die Kulissen im Schauspielhaus werfen. 200 Lampen, erfahren wir vom Beleuchtungsmeister Rüdiger Benz, tauchen die Tänzer an diesem Abend in bestes Licht.
Und das wirft dank Internet lange Schatten. Russische Kommentare tauchen im Live-Chat auf, aber auch begeisterte Stimmen aus Südamerika und Italien liest man. „Wir tanzen für die Welt“, freut sich Intendant Tamas Detrich im Gespräch mit Sonia Santiago über die zwar unsichtbaren, aber wichtigen Zuschauer bei „ballet@home“. Immer nur trainieren? Den Tänzern fehle die Motivation durch das Publikum. Und so ist dieser Live-Stream ein Gewinn für alle.
Soll der Tanz Beethoven in Ruhe lassen?
So oft musste das Stuttgarter Ballett in den zurückliegenden Coronamonaten seine Verbeugung vor Beethoven aufschieben, dass beinahe George Balanchine recht behalten hätte. Er hatte einmal behauptet: „Der Tanz sollte den Beethoven in Ruhe lassen, zu seiner Musik kann man nicht choreografieren.“ Hans van Manen hatte sich davon schon in den 1970er Jahren nicht entmutigen lassen, an diesem Abend beweisen seine beiden Beethoven-Klassiker „Adagio Hammerklavier“ und „Große Fuge“, beide von der Stuttgarter Ballettdirektorin Marcia Haydée ins Repertoire geholt, das Gegenteil und rahmen den Abend.
Auch Mauro Bigonzetti ließ sich nicht einschüchtern und sagte eine Uraufführung zu. Der Italiener, der das Stuttgarter Ballett seit nunmehr einem Vierteljahrhundert begleitet, bietet gemeinsam mit vier Tänzern, vier Tänzerinnen, dem Pianisten Andrej Jussow und einem mitten auf der Bühne platzierten Flügel drei Klaviersonaten Beethovens die Stirn. Schick wie für einen Bar-Besuch tragen die Damen kurze Kleidchen, die Herren kesse Mieder über den schwarzen Hosen. Gut gelaunten Partygästen gleich stehen die acht um den Flügel, lassen ihre Hände auf dem glänzenden Lack tanzen, bis sich ein Paar aus der Menge löst.
Was Bigonzetti zu Beethoven zu sagen hat
Vittoria Girelli und Alessandro Giaquinto übersetzen als erste, was ihr Landsmann zu Beethoven zu sagen hat. Fast scheinen die beiden aneinander zu kleben, so eng, so intensiv gestalten zwei Körper Nähe, verschmelzen zu einer verlorenen Einheit. Auch Elisa Badenes und Friedemann Vogel sind mit Armen und Beinen vielfach verwoben; Umarmung ist hier sehr witzig auch Umbeinung. Und wie durch ein Wunder verschafft sich ein Kopf noch Zutritt ins Chaos der Glieder. Das klingt verwickelter, als der Tanz in Wirklichkeit ist. Schöne Lichteffekte schaffen stimmungsvolle Übergänge von Soli, Duetten und kleinen Gruppen. Und wenn Spitzenschuhe einmal doch zu hektisch Noten umdribbeln, dann chillt der Rest der Truppe am, unter und sogar auf dem Flügel.
Uraufführung unter besonderen Bedingungen
„Einssein“ heißt Bigonzettis Beethoven-Ballett. Der deutsche Titel ist nicht nur Verbeugung vor dem Komponisten; er zollt auch den Bedingungen Respekt, unter denen diese Uraufführung entstanden ist. „Einssein mit anderen Menschen. Das ist es, was wir in diesen Zeiten vermissen“, gibt der Choreograf seinem Stück mit auf den Weg. „Einssein mit der Musik, das ist wie eine Meditation, erhaben, vollkommen.“
In diesem Sinne schlicht perfekt beginnt und endet der Abend. Hans van Manens Ballette sprechen über die zeitliche Distanz von einem halben Jahrhundert in einer Direktheit zu uns, die nach wie vor für Aha-Momente sorgt. Entstanden sind beide in einer Zeit, als die Menschheit zum ersten Mal ernsthaft über die Grenzen des Wachstums debattierte – Hans van Manen war und ist ihr mehr als einen Schritt voraus. Drei in Weiß gekleidete Paare begegnen einander in „Adagio Hammerklavier“ auf eine Art und Weise, die nicht nur in der Reduktion der Stilmittel beispielhaft bleibt.
Welt aus und im Gleichgewicht
Wie gehen wir miteinander um? Eine extreme Verlangsamung erlaubt hier jedem, ganz bei sich zu sein. Von Respekt und Gleichheit erzählen Miriam Kacerova und Roman Novitzky, Anna Osadcenka und David Moore, Elisa Badenes und Jason Reilly mit Gesten von Gewicht. Eine Welt im und aus dem Gleichgewicht beschreiben sie, virtuose Abgänge aus den Hebungen lassen den Atem stocken. Nicht glitzernder Tand, den die Männer um den Hals, die Frauen an den Ohren tragen, ist von Bedeutung. Die Beziehungen sind es, die hier die Kunst ausmachen. Unsere Gegenwart, die sich nach wie vor über Konsum definiert, kann bei Hans van Manen eine andere Form der Teilhabe kennenlernen.
Tanzen auf Augenhöhe
Auch die „Große Fuge“ tanzen vier Paare mit einer Leichtigkeit, als hätten sie das vergangenen Jahr über nichts anderes getan, und doch so ernsthaft und mit einem Sehnen im Blick, das anrührt. Die Männer tragen schwarze Röcke und lassen den Bizeps tanzen, die Frauen treten schüchtern an, können aber in jeder Hinsicht mithalten. Die Tänzer emanzipieren sich und treten mit ausgreifenden Schritten aus dem Schatten der Ballerinen, die Tänzerinnen stehen auf eigenen Füßen – ein Ballett, in dem sich die Geschlechter auf Augenhöhe begegnen. Getanzt wird es wie alles an diesem Abend mit einer Intensität, der man anmerkt, dass nichts die Konzentration auf diesen Moment gestört hat. Nun fehlt nur noch die Energie des Publikums.
Info
Premiere „Beethoven-Ballette“ sind bis einschließlich 5. April abrufbar auf www.stuttgarter-ballett.de. Zu sehen sind in dieser Reihenfolge: Hans van Manen „Adagio Hammerklavier“, Mauro Bigonzetti „Einssein“, Hans van Manen „Große Fuge“.
Rahmenprogramm Stückeinführungen und Programmheft gibt es digital auf Deutsch und English. Bei einer Backstage-Tour führt Sonia Santiago durch das Schauspielhaus. Der Kurzfilm „Different Perspectives: a close-up view of Mauro Bigonzetti’s Einssein“ eröffnet ungewöhnliche Perspektiven: Eine Tänzerin und ein Tänzer wurden mit Go-Pro-Action Kameras während einer Bühnenprobe ausgestattet und in extremen Nahaufnahmen gefilmt.
60 Jahre Stuttgarter Ballettwunder
In einem besonderen Angebot für unsere Digital-Plus-Abonnenten machen wir die spannende Geschichte des Stuttgarter Balletts lebendig. Im Dialog mit Zeitzeugen und einer jungen Generation wird anschaulich, wie sich die Kompanie an die Weltspitze tanzte und dort hält. Mit diesen Artikelserien feiern wir das Jubiläum des Stuttgarter Balletts:
Als das Wunder wahr wurde Wir haben im Archiv nach Erinnerungen an seinen Erfinder John Cranko gesucht und eine 2007 veröffentlichte Interview-Serie mit Weggefährten des Choreografen entdeckt.
► John Neumeier Bereit für Rebellion und Experimente: Lesen Sie hier John Neumeiers Erinnerungen
► Gundel Kilian Wer einfach drauflos knipste, flog raus: Gundel Kilian erinnert sich
► Richard Cragun Lesen Sie hier, was der 2012 verstorbene Tänzer Richard Cragun über Crankos britischen Geschmack sagte.
► Birgit Keil Lesen Sie hier, wie Birgit Keil zu Crankos „Baby-Ballerina“ wurde.
► Friedrich Lehn Wie Cranko Stau zu Tanz machte: Friedrich Lehn erinnert sich
► Marcia Haydée Lesen Sie hier Marcia Haydées Bericht von ihren ersten Auftritten in Stuttgart.
► Egon Madsen Lesen Sie hier Egon Madsens Erinnerungen an eine besondere Party in New York.
► Georgette Tsingurides Lesen Sie hier Georgette Tsingurides’ Erinnerungen an Zigaretten, Hunde und kleine Feuer im Ballettsaal.
► Fritz Höver Lesen Sie hier, was der 2015 verstorbene Gründer der Noverre-Gesellschaft mit Cranko auf Reisen erlebte.
► Jürgen Rose Lesen Sie hier, wie John Cranko Zeichnungen des Bühnenbildners zerriss.
► Vladimir Klos Lesen Sie hier Vladimir Klos Erinnerungen an die letzte Tournee mit John Cranko.
Forsythe, Kylián und Co Das Stuttgarter Ballett war schon immer eine Kompanie, die Tänzer stark gemacht hat. So stark, dass sie weltweit als Direktoren begehrt sind. Wir haben sie nach ihren Stuttgarter Wurzeln gefragt.
► Ivan Cavallari Sechs Fragen an den Direktor der Grands Ballets Canadiens in Montreal
► Sue Jing Kang Sechs Fragen an die Direktorin des koreanischen Staatsballetts
► Filip Barankiewicz Sechs Fragen an den Direktor des tschechischen Staatsballetts
► Marco Goecke Sechs Fragen an den Ballettdirektor am Staatstheater Hannover
► Christian Spuck Sechs Fragen an den Direktor des Balletts Zürich
► Bridget Breiner Fragen an die Direktorin des Badischen Staatsballetts
Weitere Beiträge sind in Vorbereitung.