Werner Sobek ist für technisch ausgeklügelte und umweltfreundliche Bauten weltberühmt. Bei einem Gespräch in seinem Stuttgarter Büro sagt der Architekt, was er von „Häusern mit Auspuff“ hält – und von Menschen, die ohne Decke schlafen.
Grün, Hellgrün, etwas Weiß, Gelb. Das sind die Farben seines Glashauses im Vorfrühling. Das Grün der Bäume und Sträucher wird im Lauf des Jahres dunkler, wenn es nicht einmal von aufziehendem Nebel umhüllt ist.
400 Quadratmeter Eisblumenzauber umhüllt das Haus manchmal im Winter, von außen natürlich nur, das High-Tech-Glas hält die Kälte außen. Schweift der Blick weiter, egal zu welcher Jahreszeit, schaut Werner Sobek hinab auf die Dächer einer Stadt im Wandel. Auf eine Stadt voller Probleme, die nicht unbedingt nur etwas mit Stuttgart zu tun haben, sondern mit Deutschland, mit der Welt.
Klimawandel, CO2-Fußabdruck, alte Häuser, viele Schornsteine – „Häuser mit Auspuff“ – wie Werner Sobek sagt. Um sie zu beheizen, ist viel Energie nötig, setzt viel CO2 frei, was wiederum die Umwelt belastet. Die Frage, wie es gelingen kann, zu wohnen, ohne die Natur zu zerstören, ist eine Frage, die den vielfach ausgezeichneten Architekten und Bauingenieur und Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande, sein Leben lang, also auch einige Tage vor seinem 70. Geburtstag am 16. Mai, beschäftigt.
Als Kind im Gras liegend war da schon der Wunsch inmitten der Natur zu leben, in aller Stille, beschützt von einer großen Seifenblasenhülle. Diesen Wunsch zu verwirklichen, dazu fehlte das Geld. Das berichtet er bei einer Tasse Kaffee in seinem nur wenige Gehminuten von seinem Haus entfernten Büroturm im Stuttgarter Stadtteil Degerloch.
Aber ein Leben in einem eckigen Glasbau, dem an einem extremen Hang gelegenen Haus R 128 auf der Stuttgarter Halbhöhe unterhalb von Degerloch, das war möglich. „Ich wollte mit dem Haus damals ein Statement setzen mit dieser absoluten Transparenz und einer minimalistischen Hülle“, sagt Werner Sobek, „und verschiedene Aspekte klären, die mir wichtig waren.“
Spezielle dreifachverglaste Fenster und ein neu entwickeltes Klimakonzept schaffen immer ein gutes Raumklima im Haus. Dass die Glasherstellung auch CO2-intensiv ist? „Das,“ sagt Werner Sobek „hatte ich damals nicht mit berechnet.“ Dafür ist es vollständig auseinanderbaubar, rezyklierbar und ein beim Bewohnen emissionsfreies Nullheizenergie-Gebäude.
Was wichtig ist, denn beim Bauen wird viel CO2 freigesetzt, mehr aber noch beim Wohnen. Den Einbau von Wärmepumpen sieht der Architekt in der aktuell geführten Klima- und Sanierungsdebatte nicht als Allheilmittel an. „Zu bedenken ist, wie viel Abfall beim energetischen Sanieren im Bestand entsteht.“ Und es helfe nicht, Häuser extrem zu dämmen, damit man dann im Winter ohne Decke schläft.
Auch tonnenschwere E-Autos, die extrem viel Strom tanken, hält der Architekt nicht für klimafreundlich. „Es muss in der Gesellschaft ein Umdenken stattfinden. Und es muss zumutbar sein, im Winter auch einmal einen warmen Schlafanzug zu tragen, und an ein, zwei Tagen im Jahr kühlere Temperaturen und kalte Hände auszuhalten.“
Platon als Vorbild
Wie viel verbauen wir, wie viel Produktionsabfall entsteht, wohin mit dem Schutt, lauter Fragen, die sich der Architekt stellte. „Das sind Jahrzehnte, in denen die Fachwelt, auch die Wissenschaft, viel verschlafen hat“, sagt Sobek. Auch an den Universitäten müsse sich viel ändern. „Interdisziplinarität, das Ganze verstehen wollen. Nach dem Vorbild von Platons Akademie forschen, lehren, das ist wichtig“.
Heute ist der Architekt viel gefragt. Damals, als er Ende der 1980er beschloss, „möglichst keine toxische Welt zu hinterlassen“, habe er die Regel aufgestellt, Projekte „so zu komponieren, dass man sie dekomponieren kann. Meine Gebäude sollen ein Tag oder mehrere hundert Jahre stehen können.“ Ephemeres Bauen nennt er das.
Als er 1992 in Hannover seine erste Professur hatte und eine Serie von Vorlesungen über Recycling, über das Einsparen von Material, die Wiederverwendung alter Fenster und Türen hielt, galt er mindestens als wunderlich. „Manche sagten: Du tickst nicht richtig.“
Geistige Zerrüttung war ihm auch prognostiziert worden, als er sich anschickte, das experimentelle Glashaus R 128, in dem lediglich das Bad eine nicht einsehbare Wand vorweisen kann, mit seiner Familie zu bewohnen. „Ich wurde vor Psychosen gewarnt, wenn ich dauernd auf dunkle Wände schaue abends. Aber die Stadt ist ja nie ganz dunkel. Und ich habe gelernt, Nuancen von Hell und Dunkel so gut zu unterscheiden, dass ich anhand der Färbung des Himmels sagen kann, wie spät es ist.“
Genaues Hinschauen
Die Lust an der Präzision, am ganz genauen Hinschauen, bestimmt also offenbar nicht nur Werner Sobeks Arbeitsleben. Geholfen hat dieses Beharren darauf, die jeweilige Materie genau zu durchdringen, dass sein Büro längst nicht nur baut, sondern weltweit Architekten und Bauherren auch planend berät, wie man ohne Erdöl und Gas auskommen kann etwa.
„Ich bin das Ende aller Schornsteinfeger“, sagt Werner Sobek, und es ist nicht wirklich als Scherz gemeint. Engineering nennt er all diese Tätigkeiten. „Es gibt für das, was wir machen, einfach kein passendes deutsches Wort“, erklärt Sobek.
In den USA, wo er auch eine Professur hatte, dürfte er gelernt haben, dass griffige Bezeichnungen für das, was man tut, hilfreich sind. Dort habe er auch von Helmut Jahn, seinem Kollegen – „und Freund“, wie Sobek betont, gelernt, wie man gleichzeitig hier und dort ist.
Blauer Anzug, weißes Hemd
Sobek hatte von 2008 bis 2014 auch noch die Mies-van-der Rohe-Professur in Chicago inne. „Einen Koffer in zehn Minuten packen können, mit kleinem Gepäck reisen, akkurate Terminplanung.“ Lange vor dem Kleiderschrank müsse er schon deshalb nicht stehen, weil er stets blaue Anzüge zum weißen Hemd trage.
Warum er dennoch Stuttgart als Hauptwohnsitz gewählt habe? „Das lag daran, dass ich hier meine Fragen beantwortet bekam“, sagt Sobek. So zu arbeiten, dass man die engen Grenzen der eigenen Fakultät überwindet, das hatte schon Frei Otto praktiziert, dessen Professur er später übernommen hat, hier hat er auch im Jahr 2000 das Institut für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren gründen können.
„Es ist meine seziererische Art, alles auseinanderzunehmen, bis ich es verstehe“, sagt Werner Sobek. Und dafür auch in anderen Bereichen kundig zu werden. Weil er mit anderem als dem herkömmlichen Material bauen wollte, habe er als einziger Architekturstudent Vorlesungen in Flugzeugbau belegt, „der Professor fragte immer, versteht das auch ein Architekt“.
Was kann Aluminium? Was Titan? Wie geht es leichter und weniger umweltschädlich? Solche Themen beschäftigen ihn. Und man sieht es auch immer in seinen Bauwerken: das Streben nach Leichtigkeit, Helligkeit, Eleganz.
Denn so präzise er plant, so gut er vorrechnet, wie die Bauwende eventuell zu schaffen sein könnte – ohne Sinn für Proportionen, für Ästhetik, für Sinnlichkeit geht es nicht. „Theorie des Handlaufs“, nennt er das. Es sei nicht so schwierig Häuser zu bauen, die von den Menschen geliebt werden. „Dabei ist der Tastsinn, die Haptik extrem wichtig, das ist der letzte Sinn, der beim Menschen noch funktioniert, bevor er stirbt, habe ich von einer befreundeten Ärztin gelernt.“
Man müsse auf Materialien achten, die man gern anfasst, eben auch auf Details achten wie Handläufe, die Menschen „nicht mehr loslassen wollen.“ Was man liebt, reißt man nicht so schnell ab, egal, ob es ein Haus, ein Turm, ein Verwaltungsgebäude, eine Brücke ist. So wird es vermutlich, so ist es zu hoffen, mit vielen architektonischen Wahrzeichen zugehen, die der Architekt des Ephemeren erdacht hat.
Info
Arbeit
Werner Sobek schreibt auf seiner Homepage: „ Wir wollen nachhaltig und emissionsfrei für mehr Menschen mit weniger Material bauen.“ Zu wichtigen Bauwerken, an denen Werner Sobek maßgeblich Anteil hat, zählt der Thyssenkruppp-Aufzugturm in Rottweil, der neue Hauptbahnhof in Stuttgart, das Mercedes-Museum in Stuttgart, sein Wohnhaus R 128, kürzlich konstruierte er eine Brücke in seiner Heimatstadt Aalen.
Feier
Am 16. Mai feiert Werner Sobek seinen 70. Geburtstag in Wien, wo er eine Wohnung besitzt. Es ist eine kurze Feierpause vor dem nächsten großen Schritt – am 25. Mai steht Werner Sobeks Abschiedsvorlesung von der Universität Stuttgart an. Der Ministerpräsident des Landes Winfried Kretschmann wird erwartet, und der S-21-Bahnhof-Architekt Christoph Ingenhoven wird eine Laudatio halten. Die Veranstaltung ist öffentlich und kostenfrei.
Universität
Werner Sobek hatte gleich zwei Professuren in Stuttgart inne – als Nachfolger der Korypheen Frei Otto und Jörg Schlaich. Seit 1994 wurde Werner Sobek Professor an der Universität Stuttgart, im Jahr 2000 übernahm er einen zweiten Lehrstuhl als Nachfolger von Jörg Schlaich und gründete das Institut für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren (ILEK). 2008 bis 2014 hatte er zudem die Mies van der Rohe Professur in den USA. Seine erste Professur war 1991 bis 1994 an der Universität Hannover.