Sebastian Schiller vor dem Seitz-Hüttle. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Versteppte Weinberge haben sie wiederbelebt. Nun widmen sich Sebastian Schiller und Dennis Keifer zudem einem neuen Projekt: In Rohracker hauchen sie einem alten Wein-Ausschank neues Leben ein.

Stuttgart - Sie sind leider ausgestorben. Einstmals fand man fast überall in Stuttgart und Umgebung kleine Hütten in Weinbergen und Gärten, an denen man Peitschenstecken, Landjäger, ein Bier, einen Trollinger oder eine Limo kaufen konnte. Oft nur Eingeweihten bekannt. Betrieben meist über Jahrzehnte hinweg von Einzelkämpfern, geöffnet nach Lust und Laune des Chefs, gerade so geduldet von den Behörden, geknüpft an den Inhaber. Wenn der nicht mehr wollte, verschwand auch der Ausschank. Da war es nur folgerichtig, dass diese Orte nach ihren Besitzern hießen. Sebastian Schiller erinnert sich noch, wie er vor gut 30 Jahren mit seinem Opa in den Rohracker Weinbergen zum Häusle von Julius Seitz marschierte, „dort hat mein Opa sein Feierabend-Viertele getrunken“.

Sie bewirtschaften zwei Hektar Steillagen

Das Seitz-Häusle wird schon lange nicht mehr bewirtschaftet, es drohte zu verfallen. Bis Sebastian Schiller und sein Kompagnon Dennis Keifer von der KSK vintage Winery sich an das Häusle erinnerten. Kein Wunder, sind sie doch Spezialisten für Verwitterndes und Wildwüchsiges. Mittlerweile bewirtschaften sie im Nebenerwerb zwei Hektar Rebfläche in Rohracker. Begonnen haben sie vor sieben Jahren mit dem knappen Hektar Weinbergen, das schon lange im Besitz ihrer Familien war. Nach und nach haben sie Brachen dazugekauft, gerodet und wieder Reben gepflanzt. Eine Knochenarbeit. Denn es ist dort steil, richtig steil.

Stuttgart ist mit über 400 Hektar Anbaufläche die deutsche Großstadt mit den meisten Rebflächen. Knapp ein Fünftel davon, etwa 75 Hektar, sind Steillagen. Dort wachsen die Reben auf einem Hang, der mehr als 30 Prozent Steigung aufweist. Ein großer Teil davon sind terrassierte Steillagen. Das heißt, Trockenmauern teilen den Berg in Terrassen. Auf diesen schmalen ebenen Flächen werden die Rebstöcke gepflanzt. Für die Pflege der Rebstöcke auf den Terrassen fallen 1500 Arbeitsstunden an, in flachen Lagen braucht man 500 Stunden. Also müsste der Wein aus Steillagen deutlich mehr kosten. Doch das zahlt der Kunde nicht.

Viele Weinberge versteppen

Die Konsequenz: Viele dieser Flächen versteppen. Mancherorts liegt Stuttgart mittlerweile zwischen Gestrüpp und Reben. Schiller und Keifer haben es sich zum Ziel gesetzt, die Steillagen für den Weinbau zu erhalten. Mit modernen Mitteln. Via Internet sammeln sie Geld, Crowd-Funding nennt sich das. Die Geldgeber zahlen, bekommen eine Patenschaft für Rebstöcke, dürfen mithelfen und merken, wie die Waden und Oberschenkel brennen, wenn man die Butten durch die Weinberge schleppt. Sie bieten Führungen an, Blicke hinter die Kulissen, Veranstaltungen für Firmen. Für ihre Konzepte bekamen sie vom Weinbauverband den Jungwinzerpreis 2018 verliehen.

Der Besen, ein uraltes Konzept

Nun entdecken sie aber ein ganz altes Konzept wieder: Die Besenwirtschaft. Erfunden hat sie Karl der Große. Er erlaubte 791, dass die Wengerter den Wein, den sie nicht dem Adel abliefern mussten, direkt verkaufen durften. Sie zeigten dies durch einen Kranz aus Weinlaub. Im Schwäbischen ist daraus ein Besen geworden. Wir wollen das nicht küchenpsychologisch ergründeln. Nur so viel, ein sauberer Rausch war dem Schwaben seit jeher so viel wert wie eine saubere Kandel. Zumal einst der Wein gesünder war als das mit Bakterien verseuchte Wasser. Lieber Schädelweh als Ranzenweh.

5000 Besenwirtschaften gab es einst in Württemberg. In den sechs Wochen, die sie offen hatten, leerten sie ihre Fässer. So gab’s halt Trollinger, der Durst trieb’s rein, die Qualität kümmerte kaum. Das hat sich geändert. In den gut 40 Besen in Stuttgart gibt’s natürlich offenen Wein, aber bei fast allen kann man probieren, was die Wengerter auf Flaschen abfüllen.

Regionales wird gereicht

Besen, das ist ja jener Ort, wo sogar der Schwabe gesellig wird und freiwillig zu wildfremden Menschen an den Tisch sitzt. Aber ein echter Besen ist halt eng. Keine gute Idee in Coronazeiten. So wurde aus dem zunächst geplanten Hüttenbesen der Hüttensommer. Dank Hygienekonzept verständiger Behörden dürfen Schiller und Keifer an diversen Wochenenden zum „Hütten-Sommer“ in die Weinberge laden. 40 Sitzplätze gibt es draußen. Es gibt vor allem Regionales, etwa Linsen aus dem Heckengäu, Fleisch und Wurst aus Schwäbisch Hall, Brot aus Gablenberg, die Kräuter für das Ratatouille haben Schiller und Keifer im Weinberg gesammelt. Natürlich schenken sie ihre eigenen Weine aus. Schiller: „Wir sind gespannt, ob das angenommen wird.“ Einmalig soll die Sache nicht bleiben, wie es in besseren, pandemiefreien Zeiten weitergeht, wird man sehen. Ein Anfang ist gemacht.

Geöffnet vom 3. bis 5. Juli und vom 10. bis 12. Juli bis 22 Uhr. Ausgeschildert ist die Hütte ab der Bushaltestelle Dürrbachstraße in Rohracker. Von dort sind es noch sieben Minuten zu Fuß. Die Hütte ist mit dem Auto nicht zu erreichen.

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