500 000 Besucher kommen jedes Jahr allein ins Opernhaus Stuttgart Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Stuttgart hat es wieder geschafft: Zum vierten Mal in Folge Platz eins im Kulturmetropolen-Ranking der 30 größten deutschen Städte. Das weckt Erwartungen – von Kulturschaffenden wie von Politik und Wirtschaft.

Stuttgart - Christiane Lange gilt als eher besonnene Frau. Doch immer wieder in den vergangenen Monaten griff auch die Direktorin der Staatsgalerie Stuttgart zu lauteren und direkteren Tönen. „Die Staatsgalerie“, sagte Lange da etwa, „ist von allen Seiten von Baustellen umgeben. Da weiß doch niemand mehr, wie man überhaupt zu uns kommt.“

Kultur-Publikum trotzt vielen Verkehrs-Widrigkeiten

Schon musste man fürchten, das Museumsflaggschiff des Landes gerate, wie auch manch andere Kultureinrichtung in der verkehrs- und baustellengeplagten Landeshauptstadt, ins Abseits. Und nun das: Das alle zwei Jahre veröffentlichte Kulturmetropolen-Ranking des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts und der Privatbank ­Berenberg sieht Stuttgart unter den 30 größten deutschen Städten auf Platz eins.

Top bei Produktion und auch bei der Nachfrage

Wieder einmal. Denn bereits seit 2012 lässt Stuttgart Städte wie Berlin, München oder Frankfurt hinter sich. Nun also bereits zum vierten Mal. Die Freude vor Ort hielt sich jeweils in Grenzen. Pragmatisch ­verwies man auf den Kern der Studie, den Anteil der Kulturproduktion und der ­Kulturnutzung. Doch inmitten der Diskussionen über die Zukunft der Landeshauptstadt gewinnt die Kulturmetropolen-Studie neues Gewicht.

Ein Ziel: mehr überregionale Anziehungskraft

Und Christiane Lange nennt auch gleich einen ersten Punkt, wenn sie sagt: „Das ­kulturelle Angebot Stuttgarts bewegt sich auf einem wirklich sehr hohen Niveau, nicht nur proportional zu seiner Größe, sondern absolut! Dafür kommen immer noch viel zu wenige Kulturtouristen in unsere Stadt.“ Die Frage nach den Möglichkeiten bewegt die Staatsgaleriechefin. „Umso wertvoller“, sagt sie, „ist dieses ­bundesweit strahlende Zeichen, dass ­Stuttgart die Spitzenposition auf der Rangliste im kulturell insgesamt ­reichen Deutschland einnimmt.“

Während Lange darauf hofft, verstärkt überregionales Interesse zu wecken, weist Thomas Bopp, Vorsitzender des Verbands Region Stuttgart, darauf hin, dass es gerade die Metropol­region Stuttgart mit ihren 2,8 Millionen ­Bewohnern ist, die Stuttgart überragend ­hohe Nutzerzahlen bringt.

Die Metropolregion profitiert

„Die Kulturangebote in Stuttgart sind ­herausragend und haben zum Teil sogar Weltrang“, sagt Bopp. „Deshalb“, so Bopp weiter, „ziehen sie das ­Publikum aus der gesamten Region an und machen zusammen mit den bemerkenswerten Kulturangeboten anderer Städte die Region zu einem kulturell sehr attraktiven Lebensraum.“

Profitieren von dieser Attraktivität auch Wirtschaft und Industrie? Matthias Stroezel, Geschäftsführer des mittelständischen IT-Dienstleisters SSC-Services in Böblingen, sieht Zusammenhänge.

Unternehmer Stroezel sieht Innovationskraft

„Die Qualität auf dem Gebiet der Kulturwirtschaft“, sagt Stroezel, „unterstreicht die Attraktivität des Wirtschaftsstandortes Metropolregion Stuttgart insgesamt.“ Und weiter: „Die Frage, wie wir die Welt erleben und wie wir im Dialog mit anderen Abläufe einschätzen und Prozesse lenken, spielt ­gerade für Unternehmen im Innovationsbereich eine immer wichtigere Rolle.“ Der SSC-Lenker folgert: „Ein entsprechend orientiertes Umfeld ist gerade auch für das Gewinnen neuer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wichtig.“

Hier hakt Stuttgarts Verwaltungs- und Kulturbürgermeister Fabian Mayer (CDU) ein, wenn er sagt: „Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist in Stuttgart überdurchschnittlich stark aufgestellt – deutlich wird dies gerade auch in den ­Bereichen Animation und Digitaleffekte, in denen Forschung und Produktion Synergien nutzen und sich dadurch zu einer relevanten Größe entwickelt haben.“

Bestätigung aus Hollywood

Mayer spielt auf Erfolge der Filmakademie Baden-Württemberg und des längst auch zur weltweiten Macher-Drehscheibe gewordenen Internationalen Trickfilm-Festivals in Stuttgart an, zudem auf Hollywood-Triumphe von Firmen wie Pixomondo und ­Mackevision.

Stark gefragt: privatrechtlich organisierte Theater

Doch Mayer verweist noch auf einen anderen Punkt. „Neben einem Staatstheater, das regelmäßig Auszeichnungen von Rang und Namen erhält, sind es gerade auch die privatrechtlich organisierten Theater und Ensembles, die aufgrund ihrer Vielfalt und ihres hohen Niveaus einen ­starken ­Zuspruch genießen“.

Soll heißen: Für die Frage, wie man das ­jeweils eigene Stadtquartier erlebt, spielen die Angebote der Privattheater eine zentrale Rolle. Die Konsequenz? „Dass die Stadt Stuttgart ihre Kulturförderung für den Doppelhaushalt 2018/2019 um einen zweistelligen ­Prozentbetrag ausgebaut hat, unterliegt unserem Selbstverständnis als Kulturmetropole auch in wirtschaftlicher Hinsicht.“

Spitzenplatz ist Auszeichnung und Verpflichtung

Auf solchen Rückenwind für die Zukunftsstadt hofft man auch im Staatstheater Stuttgart. Marc-Oliver Hendriks, Geschäftsführer des größten Dreispartenhauses Europas (Oper, Ballett, Schauspiel), sagt: „Das diesjährige Kulturstädte-Ranking verweist erneut auf die profilbildende Stellung, welche die Kultur in der Stadt Stuttgart und der Metropolregion einnimmt.“ Und: „Der Spitzenplatz ist beides – eine ehrenvolle Auszeichnung, auf die Stuttgart als Stadt, aber auch als Gesellschaft sehr stolz sein kann; zugleich hat sie verpflichtenden Charakter. Sie fordert ­weitsichtige kulturpolitische Entscheidungen, die verantwortungsvoll und stets mit dem Bewusstsein für die tragende Rolle von Kultur innerhalb einer Gesellschaft getroffen werden sollten – gerade auch bei bau­lichen Investitionen.“

Im Klartext: Die von Stadt und Land beschlossene Sanierung des Opernhauses Stuttgart und Erweiterung des Staatstheaters sollen nicht zur Hängepartie werden. Mut zur Kulturstadt, so darf man Hendriks verstehen, zahlt sich aus – für den Standort Kulturmetropolregion Stuttgart insgesamt.

Internationale Bauausstellung als Zukunftsmotor

Geht es nach Thomas Bopp, muss der Mut auch der Zukunft gelten: „Mit der Internationalen Bauaustellung 2027 StadtRegion Stuttgart wollen wir regionsweit die internationale Expertise bei der Baukultur und Architektur in den Mittelpunkt stellen.“

Beziehungsreicher Titel: Lehmbruck-Schau „Variation und Vollendung

Staatsgaleriedirektorin Christiane Lange setzt derweil auf die Strahlkraft eines der bedeutendsten deutschen Künstler des frühen 20. Jahrhunderts: Von diesem Freitag, 28. September, an ist unter dem Titel „Variation und Vollendung“ eine große Sonderschau zum Werk von Wilhelm Lehmbruck zu sehen.

Das sagt Reinhold Würth

Seit Jahrzehnten begleitet der Unternehmer Reinhold Würth den Dialog von Wirtschaft und Kunst. Den „Stuttgarter Nachrichten“ sagt Würth: „Neue Wege zu gehen gehört zur Kunst wie zum Unternehmertum. Allein deshalb bin ich der festen Überzeugung, dass der lebendige und kritische Umgang mit der Kunst zu einer richtig verstandenen Unternehmenskultur führt, von der alle profitieren.“

Und weiter: „ In unseren Museen in Künzelsau, Schwäbisch Hall und an zehn weiteren Standorten in Europa verlangen wir keinen Eintritt und haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Diese Erfahrungen wollte ich auch dem Landesmuseum in Stuttgart ermöglichen und habe daher den freien Eintritt initiiert. In unseren Museen im Land schlummern große Schätze, mit denen sich eine Auseinandersetzung wahrhaft lohnt. Dies wiederum fördert die Identifikation mit dem Lebensumfeld und trägt dazu bei, dass die Menschen gerne leben wo sie leben.“

Das komplette Kulturmetropolen-Ranking des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts und der Privatbank ­Berenberg.

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