Wie viele andere auch, hat Johannes Mehne viele Coronapatienten behandelt. Jetzt blickt er auf zwei Jahre Klinikalltag zurück. (Symbolbild) Foto: imago/Mikel Allica

Schon seit Längerem sinken die Coronazahlen. Das merkt auch Johannes Mehne, Arzt am Robert-Bosch-Krankenhaus. Zeit also für einen kleinen Rückblick, den er mithilfe dreier Geschichten aus seinem Klinikalltag schildert.

Endlich ist es so weit: Auch im Krankenhaus gehen die Coronazahlen spürbar zurück. Ganz allmählich können die letzten Covid-Patienten die Klinik verlassen. Über 1000 Menschen sind wegen oder mit einer Infektion am Robert-Bosch-Krankenhaus und der dazugehörigen Lungenklinik Schillerhöhe behandelt worden. Hunderte Mitarbeiter haben sich in den letzten beiden Jahren um sie gekümmert. Was bleibt von der Coronakrise im Krankenhaus in Erinnerung? Ein Rückblick in Form dreier Geschichten.

 

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Die erste Geschichte handelt von unserem Pförtner, Roland Hesse. Wenn ich in meinen Nachtdiensten bei ihm vorbeikam, war ich stets voller Bewunderung: Niemand sonst konnte so gut die Balance halten – auf einem für ihn viel zu kleinen Stuhl und vor allem: schlafend. Auch wenn er wach war, strahlte er eine Gelassenheit aus, wie sie nur Pförtner haben. Wann immer der Rettungsdienst im vermummten Outfit den nächsten Coronapatienten brachte, wies er nüchtern den Weg auf die Isolierstationen.

Für Roland Hesse fiel die Coronakrise in seine letzten Berufsjahre, bevor er jetzt in Rente geht. Es war, erzählte er mir, doch auch für ihn die emotionalste Zeit seines Lebens: Der Pförtner bekam nicht nur mit, wie die Patienten bei uns ankamen. Besonders bewegend war, wenn sie die Klinik wieder verließen. Viele konnten hinausspazieren, einige mussten in Leichensäcken abtransportiert werden. Corona hat viel Leid gebracht.

Nicht nur Trauriges an der Krise

Die traurigen Seiten der Pandemie sollten aber nur ein Teil der Erinnerungen an die Krise sein. Die letzten zwei Jahre haben genauso viel Ermutigendes gehabt. Um das erklären zu können, muss ich ein Geheimnis lüften: Es geht um den Besucherstopp im Krankenhaus. Den hat es nämlich nicht gegeben – zumindest nicht in voller Härte. Natürlich wurde versucht, durch reduzierte Kontakte Ansteckungen zu verhindern.

Für unsere Seelsorgerinnen galt aber stets eine Ausnahme. Sabine Mader und ihre Kolleginnen standen den Coronapatienten in ihrer Einsamkeit bei. Sie besuchten die Menschen an ihren Betten, zündeten Kerzen für sie an und hörten zu. In der dunkelsten Zeit der Coronakrise gingen so überall im Krankenhaus Lichter an. Gelebte Menschlichkeit, wie Sabine Mader es nannte.

Impfstoff ist großer medizinischer Fortschritt

Aus medizinischer Sicht kommt hinzu: In kürzester Zeit ist ein Impfstoff entwickelt worden. Wir Ärzte haben das Krankheitsbild immer besser verstanden. Und es gab effektivere Behandlungsmöglichkeiten, zum Beispiel die Antikörpertherapie. Damit stehen die letzten beiden Jahre auch für einen enormen medizinischen Fortschritt.

Auch andere Patienten müssen versorgt werden

Dieser Rückblick auf die Coronakrise im Krankenhaus wäre unvollständig, käme darin nicht noch die Geschichte von Raffi Bekeredjian vor, dem Chefarzt unserer Kardiologie. Sie ist ein Beispiel für die komplizierte Versorgung all jener Menschen mit anderen Erkrankungen während der Pandemie. Wir hatten in der Anfangszeit zum Beispiel einen Patienten mit schwerer Herzschwäche, der dringend einen Defibrillator gebraucht hätte. Aus Sorge vor einer Ansteckung ist er nicht zu seinem Termin für die Implantation gekommen. Vier Wochen später erlitt er einen plötzlichen Herztod. Erst nach und nach getrauten sich die Leute wieder in die Klinik.

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Zum ganzen Bild der Krise gehört auch, dass Corona nicht das einzige, noch nicht einmal das größte Problem der letzten zwei Jahre war. Denn im Krankenhaus gab es mehr Patienten mit Herz-Kreislauf-Problemen als mit Covid. Sie alle mussten – unter Pandemiebedingungen – behandelt werden. Selbst wenn das im Falle Raffi Bekeredjians bedeutete, dass er und sein Team in spezieller Schutzkleidung am OP-Tisch standen: Unabhängig von Corona bekam stets jeder Herzinfarktpatient, der dies benötigte, auch einen Herzkatheter und wurde versorgt.

Johannes Mehne ist Arzt am Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart. Der 35-Jährige promovierte an der Berliner Charité, schloss in Dortmund ein Journalistikstudium ab und volontierte beim ZDF. Mit dieser Kolumne enden seine regelmäßigen Einblicke in den Klinikbetrieb während der Pandemie.