Stefan Hartung ist trotz Krise und Stellenabbau zuversichtlich für das Unternehmen. Der positive Effekt der Sparmaßnahmen werde kommen – aber nicht über Nacht. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Seit zwei Jahren steht Bosch für Stellenabbau und schlechte Nachrichten. Nun blickt Konzernchef Stefan Hartung wieder nach vorn. Er sieht große Chancen in vielen neuen Technologien.

Bosch hat eine breite Palette von Technologien im Angebot. Damit sieht Konzernchef Stefan Hartung das Unternehmen in einer guten Startposition für die Revolution, die er in der Autobranche kommen sieht. Zugleich muss Bosch in den nächsten Jahren allerdings hohe Ausgaben für den Stellenabbau schultern.

 

Herr Hartung, Sie haben für 2025 Rückstellungen von 2,7 Milliarden Euro für den Stellenabbau gebildet. Sind damit alle finanziellen Lasten berücksichtigt?

Auf dem Papier ja – in der Realität natürlich noch nicht. Die Rückstellungen ziehen die Belastung bei den Gewinnen vor, aber das Geld für ausscheidende Beschäftigte fließt erst in den kommenden Jahren ab. 2025 haben wir knapp 900 Millionen Euro tatsächlich ausgezahlt. Die restlichen Mittel werden erst in den Folgejahren eingesetzt. Die eigentliche Liquiditätsbelastung kommt also noch.

Wie viele Menschen haben das Unternehmen im Zuge des Abbaus bereits verlassen?

Sichtbar ist bereits ein Abbau von rund 6000 Stellen in der Mobilitätssparte in Deutschland. Der größte Weg liegt also noch vor uns. Darüber hinaus haben wir in den Verhandlungen mit den Arbeitnehmervertretern in den vergangenen Monaten Abschlüsse an fast allen betroffenen Standorten erreicht. Das war für beide Seiten sehr anspruchsvoll, aber leistet einen entscheidenden Beitrag zur Schließung der Kostenlücke und damit zur Sicherung der Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit von Bosch.

Beim Interview in der Bosch-Zentrale auf der Schillerhöhe in Gerlingen: Stellvertretende Chefredakteurin Anne Guhlich, Chefredakteur Joachim Dorfs, Redakteur Klaus Köster, Unternehmenssprecherin Melita Delic, Bosch-Chef Stefan Hartung, Kommunikationschef Christof Ehrhart (v.li.) Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Bei anderen Konzernen sind Abfindungen bis zu 500 000 Euro im Gespräch. Sind solche Größenordnungen auch bei Bosch möglich?

Der Abbau betrifft alle Ebenen. Wenn ein Werk halbiert wird, kann auch die Führungsstruktur nicht unverändert bleiben. Bei Führungskräften, die hohe Bezüge haben und schon viele Jahre bei Bosch sind, können hohe Beträge entstehen, denn Abfindungen hängen vom Gehalt und der Betriebszugehörigkeit ab. Das wären dann aber Einzelfälle.

Sehen Sie durch die Einsparungen bereits positive Ergebniseffekte?

Der positive Effekt wird kommen – aber nicht über Nacht. Personalkosten sinken erst, wenn Stellen tatsächlich wegfallen. Gleichzeitig steigen Löhne weiter. Um höhere Löhne bei stagnierendem Umsatz zu kompensieren, braucht man enorme Produktivitätsgewinne. Ansonsten konterkarieren hohe Personalkosten die Wirkung der Sparprogramme.

Mercedes macht wesentlich mehr Umsatz, stellt aber nur 1,6 Milliarden Euro für den Stellenabbau zurück. Lässt sich daran ablesen, dass Zulieferer von der Transformation der Autobranche stärker betroffen sind als Hersteller?

Die Zahlen lassen sich nicht miteinander vergleichen. Klar ist aber, dass die Zulieferer hier besonders betroffen sind. Wenn sich der Markt vom Verbrennungsmotor zur Elektromobilität bewegt, verliert ein Zulieferer für Diesel- oder Benzinkomponenten sehr viel von seiner Wertschöpfung. Der Hersteller dagegen fertigt weiterhin Autos – dann eben solche mit Elektroantrieb. Für die Beschäftigung in der Montage macht die Antriebstechnologie keinen so entscheidenden Unterschied.

Für die Fertigung von E-Antrieben benötigt aber auch ein Hersteller weniger Beschäftigte als für den Bau von Verbrennern.

Das stimmt. Allerdings kann er im Gegenzug Wertschöpfung zurückholen, indem er etwa Achsen selbst baut…

… was die Zulieferer belastet, die dadurch noch mehr Aufträge verlieren.

Die Wertschöpfung beim Verbrenner wird jedenfalls zurückgehen. Für uns bedeutet das: weniger mechanische Fertigung, weniger Montage. Doch zugleich wird es auch ganz neue Wertschöpfung im Fahrzeug geben.

Worum geht es dabei?

Die Automobiltechnik erfindet sich gerade neu. Wir erleben drei fundamentale Veränderungen gleichzeitig: Automatisierung, Elektrifizierung und die vollständige Software-Orientierung der Fahrzeugarchitektur. Das ist eine Revolution.

Welche Rolle spielt Bosch bei dieser Revolution?

Nehmen Sie als Beispiel die Bremse. Mit dem E-Auto betreten wir eine völlig neue Welt. Hier übernimmt der Elektromotor einen Großteil der Bremsvorgänge über Rekuperation – also durch das Umwandeln der Bewegungsenergie in elektrische Energie, die in die Batterie zurückgespeist wird. Dadurch rückt die klassische Hydraulikbremse etwas in den Hintergrund – und genau dort beginnen unsere Innovationen.

Inzwischen gibt es das Bremspedal, das nur noch über ein Kabel mit dem Fahrzeug verbunden ist.

Richtig. Beim sogenannten Brake-by-Wire gibt das Pedal ein elektrisches Signal über ein Kabel an einen Aktuator weiter – also ein Gerät, das die Bremskraft am Rad erzeugt. Für den Fahrer fühlt sich das Bremsen zwar noch an wie früher – doch das Gefühl beim Treten des Pedals entsteht nicht mehr durch eine mechanische Verbindung zum Bremszylinder, sondern wird simuliert.

Auch bei der Lenkung arbeitet Bosch an Technologien, bei denen es keine mechanische Verbindung mehr gibt.

Parallel zur Bremse entwickeln wir auch die Lenkung weiter. Damit kann das Fahrzeug völlig neu konfiguriert werden: sportlich, komfortorientiert für die Familie oder angepasst an Beladung und Fahrstil. Das Auto wird softwaredefiniert.

Welche wirtschaftliche Bedeutung hat all das für Bosch?

Für uns bedeutet das: mehr Entwicklungsleistung, mehr Software, mehr Elektronik – und damit zukünftig mehr Umsatz pro Fahrzeug. Die Autos der Zukunft werden nicht einfacher oder billiger, sondern technologisch anspruchsvoller. Und genau dort liegt unsere Stärke: in intelligent vernetzten Systemen, die Mechanik, Elektronik und Software zu einem Gesamterlebnis verbinden.

Wie nah ist diese Zukunft?

Sie findet bereits statt – oft zuerst in China...

… wo enorm leistungsfähige Technologieunternehmen sitzen…

… zu denen Sie getrost auch Bosch zählen dürfen.

Wie stark ist dort Ihre technologische Position?

Wir sind dort ein wichtiger Marktteilnehmer. Doch Überheblichkeit ist hier nicht angeraten. Die Erfahrung zeigt, wie schnell eine Innovation, mit der niemand gerechnet hat, ganze Märkte umwälzen kann. Entscheidend ist daher, schnell zu sein – nicht nur bei den Innovationen selbst, sondern auch beim Überführen in neue Produkte.

Welche weiteren Wachstumsfelder sehen Sie?

Auch im Bereich Heiz- und Klimatechnik haben wir stark investiert. Neben Wärmepumpen bauen wir das Geschäft mit Klimatisierung und Ventilation aus – ein globaler Wachstumsmarkt.

Sind humanoide Roboter ein Hoffnungsträger für Bosch?

Mit dem Aufkommen humanoider Robotik steigt der Bedarf an Bosch-Komponenten und -Lösungen. Sensorik, Software und die Umwandlung elektrischer Energie in Bewegung sind technologische Verwandte der automatisierten Mobilität und diese spielen in der Robotik eine Rolle. Hier sehen wir enormes Potenzial.

Welche Rolle wird Bosch hier spielen?

Humanoide Roboter müssen ihre Umwelt ähnlich wahrnehmen können wie wir. Ein Mensch hat vier Millionen Tastsensoren. Würde man Roboter bauen, die ebenso viele Sensoren haben, reichte die weltweite Sensoren-Produktion in vier Jahren gerade einmal für 12 500 Roboter. So gesehen sind die weltweiten Wachstumschancen schier grenzenlos – selbst dann, wenn Ingenieure diese Roboter so konstruieren, dass sie mit weniger Sensoren auskommen als ein Mensch. Über unsere Sensortechnologie, für die der Standort Reutlingen eine zentrale Rolle spielt, ist Bosch mittendrin in einer entscheidenden Technologie für die Ausgestaltung der Zukunft.

Bosch liefert zwar Teile für Rüstungsgüter; ins Waffengeschäft allerdings wollen Sie trotz des stark wachsenden Markts für Rüstungsgüter nicht einsteigen. Welche Rolle spielt dabei die besondere Unternehmensverfassung von Bosch?

Unsere Eigentümerstruktur prägt das Unternehmen stark. Die Mehrheit der Anteile liegt bei der gemeinnützigen Robert Bosch Stiftung. Die Familie ist über Gesellschafterrechte eingebunden. Diese Konstruktion sorgt für langfristiges Denken. Strategische Weichenstellungen – etwa die Frage, ob wir uns stärker in Richtung Rüstungsproduktion bewegen – werden immer auch vor dem Hintergrund unserer Werte diskutiert. Es geht nicht nur um Wirtschaftlichkeit, sondern auch um Identität.

Hat die Familie Bosch beim Thema Verteidigung ein Mitspracherecht?

Bei grundsätzlichen Fragen der Unternehmensausrichtung findet selbstverständlich ein Austausch mit den Gesellschaftern statt – dazu gehört auch die Familie. Das ist normal und genau so gewollt. Die operative Entscheidung liegt bei den Gremien des Unternehmens. Aber wenn es um strategische Richtungsfragen geht, also zum Beispiel darum, wie weit wir im Verteidigungsbereich gehen, dann ist das keine rein operative Frage, sondern eine, die das Selbstverständnis betrifft.

Für die vielen Technologien, die Sie voranbringen wollen, brauchen Sie viel Geld, ebenso für die Abfindungszahlungen der kommenden Jahre. Steht die Unternehmensverfassung von Bosch einem Börsengang entgegen, wie Sie ihn schon vor Längerem für Teile des Unternehmens ins Gespräch gebracht haben?

Unsere Verfassung setzt hier klare Leitplanken. Der Gründer wollte ein eigenständiges, langfristig orientiertes Unternehmen. Ein vollständiger Börsengang würde diese Struktur fundamental verändern und ist daher keine Option. Alle anderen Möglichkeiten prüfen wir sehr sorgfältig. Teilbörsengänge einzelner Bereiche oder Partnerschaften sind denkbar, wenn sie strategisch sinnvoll sind. Aber die Eigenständigkeit des Gesamtunternehmens hat einen hohen Stellenwert – auch aus Sicht der Gesellschafter.

Täuscht der Eindruck, dass es um das Thema still geworden ist?

Es steht in der Tat nicht im Zentrum unserer Strategie. Unsere Priorität ist es, aus eigener Kraft unsere Renditeziele zu erreichen und dadurch unsere Eigenfinanzierungsfähigkeit zu sichern. Wenn wir das schaffen – und davon gehen wir aus – sind wir grundsolide aufgestellt.

Am 8. März ist die Landtagswahl in Baden-Württemberg. Werden Sie eine Empfehlung abgeben?

Wir werden wie immer den Beschäftigten empfehlen, in jedem Fall zur Wahl zu gehen. Extreme Positionen halte ich persönlich für problematisch – dabei spielt es keine Rolle, auf welcher Seite des Spektrums sie zu finden sind. Wenn mir eine Partei über ihr Programm sagt, Deutschland müsse aus der EU austreten, halte ich das für nicht sinnvoll. Ich halte aber auch eine zu sozialistisch ausgerichtete Programmatik für falsch, weil Sozialismus noch nie zu besonders großem Wohlstand in der Bevölkerung geführt hat.