Tamas Detrich bei einer Probe Foto:  

20 internationale Kandidaten hatte die Findungskommission im Fokus, als sie einen Nachfolger für den Stuttgarter Ballettintendanten Reid Anderson suchte. Jetzt hat sie den Besten vor Ort gefunden: Tamas Detrich soll von 2018 an die Kompanie leiten.

Am Montagabend fiel die Entscheidung der Findungskommission für Tamas Detrich einstimmig. Als Vorschlag geht er nun in den Verwaltungsrat der Stuttgarter Staatstheater, der in der nächsten Sitzung am 13. Juli die Weichen für die Nachfolge Reid Andersons endgültig stellen wird.

Dass es auch dort grünes Licht für Tamas Detrich geben wird, der seit 1977 in vielen Funktionen für das Stuttgarter Ballett wirkt, darf als sicher gelten. Der Tänzer aus New York, der 1977 seine Ausbildung an der John-Cranko-Schule beendete, ist aus Ballettperspektive durch und durch ein Stuttgarter Kind. Bewahrung des Cranko-Repertoires? Neue Impulse? Pflege der tänzerischen Qualität? Die bevorstehende Sanierung des Opernhauses? „Wir haben das alles erwogen“, sagte der Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn bei der Pressekonferenz, die den Vorschlag der Findungskommission präsentierte, „am Ende hat niemand besser gepasst als Tamas Detrich.“

Auch Kunstministerin Theresia Bauer war Mitglied der fünfköpfigen, vom Verwaltungsrat der Staatstheater eingesetzten Findungskommission und ist sicher, dass Tamas Detrich sich als Stellvertreter Reid Andersons in den letzten Jahren bewährt habe und die Kreativität besitze, neue Impulse für die Kompanie zu setzen.

Auflagen, zum Beispiel die Zusammenarbeit mit den Hauschoreografen Marco Goecke und Demis Volpi betreffend, habe die Kommission den Kandidaten in der engeren Auswahl keine gemacht, sagt Theresia Bauer. Die Stuttgarter Balance zu wahren zwischen Tradition und Neuem sei aber „ein ganz wichtiges Thema“ gewesen. „Allein mit Bewahren kann man kein Ballett von internationaler Leuchtkraft aufstellen“, so Bauer. Tamas Detrich habe, so die Ministerin, auch in diesem Punkt die Kommission überzeugt und „gute Impulse und Ansätze vorgestellt, wie er das hinkriegen und woran er arbeiten will“.

Mögliche Kandidaten seien, beraten von Hamburgs Ballettchef John Neumeier, in der ganzen Ballettwelt gesucht worden. „Für eine Kompanie mit dem internationalen Ruf des Stuttgarter Balletts gibt es keinen Grund, dass man einen Nachfolger nicht auf diesem Niveau sucht“, wehrt Fritz Kuhn Vorwürfe ab, den bequemen, risikofreien Weg gewählt zu haben. Die Ministerin ergänzt: „Wir haben das Feld international gescannt und uns Persönlichkeiten angeschaut, die Erfahrungen als Tänzer und als Intendanten mitbringen, die aber auch Verbindungen zu John Cranko haben.“

Auch John Neumeier habe seine Rolle als Berater beim Abwägen der verschiedenen Aspekte „mit großer Offenheit“ wahrgenommen, betont Bauer. „Er ist ein Experte mit viel Einfühlungsvermögen und Kenntnis des Cranko-Repertoires, der den nötigen Respekt und die Nähe zu Cranko hat.“ Dass nun wie beim Hamburger Ballett auch in Stuttgart der Stellvertreter des Intendanten zu dessen Nachfolger ernannt wird, statt einen Generationswechsel zu wagen, sieht keines der beiden Kommissionsmitglieder als Nachteil.

Vielmehr ergeben sich daraus, dass Tamas Detrich Repertoire und Kompanie seit vielen Jahrzehnten kennt, vor allem Vorteile: ein gleitender Übergang bei laufendem Betrieb zum Beispiel, bis Reid Anderson zum Ende der Spielzeit 2017/18 den Stab ganz offiziell an seinen Nachfolger übergeben wird. Auch hat OB Kuhn keinen Zweifel daran, dass Tamas Detrich die Sanierung des Opernhauses nicht schrecken wird. „Er ist eine Persönlichkeit, die robust genug ist, um kreativ und mutig an dieses Projekt heranzugehen.“

Noch eine Baustelle soll freilich abgearbeitet sein, bis Tamas Detrich am Ende der Spielzeit 2018/19 die Nachfolge von Reid Anderson antreten wird. Wiederholt hatte der scheidende Intendant des Stuttgarter Balletts eine Vertragsverlängerung an die Realisierung des Neubaus für die John-Cranko-Schule geknüpft, dessen Einweihung er als Intendant der Kompanie miterleben will. „Nachdem sich die Planungen für den Neubau für die John-Cranko-Schule über Jahrzehnte gezogen haben“, so Kunstministerin Theresia Bauer, „tun wir alles dafür, dass es zu keinen weiteren Verzögerungen kommt.“ Der offizielle Spatenstich auf dem Gelände an der Ecke Wera-/Kernerstraße am 23. Juli sei ein erster Schritt, so Bauer. „Es wäre Reid Anderson zu gönnen, dass er diesen Schlusspunkt unter seine Karriere setzen darf.“

Im Jahr 2018 laufen auch die Verträge der beiden anderen Sparten-Intendanten der Staatstheater aus, von Armin Petras (Schauspiel) und Jossi Wieler (Oper). Zum Stand der Dinge will die Ministerin nicht Stellung beziehen und vertröstet auf einen Zeitpunkt nach der Sommerpause. „Eines nach dem anderen, wir haben dieses Datum fest im Blick.“

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