Foto: Verena Fischer

Stuttgarter Ballett ist "Kompanie des Jahres" - Hickhack um John-Cranko-Schule Ärgernis des Jahres.

Stuttgart - Zum 50. Geburtstag darf sich das Stuttgarter Ballett über Kritikerlob freuen und erhält Unterstützung in Sachen Neubau John-Cranko-Schule. Ausgezeichnet sind außerdem Stuttgarter Tänzer, Choreografen und Nachwuchskünstler der freien Szene.

Vor einem Jahr war Stuttgarts Erster Solist Friedemann Vogel "Tänzer des Jahres". In diesem Jahr sieht sich gleich das gesamte Stuttgarter Ballett von der Zeitschrift "tanz" in einer Kritikerumfrage als "Kompanie des Jahres" gewürdigt.

"Das Stuttgarter Ballett", so ließ sich der verantwortliche Redakteur Arnd Wesemann als Laudator im Veranstaltungsrahmen der ersten "Berliner Tanzfilmnacht" vernehmen, "ist fünfzig Jahre alt und noch immer ein Familienbetrieb, dessen Ahn den Namen John Cranko trägt. Von ihm stammen die Leiter dieses Ballettwunders ab, MÖrcia Haydée einst, Reid Anderson heute. Crankos Schule, vor allem aber Crankos unbedingter Wille, das Ballett zu erneuern, machen das Stuttgarter Ballett zu einem Ort, der sich erfolgreich wie kein anderer der eigenen Musealisierung entzieht."

Wie wahr! Stellvertretend für das Stuttgarter Ballett nahm die Erste Solistin beim Stuttgarter Ballett, Katja Wünsche, das Jahrbuch der Zeitschrift samt Magnum-Flasche als symbolkräftiges Mitbringsel in Empfang - sie schien denn auch in einer kurzen Ansprache über alle Maßen beglückt, die gemeinsamen Anstrengungen der Kompanie während der Jubiläumssaison auf solche Weise gewürdigt zu sehen.

Umso mehr, als sie später bei der weiteren Lektüre der Zeitschrift "tanz" innerhalb der Umfrage sicher auch noch den Namen zweier Kollegen entdeckt haben dürfte, die gleich mehrfache Nennungen erhielten. William Moore und Friedemann Vogel unter der Rubrik "Tänzer des Jahres" sowie der Stuttgarter Hauschoreograf Marco Goecke. Er zeigt nach den Worten von Sylvia Staude "immer wieder, wie vielleicht nicht die, aber eine Zukunft des Tanzes aussehen kann" - eine Meinung, die offensichtlich auch Philip Szporer aus Montréal teilt. Der Kritiker des "Dance Current" nominierte Goecke aufgrund der beiden kanadischen Ballettproduktionen "Pierrot lunaire" und "L'oiseau de feu".

Neben Lob findet sich selbstverständlich auch Tadel. Unter der Überschrift "Ärgerlich war . . ." wird der Hickhack um den dringend nötigen Neubau der renommierten John-Cranko-Schule gleich dreimal thematisiert, etwa die Kleinkariertheit Stuttgarter Kommunalpolitiker, "die den Neubau ...seit Jahren hinauszögern und jetzt das ohnehin nicht ausreichend dimensionierte Gebäude immer noch schmaler rechnen".

Wie schön wäre es, wenn die Grünen im Gemeinderat den Vorwurf nicht auf sich sitzenließen. Denn dann reichte es im nächsten Jahr vielleicht zu einem Eintrag unter der Überschrift "Erfreulich war. . .".

Nicht eben unbekannt in Stuttgart ist die "Tänzerin des Jahres", Brit Rodemund. In "Kennen Sie Anita Berber" von Nina Kurzeja war sie zu sehen, auch in Stücken von Marco Santi. Ausgezeichnet wurde sie für Helena Waldmanns Soloprojekt "revolver besorgen", das sich mit der Demenz beschäftigt.

"Tänzer des Jahres" wurde Jared Gradinger, wie Brit Rodemund in Berlin heimisch, aufgrund von "is maybe", ein Duo mit Angela Schubot. Wie im vergangenen Jahr ist Sidi Larbi Cherkaoui der "Choreograf des Jahres". Mit "Play" war er zuletzt gemeinsam mit Shantala Shivalingappa Gast bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen.

Als "Aufreger des Jahres" wird der Film "Pina. Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren" rubriziert - nicht zuletzt deshalb, weil er in der Umfrage ebenso viele positive wie negative Kritiker-Stimmen auf sich vereinigt. Arnd Wesemann: "Nie hat Wim Wenders einen Hehl aus seiner bedingungslosen Verehrung für die 2009 verstorbene Pina Bausch gemacht. Seinen Kritikern ist das zu banal, aber was soll's: Ihre Tänzer definieren sich auch im Film in intimen Rückblicken genau über sie, ihre entschwundene Prinzipalin."

Zu guter Letzt die Hoffnungsträger, die wie immer das Jahrbuch beschließen: Tänzer, Choreografen, Macher, die hoffentlich die Zukunft des Tanzes bewegen. Darunter: Tänzer und Choreograf Demis Volpi vom Stuttgarter Ballett - und Choreografin Nicki Liszta, deren Auftauchen in der Stuttgarter Tanzszene Andrea Kachelrieß, Ballettkritikerin unserer Zeitung, zufolge "wie in einem Western" wirkte, "wenn ein Fremder durch die Saloontüre tritt und den Colt auf den Tresen legt". Da heißt es: Achtgeben! Und nicht in Deckung gehen!

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