Schlägt ein neues Kapitel auf: Clemens Fröhlich, hier in Hans van Manens Ballett „Große Fuge“, wird Choreologe. Foto: Stuttgarter Ballett

Clemens Fröhlich, Solist des Stuttgarter Balletts, verabschiedet sich von der Bühne. Bei „Ballett im Park“ an diesem Samstag gibt der Schwabe eine seiner letzten Vorstellungen.

Nein, Probleme mit einem Knie waren es nicht und auch keine der Schultern. Es kam eher aus der Körpermitte, dass Clemens Fröhlich entschieden hat, seine Karriere als Tänzer zu beenden. „Das war so ein Bauchgefühl“, sagt der Solist des Stuttgarter Balletts. „Ich habe gespürt, dass die Zeit da ist, um ein neues Kapitel aufzuschlagen.“

 

Und so wird der in Mönsheim aufgewachsene Schwabe als Paris in „Romeo und Julia“ am 29. Juli seine Abschiedsvorstellung geben. Davor ist er zudem in der Rolle der Titelfigur von „Don Quijote“ bei „Ballett im Park“ zu erleben, worauf er sich sehr freut: „Das ist mein 34. Geburtstag, da können Freunde und Familie dazukommen.“

Neue Leidenschaft tritt in den Fokus

Wehmut, Traurigkeit? Diese Gefühle werden bei der letzten Verbeugung als Tänzer sicherlich aufkommen, wie der Solist beim Gespräch im Opernhaus vermutet. „Ich bin in Form und könnte weitertanzen. Aber ich freue mich vor allem auf die Zukunft und das Neue.“ Ein Studium der Benesh-Ballettschrift habe in ihm eine neue Leidenschaft entfacht. „Jetzt will ich mich darauf fokussieren.“

Er bleibt dem Stuttgarter Ballett verbunden

Damit spielt Clemens Fröhlich auf seine neue Aufgabe an. Als Ballettmeister und Choreologe bleibt er der Kompanie verbunden, bei der er seit 2010 tanzt – mit einer dreijährigen Unterbrechung, in der er beim Holländischen Nationalballett neue Erfahrungen suchte. „Ich fand es nach den neun Jahren in der Cranko-Schule und der ersten Zeit im Stuttgarter Ballett reizvoll zu erleben, wie anderswo gearbeitet wird“, sagt Clemens Fröhlich zu seiner damaligen Lust auf Luftveränderung.

Clemens Fröhlich in der neuen Rolle des Choreologen Foto: Yan Revazov

Die Idee, eine Ausbildung in der Benesh-Ballettschrift in Angriff zu nehmen, hatte Clemens Fröhlich während der Corona-Pandemie. Um seine Wahl zu überprüfen, nutzte er die Chance und schaute Birgit Deharde, der Choreologin des Stuttgarter Balletts, über die Schulter. „Das Studium ist lang und teuer und ich wollte sicher sein, dass es mir liegt“, erklärt Clemens Fröhlich, der sich schon seit längerem für die Aufzeichnung von Balletten interessierte und auch das nötige musikalische Verständnis dafür mitbringt.

Fehlte nur noch die Finanzierung. Dank der Unterstützung von drei Stiftungen konnte er die knapp 20.000 Euro Kosten für die Ausbildung stemmen. Da sie über ein Fernstudium möglich ist, musste er seine Tänzerkarriere nicht vernachlässigen. Nur ein Pflichtpraktikum im letzten seiner vier Studienjahre sorgte für eine dreimonatige Abwesenheit. Absolviert hat es Clemens Fröhlich beim Staatsballett in Berlin, als Edward Clugs „Sommernachtstraum“ entstand. Fünf Szenen daraus hat er in der Benesh Mouvement Notation notiert.

Die Prüfungsphase läuft bestens für ihn

„Gruppen, Pas de deux und Soli waren dabei, ich wollte von allem etwas“, sagt der angehende Choreologe, der eine knapp zweiminütige „Sommernachtstraum“-Sequenz kürzlich für seine Abschlussprüfung mit Stuttgarter Kollegen einstudiert hat. Auch einen Auszug aus einem Ballett MacMillans musste er anhand einer Partitur in Tanz umsetzen. Alles lief bisher so gut, dass er den letzten praktischen Prüfungsteil nicht mehr fürchten muss.

Clemens Fröhlich Foto: Roman Novitzky

Dann steht seiner Arbeit in Stuttgart als Assistent von Choreologin und Ballettmeistern nichts im Wege. Die Hälfte seiner Arbeitszeit wird Clemens Fröhlich dafür einsetzen, in der anderen Zeit wird er für die Cranko-Stiftung, die sein Studium förderte, und für David Dawson tätig sein. Den britischen Choreografen kennt er bereits aus seiner Zeit in Amsterdam und schätzt seine Arbeit so sehr, dass er dafür sogar Praktikumspläne änderte: „Als ich hörte, dass er zum ersten Mal in Stuttgart choreografieren wird, wollte ich unbedingt dabei sein.“

Auch in Sachen Cranko hat Clemens Fröhlich die erste Prüfung bestanden. Für die Gala zum 50. Todestag des Choreografen und für den Spielfilm von Joachim A. Lang hat er „Opus 1“ einstudiert. Nächste Saison folgt in Gera „Jeu de cartes“. Zudem hat er einen ersten Auftrag für eine Partitur in der Tasche. „Für das Holländische Nationalballett werde ich die neue ,Bajadère‘ von Rachel Beaujean aufzeichnen“, freut sich Clemens Fröhlich, „das wird meine erste Aufgabe als frisch gebackener Choreologe sein.“

Wiedersehen als Charakterdarsteller

Bei so vielen Projekten hat der scheidende Solist wenig Zeit, um dem Ende seiner aktiven Karriere nachzutrauern. Das Publikum wird den Tänzer, der Bewegungen elegant zum Fließen bringt und der immer offen für die Noverre-Experimente seiner Kollegen war, vermissen. Doch Wiedersehen sind möglich: Auch als Charakterdarsteller bleibt Clemens Fröhlich dem Stuttgarter Ballett erhalten. „So werde ich noch ab und an auf der Bühne sein können, darauf freue ich mich auch sehr“, sagt er. Die allerletzte Verbeugung muss also warten.

Info

Draußen
Bei „Ballett im Park“ tanzt Clemens Fröhlich in der Titelrolle von „Don Quijote“ auf der großen Leinwand am Eckensee. Die Vorstellung, die aus dem Opernhaus übertragen wird und kostenlos zu erleben ist, beginnt um 19 Uhr.

Ballettschrift
Die Benesh Movement Notation ließen sich der Mathematiker Rudolf Benesh und seine Fau Joan, eine Tänzerin, 1955 patentieren. Ihre Ballettschrift folgt den Notenlinien und Takten der Musikpartitur und erlaubt, Bewegung mittels eines abstrakten Zeichensystems aufzuschreiben. Georgette Tsinguirides war 1966 nach bestandener Ausbildung nicht nur die erste Choreologin des Stuttgarter Balletts, sondern in ganz Deutschland.

Geduld
„Für das Notieren von einer Minute Tanz braucht man zwölf Stunden, für die Partitur eines Handlungsballetts ein bis zwei Jahre“, erläutert Clemens Fröhlich den Arbeitsaufwand eines Choreologen. Er selbst schätzt die Zeit am Schreibtisch: „Da entsteht ein handschriftliches Kunstwerk“, sagt er. Viele trauen sich diese Arbeit nicht zu. Der Stuttgarter ist der einzige Absolvent der Benesh-Academy in seinem Jahrgang.