Stuttgarter Ballett Blick in die Welt eines Perfektionisten

Von Andrea Kachelriess 

Detail aus Roses 70 Meter langem Prospekt für „Die lustige Witwe“, die John Cranko in Stuttgart inszenierte Foto: Max Rose
Detail aus Roses 70 Meter langem Prospekt für „Die lustige Witwe“, die John Cranko in Stuttgart inszenierte Foto: Max Rose

Jürgen Rose prägte mit seinen Entwürfen das Aussehen des Stuttgarter Balletts. Nun entführt ein Bildband in seine Bühnenwelten: Was Sibylle Zehle aus Leben und Werk des Bühnenbildners aus seiner Stuttgarter Zeit zutage förderte, liest sich trotz kiloschweren Formats leicht wie ein Krimi.

Stuttgart - Schwer wie ein Neugeborenes, informativ wie ein Archiv, unterhaltsam wie ein Bestseller: Wer dieses Buch öffnet, tritt ein in eine eigene Welt. Ein Augen-Paradies, das im Dialog von Text und Bild die hohen Ansprüche umsetzt, die auch der Bühnenbilder Jürgen Rose an seine Arbeit hat.

„Auf die Blüte genau“, erzählt er, habe er 1977 Fuchsien in den Werkstätten der Bayerischen Staatsoper nachbilden lassen; jede der künstlichen Blüten wurde dafür einzeln an einem Faden aufgehängt. Regisseur Rudolf Noelte wollte die Pflanzen für seine Inszenierung von „Eugen Onegin“ haben, nachdem er sie in Roses Münchner Garten gesehen hatte. Und er wollte sie so fragil, damit sie Eugen Onegin erst nachlässig, dann rücksichtslos abzwicken kann. Eine perfekte Metapher für eine zerstörte Liebe, findet Jürgen Rose noch heute, „erreicht durch genaue, exakt eingesetzte Requisiten“.

Überreich an solchen Anekdoten ist Sibylle Zehles Buch. Die Fuchsien-Bäumchen gibt es immer noch. Anfang der 1970er Jahre standen sie auf Roses Berliner Balkon, heute blühen sie auf seinem Einödhof in Murnau. In einer stimmigen Choreografie stellt Sibylle Zehle Bilder und Text zusammen: den Blick in Roses Garten, ein Szenefoto, das den Auftritt der Fuchsien im Münchner Nationaltheater zeigt, und die Erinnerungen, die der Künstler mit ihnen verbindet.

Garten als verwunschenes Reservat

Überhaupt der Garten! Die Autorin macht ihn zum Tor zu Roses Bühnenideen. Und er ist verwunschenes Reservat, in das sich Requisiten abgespielter Inszenierungen retten konnten. Ein Gerüst erinnert an den Engel, den sich Rose für „Das Käthchen von Heilbronn“ in Dieter Dorns Inszenierung am Münchner Residenztheater ausdachte. Eine rote Wand erzählt von „Alkestis“, eine Neptun-Maske von „Idomeneo“. „Bühnenbilder sind etwas Flüchtiges“, schreibt Sibylle Zehle. Und so bewahrt ihr Buch Momente aus einem halben Jahrhundert deutscher Theatergeschichte.

Unmittelbar erlebbar bleibt Roses Werk in Stuttgart, wo seine künstlerischen Wurzeln liegen. 1961 holte ihn Werner Düggelin ans Schauspiel, um Shakespeares „Wie es euch gefällt“ auszustatten. In der Kantine lernte er John Cranko kennen, der die Entwürfe des jungen Künstlers unbedingt sehen wollte und ihn mit der Ausstattung seines ersten großen Handlungsballetts betraute.

Von „Romeo und Julia“ 1962 bis zu Marcia Haydées „Dornröschen“ 1987: Wer wie das Stuttgarter Ballettpublikum immer wieder in Roses Bildwelten eintaucht, kennt ihren Zauber. Roses Geheimnis: Details sind wichtig, aber sie dürfen die Leichtigkeit des Entwurfs nicht verstellen. Schmerzlich musste das der junge Künstler lernen, als Cranko die akribisch ausgearbeiteten Feinzeichnungen für Romeos und Julias Verona zerriss und mit den Worten „Das will ich haben“ nach Roses ersten Skizzen griff.

Beharren auf der Spontanität das Wichtigste

Vorhänge scheinbar direkt aus dem Skizzenbuch, eine einfache Kerze auf einem einfachen Tisch: Tatjanas Zimmer, derzeit im Stuttgarter Opernhaus in „Onegin“ zu sehen, illustriert, was Rose aus der Arbeit mit John Cranko wie einen Schatz bewahrt hat: „Von ihm habe ich gelernt, dass dieses Beharren auf der Spontanität das Wichtigste ist. Man muss das behalten, was man intuitiv aufs leere Papier skizziert hat.“

Spontan und doch stilsicher: Roses Werk ist ein Fest fürs Auge, und so stellt es diese Monografie auch vor. So breitet sie auf sechs Seiten den 70 Meter langen Jugendstilprospekt aus, den er sich 1971 für die von John Cranko inszenierte „Lustige Witwe“ ausgedacht hatte. Höchst lebendig macht Zehles Text noch einmal Stress und Aufwand dieser Operetten-Ausstattung, die Stuttgarter Verhältnisse gesprengt und Rose den Ruf eines Verschwenders eingebracht hatte.

Nicht chronologisch geht die Reise durch Roses Welt, sieben Themenkomplexe erschließen sie vom „Garten“ über „Theater“ bis zu „Wagner“. Aus Stuttgarter Sicht liest man die Kapitel „Ballett“ und „Der Lehrer“ mit besonderem Interesse. Noch einmal geht es zur Ballettwunder-Taufe nach New York, ist die Rede von der Bitterkeit, die Cranko nach dem Misserfolg von „Spuren“ erfüllte. Noch einmal stürzt sich Rose in die Trauer um den Freund, der den Bühnenbildner so gern auf der Reise dabeigehabt hätte, auf deren Rückflug er starb.

Im Umgang mit Studenten Diplomatie und Toleranz gelernt

Die Bühnenbildklasse an der Stuttgarter Kunstakademie hat Jürgen Rose 1973, gerade einmal 35 Jahre alt, dann doch übernommen, obwohl er sich fragte, was er hier „ohne John“ sollte. Er lernt im Umgang mit den Studenten, wie er charmant erzählt, Diplomatie und Toleranz. Er gab weiter, was er von Cranko gelernt hatte: streng zu korrigieren und gleichzeitig Mut zu machen. Rund 150 Studenten gingen in den 27 Stuttgarter Jahren durch seine Schule. Einige haben Karriere gemacht wie Rosalie oder Gesine Völlm, nun steuern sie Anekdoten über ihre Lehrjahre bei. Aus allem lässt sich herauslesen, wie wichtig es Rose war, jenseits von Moden an die Zeit eines Stücks anzuknüpfen und sie ins Heute zu verlängern.

Viele Mitarbeiter kommen in diesem Buch zu Wort, um Roses Detailversessenheit zu beleuchten. Wie die Näherin aus einer Kostümwerkstatt, die sagt: „Das hat uns sofort Hochachtung abgerungen, dass er das Metier benutzen wollte für etwas Perfektes.“ Zehle hat sich mit Roses Weggefährten wie John Neumeier unterhalten, um seine Arbeit einzuordnen. „Dass er am Ende Regisseur geworden ist, war für mich logisch“, sagt der Hamburger Ballettchef. „Rose hat nie gedacht, das ist mein Bild, das ist mein Kostüm, sondern immer: Wofür dient es?“

Zuallererst aber war Jürgen Rose, 1937 in der Nähe von Magdeburg geboren, ein Kind vom Land. Später wird er auf Flohmärkten Schuhe und Kleider sammeln, um auf der Opernbühne das Dorf seiner Kindheit noch einmal zum Leben zu erwecken. Er erzählt, wie er die Großmutter ausstaffierte, wie er den Kasperlpuppen Kleider zum Wechseln nähte. Als Elfjähriger kommt er an die Odenwaldschule, wo sich seine Begabungen entfalten durften. In Berlin studiert er kurz Kunst, nimmt nebenbei bei Marlise Ludwig Schauspielunterricht. Dann trifft ein Telegramm von Kurt Hübner ein, der Rose nach Ulm einlädt. Er landet in einem Team mit Zadek, Palitzsch, Johannes Schaaf, Hannelore Hoger – und in einer Welt, die Sibylle Zehle mitreißend auferstehen lässt.

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