Mit heißen Wasserstrahlen rücken Reinigungskräfte festgeklebten Kaugummis und eingeklemmten Kippen zu Leibe. Foto: Lichtgut/Jan Reich

Die Umsetzung des Aktionsprogramms Sauberes Stuttgart hat begonnen. Zehn Nächte lang ist ein Teil der Königstraße mit großem Aufwand gesäubert worden. Im Jahr 2019 kommt der Rest der Einkaufsmeile dran.

Stuttgart - Drei Uhr nachts auf der Königstraße: Betrunkene torkeln Richtung Bahnhof, eine Bierflasche zerschellt auf dem Boden. Den Fahrer im Reinigungsfahrzeug kümmert das wenig. Langsam kriecht das Fahrzeug über die Straße und schickt Strahlen heißen Wassers auf die Steinplatten. Bei Temperaturen von 130 Grad schmelzen dadurch die Kaugummis, die Passanten ausgespuckt haben und die sich auf dem Steinbelag festgesetzt haben. Mittels Hitze lassen sie sich vom Granitbelag lösen. Zigarettenstummel und Strohhalme, die sich in den Spalten gesammelt haben, werden weggeschwemmt.

Die große Reinigungsaktion auf der Einkaufsmeile funktioniert ähnlich wie die Zahnpflege für den Menschen: Man entfernt den unerwünschten Belag obendrauf und säubert auch die Zwischenräume. Zehn Nächte lang haben drei Fachkräfte jetzt zwischen Hauptbahnhof und Schlossplatz jeweils von 20.30 bis 5 Uhr das Pflaster vom Grauschleier befreit. Insgesamt 14 334 Quadratmeter. Die Kosten dafür betragen 60 000 Euro. 2019 kommt der restliche Teil der Königstraße dran. Der eben abgearbeitete Auftrag wurde spontan vorgezogen, eigentlich ist die Firma ausgebucht.

Zwei Spezialgeräte sollen dauerhaft angemietet werden

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Der Naturstein erscheint heller, die Fußgängerzone freundlicher – obwohl dort bald wieder Zigarettenkippen herumliegen werden. Derartige Aktionen werden vermutlich noch wichtiger. Denn im Rathaus gibt es Bestrebungen, künftig vermehrt helle Pflaster legen zu lassen, nach dem Vorbild des Dorotheen-Quartiers – nicht die bisher gräulichen. Damit dürften Verschmutzungen noch stärker auffallen.

Die Stadtverwaltung möchte zwei Spezialgeräte dauerhaft mieten, da der Hersteller sie nicht verkauft. Das ist eine Wende in einem Kampf, den die Stadt und die Abfallwirtschaft Stuttgart (AWS) schon über 20 Jahre führen. 1999 hatte die AWS sogar einmal kapituliert, nachdem sie es mit der Vereisung der Kaugummis versucht hatte, die eingesetzten Mittelchen dann aber verboten wurden. Danach schwenkte man um auf heißes Wasser, doch das Hochdruckverfahren erwies sich als nachteilig für die Beläge. Dann kamen in Deutschland Niedrigdruckverfahren auf, doch damals gestand die AWS ein, dieses Vorgehen wäre, in großem Stil praktiziert, zu teuer. Fortan reinigte man nur an wenigen Stellen – und im Übrigen wartete man, dass sich die Kaugummis auflösen.

Stadt kurbelt Kampf gegen Müll und Schmutz an

Ende 2017 beschloss man im Rathaus so etwas wie eine Kehrtwende: die Aktion Sauberes Stuttgart, deren erste Folge die nächtlichen Einsätze sind. Das ämterübergreifende Konzept soll die Sauberkeit in Stuttgart fördern. Es besteht aus vier Säulen: verstärkte Reinigung, Prävention, Kontrolle und Strafen sowie Öffentlichkeitsarbeit. Für 2018 stehen fünf Millionen Euro zusätzlich zur Verfügung, ab 2019 jährlich rund zehn Millionen. Die Stadt wird damit künftig insgesamt 30 Millionen pro Jahr für Sauberkeit ausgeben. Rund 100 neue Stellen hat sie geschaffen, vor allem für Straßenreiniger und Kehrmaschinenfahrer. Die Besetzung läuft.

Vermehrte Klagen über allgemeine Verschmutzung waren vorausgegangen. Die Zahl der öffentlichen Abfallbehälter sei zwar stark gestiegen, sagt Technikbürgermeister Dirk Thürnau (SPD), trotzdem nahm die Vermüllung weiter zu. Grund: Straßen, Plätze und Parks werden stärker von Stadtbummlern bevölkert als früher. Jetzt sind noch mal rund 1000 Mülleimer angepeilt.

Unterschiedliches Vorgehen in deutschen Großstädten

Prävention wird groß geschrieben. Grund: Die sogenannte „Broken-Windows-Theory“ besagt, dass Kriminalität und Ordnungswidrigkeiten zunehmen, wenn Stadtgebiete heruntergekommen wirken. Ein sauberes, freundliches Stadtbild steigert Lebensqualität und Sicherheitsgefühl der Bürger. Das erhärtet auch eine Feldstudie, die die Polizeihochschule Baden-Württemberg jüngst veröffentlichte. In der Königstraße untersuchte sie die Faktoren, die das Littering-Verhalten – das achtlose Fallenlassen von Abfällen – beeinflussen. Ergebnis: Je verschmutzter die Straße, umso eher landet Abfall auf dem Boden.

Die Großstädte gehen dagegen unterschiedlich vor: Berlin setzt auf orange Mülleimer mit kreativen Sprüchen wie „Müllschlucker“ oder „Bitte füttern“. In Hamburg verteilen sogenannte Waste Watchers, also Abfallspäher, in Parks und an Grillstellen Abfalltüten und klären über Müllfragen auf. Ähnliches hat auch Stuttgarts Ordnungsamt vor. Mittels 13 der 100 neuen Stellen könnten auch am Max-Eyth-See Müllsünder in die Schranken gewiesen werden. In Frankfurt verhängt das Ordnungsamt besonders hohe Bußgelder.

Und hierzulande? Der Bußgeldkatalog des Landes soll noch 2018 überarbeitet werden, die liegen gelassene Zigaretten-Schachtel dann keine 25 Euro mehr kosten, sondern 75. Die Stadt will 17 Kontrolleure gegen wilde Müllablagerungen aufbieten. Noch sind sie nicht im Dienst.

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