Rose Hajdu war an Orten, die für andere oft tabu sind: auf Kirchtürmen, im Frauengefängnis oder im jetzt abgerissenen Südflügel des Stuttgarter Bahnhofs. Jedes Bild der Fotografin steckt voller Erinnerungen. Ein Besuch bei einer neugierigen Frau.
Irgendwann Anfang der 90er Jahre war es, da saß Rose Hajdu vermutlich mit wehenden und ein bisschen verstrubbelten Haaren am Steuer eines ziemlich alten Autos. Die Marke weiß sie schon gar nicht mehr. Hauptsache ein fahrbarer Untersatz. Der musste sie verlässlich an die mitunter entlegensten Orte im Land bringen. Rose Hajdu hatte auch diesmal das Fahrzeug bis unter die Decke vollgeladen mit ihren Kamerataschen, Stativ, Scheinwerfer und was man sonst als Fotografin unterwegs möglicherweise braucht. Es war noch die analoge Zeit der Groß- und Mittelformat- und Kleinbildkameras mit einer Batterie von Objektiven. Gerade so viel Platz war da noch, dass der Kunsthistoriker Richard Strobel, der sie begleitete, auf den Beifahrersitz passte.
Rose Hajdu macht vor, wie sich der arme Mann ins Auto zwängen musste. Angenehm war das mit Sicherheit nicht. So beengt fuhren sie dann in der Justizvollzugsanstalt Gotteszell in Schwäbisch Gmünd vor und durften ausnahmsweise bis in den Innenhof fahren. Beider Vorhaben: Aufnahmen aus dem einzigen Frauengefängnis Baden-Württembergs. Die Fotogenehmigung dafür hatte Rose Hajdu. Aber nicht etwa für eine Sozialreportage. Die Frauen, manche mit ihren Kindern, sahen sie dennoch. Rose Hajdu beschäftigte das. Auch wenn sie und ihr Begleiter offiziell in Sachen Kunst unterwegs waren. Vier dicke Bände „Die Kunstdenkmäler in Baden-Württemberg I bis IV. Schwäbisch Gmünd“ sind eines der Resultate ihrer bisweilen außergewöhnlichen Exkursionen ins Land. Die Bände stehen bei Rose Hajdu in einem schlichten Holzregal neben vielen anderen. Grau und ziemlich seriös anmutend.
Rose Hajdu ist zurück in dieser Zeit, lässt sich treiben durch ihr Leben. Die Negative, Abzüge und Dias, die sie seit Monaten sichtet, geben die Haltepunkte vor. Ein fast 50 Jahre währendes Fotografinnenleben ist das, was da in Schachteln, Kisten und Ordnern mit Schwarz-Weiß-Negativen und Dias in knisterndem Papier verwahrt liegt. In ein paar Monaten wird sie das alles an das Bildarchiv Foto Marburg übergeben, der ersten Adresse für wissenschaftliche Fotografie. Mit jedem Bild kommen Erinnerungen. Jedes Foto ist ein kleiner Abschied.
Schon früh Interesse an Architektur
Man hätte es schon früh ahnen können, dass aus dem Kind, das darunter litt, nicht malen zu können und doch auf der Suche nach bildlichem Ausdruck war, wie sie heute in erwachsenen Worten sagt, eine Architektur- oder Denkmalfotografin werden würde. Neun Jahre war Rose alt, als sie mit ihrer Klasse von Gerlingen nach Wasseralfingen auf Schulausflug fuhr. Der Vater gab ihr seine Kamera mit Rollfilm und den Auftrag mit: „Mach mal ein Foto, damit wir sehen, wo du warst“. Die Tochter tat wie geheißen und drapierte ihre Schulfreundin Ingrid im Vordergrund, im Hintergrund das Wasseralfinger Schloss. Als die Freundin das Bild später sah, war sie mächtig sauer. Kaum zu erkennen war sie, dafür das Schloss umso besser. Als im Freundeskreis ein Jugendlicher auftauchte, der vom Fotografieren beseelt war, ging sie mit ihm und einer Kamera auf fotografische Streifzüge. Menschen sind auch auf diesen Bildern nicht zu sehen. Der Teenager war mitten in der Berufsfindungsphase und beschloss: Das mach’ ich zu meinem Beruf. Bei einem Werbefotografen fand Rose einen Ausbildungsplatz.
Dann vermittelt sie das Arbeitsamt mit 22 Jahren als Amtsfotografin ans Landesdenkmalamt. Verstaubt erschien ihr das alles damals. Bis man sie bei den Ausgräbern platzierte und sie den Inhalt einer Kiste mit zerschlagenen Kacheln fotografieren ließ. „Die waren wunderschön“, sagt sie schwärmerisch. Sie sah den Staub nicht mehr, tauchte ab in eine Welt hinter den Dingen, arbeitete mit improvisieren Licht, baute in einer Kammer ein Studio auf. Die junge Wilde kam an, fuhr dann später mit eigenem Fahrer, sie konnte es kaum glauben, durchs Land. So war das in der Behörde. Sie blieb drei Jahre, kündigte – und reiste drei Jahre ohne Kamera durch die Welt. 1985 machte sie sich selbstständig. Die Gebäude entwickelten ganz offenbar Sogwirkung auf sie.
Auf Fototour in der Haftanstalt
Denn wer historisches Gemäuer – und Gotteszell ist ein ehemaliges Dominikanerkloster – ablichten will, muss trotzdem mitten rein ins aktuelle Leben. Auch wenn die nüchterne Schwarz-Weiß-Aufnahme des Gefängnisinnentraktes das nicht vermuten lässt. Da wirkt alles menschenleer. Aber eben nur für den Moment. In dem ist Rose Hajdu versunken in den Augenblick, „da fühle ich mich verbunden mit den Gebäuden“. Da will sie das Beste aus ihnen hervorholen. Wie in einer wohlmeinenden Beziehung mit einem Menschen, dem man ja auch die Fussel vom Kragen zupft, bevor man ihn fotografiert. „Ich kann gar nicht zählen, wie viele gelbe Säcke ich schon mit herumliegendem Müll gefüllt oder Mülleimer aus dem Bild geräumt – und dann wieder zurückgestellt habe.“
Kontemplative Treffen mit Häusern
So ist das, wenn man etwas – und sei es ein Gebäude- ins rechte Licht rücken will. Das braucht seine Zeit und bei Außenaufnahmen den richtigen Sonnenstand. „Dann spreche ich auch nicht mehr.“ Fast kontemplativ wird es dann. Dann setzt ein stilles Gespräch zwischen Mauerwerk, Licht, Perspektive, der Fotografin und der Kamera ein. Das kann den ganzen Tag dauern und sie nicht nur wie in Gotteszell in mitunter ungewohnte Situationen bringen. So saß sie rücklings ganz oben auf dem Dachfirst der Siebenkelternschule in Metzingen, einem von vier historischen Bauten in der Stadt, deren Sanierung sie begleitete. Sie saß dort, wo die Zimmerleute sitzen, wenn sie den Dachstock bauen. Höhenangst? Sie winkt ab. „Das sieht nur gefährlich aus.“ Na ja. Ausreichend Puste? Offenbar immer. Auf wie viele Kirchentürme sie geklettert ist, um die Glocken Baden-Württembergs für einen Glockenatlas abzulichten, kann sie gar nicht sagen.
Wohl aber, wie es war, als sie vom Archiv in Marburg den Auftrag bekam, den Stuttgarter Bahnhof von Paul Bonatz zu fotografieren, bevor er für das Mammutprojekt Stuttgart 21 zum Teil abgerissen und umgebaut wurde. Plötzlich war sie mitten drin im größten Bahnprojekt der Republik – und in der gesellschaftlichen Diskussion über dessen Notwendigkeit. 2009 beginnt sie mit pochendem Herzen zu fotografieren. „Ich hatte, währenddessen das Gefühl, als würde ich versuchen, gegen den Abriss anzufotografieren“. Ihre „Oben-bleiben“-Anstecker lässt sie für diesen Auftrag natürlich zu Hause. Aber durch ihre Beharrlichkeit und Vermittlung kommt sie dann doch weiter, als in die nur öffentlich zugänglichen Räume, entdeckt im Südflügel verborgene und gut erhaltene Treppenhäuser. Sie empfindet ihr Tun fast als subversiven Akt, hat die Hoffnung, durch ihre Fotos den Verantwortlichen die Augen für das Kulturdenkmal Bahnhof zu öffnen. Auch in Gebäude kann man sich offensichtlich verlieben und nicht nur in diesem Fall eine emotionale Beziehung zu ihnen entwickeln.
An Stuttgart 21 wird weiter gebaut
Auch in Schwäbisch Gmünd war das der Fall. Offenbar bemerkt ihr Begleiter, wie ergriffen sie, selbst Mutter, von diesem Auftrag war. Später gestand er ihr, er habe Angst gehabt, „dass ich eine der Frauen befreie“. Hat sie natürlich nicht. Und auch am neuen Bahnhof in Stuttgart wird weiter gebaut.