Antonio Carpone vom Eiscafé La Fragola im Stuttgarter Westen und Dijana Mandaglio von den Stadtisten sammeln Obendrauf-Produkte für Menschen mit wenig Geld. Foto: Nina Ayerle

Die Idee ist nach dem Krieg in der italienischen Stadt Neapel entstanden: Ein Kunde kauft im Café einen Kaffee, bezahlt aber zwei und schenkt den zweiten einer bedürftigen Person. Das Konzept haben die Stadtisten in Stuttgart nun übernommen und erweitert.

S-Süd - Der vegane Supermarkt Die Kichererbse in Stuttgart-Süd unterstützt die Aktion Suspended Coffee schon seit einer Weile. Das Prinzip der sozialen Aktion ist einfach: Ein Kunde bezahlt zwei Kaffee, trinkt aber nur einen. Der zweite wird für einen bedürftigen Kunden „aufgeschoben“. Vor Kurzem haben sich die Inhaberinnen Nora Hofrichter und Helga Fink der Stuttgarter Initiative Obendrauf angeschlossen. Seitdem steht in dem Laden eine kleine Spardose mit dem Obendrauf-Logo. Dort hinein kommt das gespendete Geld. Das Verfahren sei ähnlich wie beim Kaffee, nur dass sich die Kunden ein Produkt aussuchen können, sagt Fink.

Eins bezahlen, eins „aufschieben“

Die Idee, die soziale Aktion auszuweiten, kam von der Wählervereinigung Die Stadtisten. „Wir fanden es schade, sich nur auf Kaffee zu beschränken“, sagt Dijana Mandaglio von der Wählergemeinschaft, und ergänzt: „Wir haben dann angefangen zu träumen.“ Kultur, Brezeln und Wohltätigkeit seien ihnen in den Sinn gekommen. Insgesamt acht Betriebe aus Stuttgart sind inzwischen dabei. Mehrere Cafés und Kneipen in der Innenstadt wie zum Beispiel das Lokal Imme 14, das Café Stella und das Eiscafé La Fragola beteiligen sich von Beginn an. „Jeder kann zwischen zwei Varianten wählen“, erklärt Dijana Mandaglio das Prinzip von Obendrauf. Für welche Variante sich ein Betreiber entscheide, sei ihm überlassen. Bei der Variante eins könne jeder ein oder mehrere Produkte aus seinem Sortiment wählen, die „aufgeschoben“ werden könnten. Bei Antonio Carbone vom Eiscafé La Fragola in Stuttgart-West etwa können sich Bedürftige ein Eis holen.

Das Lokal Imme 14 in Stuttgart-Süd hat sich für die andere Variante entschieden. Die Betreiberinnen kooperieren mit einer sozialen Einrichtung. Sie richten zum Beispiel Jugendlichen aus einer Wohngruppe im Süden ein Knigge-Essen im Imme 14 aus, sagt Mandaglio – mit dem Geld, das die Gäste spenden. Innerhalb von zwei Wochen seien 120 Euro zusammengekommen.

Noch fehlen die großen Spenden

Tamer Bilgi, der Besitzer der Mocca Espresso und Winebar, macht beides. Bei ihm können die Leute sowohl kommen, einen Kaffee trinken und einen bezahlen oder für das Deutsche-Türkische Forum Stuttgart spenden. „Bisher ist es aber nicht viel. Die Scheine fehlen noch“, sagt er. Die Obendrauf-Aktion sei noch nicht sehr verbreitet. Insgesamt gefällt ihm die Sache: „Es gibt viele, die an der Armutsgrenze leben, während andere genug Geld haben.“

Die Stadtisten vermitteln nicht nur die Kontakte und werben Geschäfte an, sie kümmern sich auch darum, die Initiative unter Betroffenen und potenziellen Nutznießern bekannt zu machen – etwa Schulen und Kindergärten. Vor allem auch Familien mit Bonuscard wolle man ansprechen. Auch wollen sie weiter als Vermittler tätig sein zwischen sozialen Einrichtungen und Geschäften. „Langfristig soll zwischen den Kooperationspartnern eine Verbindung entstehen“, wünscht sich Mandaglio. Die Wählergemeinschaft sucht sich die Betreiber sorgfältig aus. Eine gewisse Vertrauensbasis sei notwendig, sagt Mandaglio. Außerdem wolle man für die Geschäfte eine Sicherheit bieten. „Das kann gerade über die Bonuscard geschehen“, sagt Mandaglio.

In der Kircherbse sieht man letzteres nicht so streng. „Wir prüfen das nicht nach“, sagt Helga Fink. Sie glaubt, dass ohnehin eine große Hemmschwelle besteht, solche Angebote in Anspruch zu nehmen.

Die Tradition des „aufgeschobenen“ Kaffees

Entstehung
Die Idee des „aufgeschobenen“ Kaffees (ital. caffe sospeso) ist in Neapel entstanden. Das schwarze Heißgetränk ist dort nicht nur Genussmittel, sondern gewissermaßen Grundrecht. Daraus entstand das Prinzip, dass diejenigen, die das Geld übrig haben, einen Kaffee für jemanden bezahlen, der sich keinen leisten kann.

Deutschland
Die Schülerin Saskia Rüdiger aus Sachsen entdeckte im Internet die Aktion Suspended Coffee, die die neapolitanische Tradition aufgriff, und zog die Internetseite für Deutschland auf (http://suspendedcoffee.de/). Seitdem verbreitet sich das Prinzip auch hierzulande in vielen Städten.

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