Franz Kinzig hat auf 18 Quadratmetern interimsweise seine komplette Einrichtung abgestellt. Foto: Kathrin Wesely

Oft sind sie unscheinbar und versteckt: Lagerhäuser. In der Rotenwaldstraße hat kürzlich auch wieder eines eröffnet. Die Storage-Branche boomt in Ballungsräumen wie Stuttgart, und sie nimmt allmählich auch städtebauliche Fragen in den Blick.

S-West - Nachverdichtung, den Flächenverbrauch drosseln und dabei möglichst rationell organisierten Wohnraum schaffen. Das klingt vernünftig und liegt schwer im Trend. Nur für den Krempel bleibt dann kein Platz mehr. Deshalb werden in den Großstädten mehr und mehr Lagerhäuser hochgezogen – sogenannte Selfstorages. An der Rotenwaldstraße im Westen hat kürzlich wieder eines eröffnet. Es bietet 800 Lagerabteile mit einer Gesamtfläche von 3600 Quadratmetern. Es ist der zweite Standort der Firma Myplace, die zu den Platzhirschen der Branche zählt und bereits beim Wizemann-Areal ein Lagerhaus bewirtschaftet.

Franz Kinzig hat hier auf 18 Quadratmetern seine komplette Einrichtung abgestellt. Nachdem ihm sein Vermieter aus der Wohnung geworfen hatte, musste seine Einrichtung irgendwohin. Bis der Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma wieder eine bezahlbare Wohnung gefunden hat, bleiben die Sachen eingelagert. „Das kann dauern“, seufzt der 40-Jährige. Manches vermisst er. Seine Freundin hat ihm zwar Asyl gewährt, nicht aber seinem Geraffel.

Selfstorage-Häuser stoßen in eine Lücke

Die anhaltend hohe Nachfrage nach Wohnraum in Städten wie Stuttgart führt zum einen dazu, dass die Mieten steigen und sich viele Leute eine geräumige Wohnungen nicht mehr leisten können. Zum anderen wird Platz geschunden: Dachgeschosse werden ausgebaut, einstige Speise- oder Abstellkammern wegrationalisiert. In der Folge fehlt den Leuten Stauraum. In diese Lücke stoßen die Selfstorage-Häuser. Das Online-Branchenverzeichnis „storagebook“ listet für Stuttgart sieben Lagerhäuser auf, in der näheren Umgebung weitere acht. Angeboten werden unterschiedliche Abteilgrößen, auch Spezialabteile etwa für Wein oder Kunst. Es gibt Boxen, die fassen gerade mal einen Kubikmeter, und Abteile mit bis zu 300 Kubikmetern.

Zugangsmöglichkeit fast rund um die Uhr, eine individuelle Abteilgröße und Mietdauer – die üblichen Rahmenbedingungen sind abgestimmt auf eine mobile urbane Gesellschaft. Geradezu optimal sind sie für die steigende Zahl an Arbeitsnomaden und Flexiworkern – also für Beschäftigte mit längeren Auslandsaufenthalten, für Ebay-Powerseller, Inhaber von Pop-up-stores, Klein-Handwerker oder für Multi-Jobber.

Die Selfstorage-Branche ist noch auf der Suche nach Möglichkeiten der Optimierung – sowohl in Fragen der Logistik als auch in städtebaulicher Hinsicht. Projekte dazu gibt es unter anderem an der Technischen Universität München. Dort haben Studierende Form und Funktionalität der Lager untersucht und beispielsweise ein Gebäude in Form eines Regallagers entworfen. Dessen Besonderheit: Der Mieter kann sich seinen Container bis an die Haustür bestellen, befüllen und abholen lassen. Eine Idee von Myplace ist es, ein so dichtes Netz an Lagern zu schaffen, dass jeder Großstädter binnen zehn Minuten an sein Lagerabteil kommt. Das ist fast so, als ginge man rasch in den Keller, um Wein zu holen.

Kinderglück auf 1,74 Quadratmetern

Philip Koch genießt diesen Vorzug der Nähe bereits: Zu seinem Abteil im neuen Lager in der Rotenwaldstraße ist es nur ein kleiner Spaziergang. In seiner 1,74 Quadratmeter großen Box bewahrt er sein altes Spielzeug auf. Seine Eltern hatten den Speicher ausgeräumt, und er nahm an sich, was er für Wert befand, weiterzuvererben – als da wären: Alf-Kasetten, Fischertechnik-Teile, Modellflugzeuge, eine Dschunke aus Holz, ein Bausatz für eine Raumrakete, Schlittschuhe, eine Ritterburg, Playmobil-Teile, Bauklötze und Matchbox-Autos – um nur ein paar Beispiele aufzuzählen. Kochs Plan ist es, den dreijährigen Sohn portionsweise, altersgerecht und nach Abwägung pädagogischer Gesichtspunkte immer wieder mit neuen alten Spielsachen zu beglücken. „Fischertechnik oder Playmobil zum Beispiel fördern Fingerfertigkeit und technisches Verständnis.“

Ein bisschen beglückt sich der Papa damit natürlich auch selbst. Mit den vertrauten Spielsachen findet der 41-Jährige immer rasch in jenen Modus hingebungsvoll-selbstvergessenen Spielens, den er als Erwachsener beinahe verlernt hat. Und es macht ihm Freude zu sehen, dass der Junge sich für dieselben Sachen begeistert, wie er selbst seinerzeit.

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