An ungewöhnlichen Motiven mangelte es den Zeichnern am Sonntag nicht. Foto: Susanne-Müller-Baji

Die Stuttgarter Urban Sketchers haben sich am Sonntag im Porsche-Museum in Zuffenhausen getroffen, um gemeinsam zu zeichnen und sich über ihr Hobby auszutauschen.

Zuffenhausen - An allen Ecken und Enden saßen sie, Skizzenbücher auf den Knien, hochkonzentriert. Und sorgten für Verblüffung: Was zeichnen die da, haben sie kein Handy zum Abfotografieren? Aber genau darum geht es den Urban Sketchers: Keine austauschbare Bilderflut schaffen, sondern die Essenz eines Ortes und seiner Menschen einfangen. Am Sonntag kam die Stuttgarter Gruppe im Porsche-Museum zusammen.

Herzliche Begrüßung am Eingang, man kennt sich schon lange von den regelmäßigen Treffen, unter Insidern „Sketchcrawls“ genannt. Vielleicht, weil alle sogleich wieder ausschwärmen? Mit dem Gruppenticket geht es hinein. Schnell einen der museumseigenen Klappstühle geholt – praktisch, nicht alle haben Zeichenhocker dabei – und das Motiv gesucht. Zwei Stunden wird intensiv gearbeitet, dann kommen alle wieder in der Cafeteria des Museums zusammen, vergleichen Perspektiven, tauschen sich über Materialien, Tricks und Kniffe aus.

Immer am ersten Sonntag eines Monats trifft sich, wer Zeit und Lust hat; die Einladung ergeht zuvor per E-Mail und über Facebook. Das Porsche-Museum war ein Vorschlag von Mitorganisator Thomas Bickelhaupt: „Jetzt im Winter ist es einfach zu kalt, um draußen zu zeichnen.“ Im Sommer freilich „erzeichnet“ man sich immer neue Winkel, überwiegend in der Landeshauptstadt. „Ich wohne nicht in Stuttgart“, erzählt der Ludwigsburger: „Bei den Sketchcrawls entdecke ich Stellen, die mir sonst verborgen geblieben wären.“ So hat man auch schon am Marienplatz gezeichnet oder im Chinesischen Garten in Stuttgart-Nord.

180 Gruppen in aller Welt

Es geht aber um mehr, als nur sein Zeichentalent auszuprobieren, das zeigt das Manifest von Urban-Sketching-Begründer Gabriel Campanario: „Wir bezeugen unsere Umwelt wahrhaftig“, heißt es darin etwa. Der in den USA lebende spanische Illustrator versteht die Zeichnung als eine Art visuellen Journalismus. Aktuell zählt die Bewegung rund 180 Gruppen in aller Welt, die alle gut miteinander vernetzt sind. Man reist zu internationalen Symposien und zelebriert die Gemeinsamkeit, während die Welt sonst in nationale Interessen zerfällt. Gerade machten Zeichnungen von den „Stop the War on Women“-Märschen in den USA die Runde. Und im vergangenen Jahr gab es eine Initiative, die den Österreichischen Platz in Stuttgart nach den Vorschlägen der Passanten schöner zu zeichnen versuchte.

Heute aber geht es um das Porsche-Museum: Wie sich zeigt, hat jeder seine eigene Vorgehensweise: Die eine legt erst mit einigen Punkten das Motiv innerhalb des Formats fest, der andere zeichnet einfach drauflos, ganz egal ob kleine Fehler passieren. Ob mit feiner Tusche-Umrisslinie gestrichelt oder mit sattem Farbauftrag hingeworfen – am Schluss sind die Zeichnungen so unterschiedlich wie ihre Schöpfer. Winzige Reise-Aquarellkästen werden ausgepackt, Pinselstifte ausprobiert, hier und da sieht man die typischen Marker der Grafiker und Architekten. Jeder hat seine Wohlfühl-Technik und sein Lieblingsmaterial. Wer will, so sagen viele an diesem Nachmittag, nimmt die „Sketchcrawls“ auch zum Anlass, mal etwas anderes auszuprobieren.

Jerome Belthrop zeichnet als einziger auf einem Tablet: „Weil ich ungern Papier wegwerfe!“, scherzt er und setzt dann hinzu: So müsse er weniger Ausrüstung transportieren. Riona Kuthe, die eigentlich lieber auf Papier zeichnet, gibt zu, beim Warten auf die öffentlichen Verkehrsmittel die Mitreisenden gerne mal auf dem Smartphone zu skizzieren: „Alle daddeln doch auf dem Handy, da falle ich gar nicht auf, wenn ich das mache.“ Thomas Bickelhaupt hingegen ist ein Verfechter der klassischen Zeichnung. Er bindet sein Skizzenbuch selbst, natürlich im bevorzugten Format und aus dem richtigen Papier. Und er liebt die Herausforderungen und die Zufallsbegegnungen der Sketchcrawls: Am Sonntag ist ihm besonders eine Gruppe von Menschen mit Behinderungen aufgefallen: „Die Rollifahrer und die Edelkarossen – das war eine tolle Kombination“, erzählt er. Auf einem anderen Blatt hat er einen Boliden festgehalten, der von einer Menschenmenge umlagert wird: „Wie das goldene Kalb! Und das Beste: Alle hatten sie ihre Handys in der Hand und haben fotografiert. Aber keiner hat das Auto wirklich gesehen!“ Dazu braucht es schon die Urban Sketchers und ihre Wahrnehmung von Zeichnung zu Zeichnung.

Info Das nächste Treffen der Stuttgarter Urban Sketcher findet am Sonntag, 5. März im Ludwigsburger Residenzschloss, Schlossstraße 30, statt. Treffpunkt ist um 14 Uhr am Haupteingang.

Weitere Infos zur Stuttgarter Gruppe gibt es unter www.facebook.com/groups/stusk

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