Bernhard Klar (l.) und Christoph Schmid, die beiden Vorsitzenden des Weilimdorfer Heimatkreises, präsentieren das neue Weilimdorfer Heimatblatt. Foto: Georg Linsenmann

Das neue Heimatblatt des Weilimdorfer Heimatkreises erinnert an Kriegsnot und den Aufbruch in die Demokratie um 1918/19.

Weilimdorf - Da braut sich was zusammen! Und zwar mehr und mehr. Denn die „wohlhabenden Klassen und die Kriegsgewinnler“ kommen sogar „überreichlich“ an Lebensmittel, während das gemeine Volk mit den „von Reichswegen auf dem Papier festgesetzten Rationen nicht auskommt bzw. nicht auskommen kann“. Nicht einmal mehr „genießbares Brot“ ist im September 1918 zu haben. Geschweige denn, dass der „dringende Wunsch der organisierten Arbeiterschaft“ nach Most und einem „trinkbaren Bier“ erfüllbar wäre. Es fehlt am Notwendigsten, an Kartoffeln, Gemüse, Obst. Im Volk mache sich deshalb Groll breit. Dieser wird anfangs noch als verhalten bezeichnet, schlägt aber angesichts gewaltiger Teuerungen in „ein tiefes Gefühl des Unmuts und des gerechten Zorns“ um, sodass zu befürchten sei, „dass das Volk sich allmählich auflehnt“.

So steht es in den „Streng Geheim“ gestempelten Stimmungsberichten aus den letzten Kriegsmonaten, vom württembergischen Kriegsministerium verfasst und in die Berliner Zentrale expediert. Mit diesen Berichten beginnt das neue Weilimdorfer Heimatblatt aus der Feder von Bernhard Klar. Der Vorsitzende des Heimatkreises war 30 Jahre lang Verwaltungsleiter im Haus der Geschichte, dort also nicht mit inhaltlicher Arbeit befasst. „Aber so ein Haus färbt natürlich ab“, und so habe er sich nicht zuletzt durch die dortige Ausstellung „Anfänge der Demokratie im Südwesten“ angeregt gefühlt, „in Weilimdorf nach entsprechenden Spuren zu suchen“.

Demokratie ist hohes Gut

Neben einem allgemeinen historischen Interesse habe ihn zu der Arbeit nicht zuletzt dies motiviert: „Für uns ist die Demokratie so selbstverständlich geworden, dass viele sie gar nicht mehr wichtig zu nehmen scheinen.“ Wie sehr die Demokratie, die „sogar in Staaten der EU teilweise bröckelt“, aber einen Wert darstellt, den wir verteidigen sollten“, das könne auch der historische Abgleich „bewusst machen“. Und zwar mit einem Zeitabschnitt, „in dem Demokratie erstritten wurde und wo man sieht, wie unheimlich wichtig sie den Leuten war“.

Kriegsnot, Durchhalteparolen und die letzte Kriegsanleihe, die auch in Weilimdorf eingetrieben wurde, sind Themen. Oder ein Aufruf zur „Ludendorff-Spende“ noch im Juli 1918, der Frauen von Haustür zu Haustür als Sammlerinnen Nachdruck zu verleihen hatten. Und dies vor dem Hintergrund eines schon vier Jahre anhaltenden, mörderischen Sterbens der Soldaten: 121 Männer aus Weilimdorf ließen im Krieg ihr Leben. Deren Namen sind auf einer Doppelseite abgedruckt: von Karl Mauch, am 21. August 1914 gefallen, bis zu Eugen Raith, am 5. November 1918 der Letzte in der Reihe, in der noch manch heute gängiger Name aus dem einstigen Weil im Dorf zu finden ist. Detailreich legt Klar dar, wie sehr sich die Versorgungssituation vor Ort zuspitzt, einschließlich „stromloser Tage“, weil die Neckarwerke mangels Kohle nicht mehr genügend Elektrizität erzeugen können. Als dann am 9. November, zwei Tage vor der Kapitulation der Heeresleitung, in Berlin die Republik ausgerufen wird, wird am 4. Dezember auch in Weil im Dorf ein Arbeiter- und Bauernrat gewählt. Erstmals sind dabei auch Frauen wahlberechtigt. Gustav Härlin, der Vorsitzendes des hiesigen Arbeiter- und Bauernrates, schafft es als Württemberg-Delegierter sogar bis nach Berlin.

Von Aufruhr vor Ort konnte nicht die Rede sein

Von Aufruhr vor Ort kann freilich nicht die Rede sein. Die hiesigen Räte sahen laut Klar ihre Aufgabe „vor allem darin, für eine gerechte Verteilung der Lebensmittel zu sorgen“. Dass „die demokratische Gesinnung“ im Ort schon länger Fuß gefasst hatte, vermerkt ein einschlägiger Pfarrbericht. Andreas Phillip Kohler etwa musste wegen seiner Unterstützung der 1848-Revolution sogar ins Zuchthaus: eine dieser kleinen Reminiszenzen, mit denen Klar nebenbei Weilemer Akteuren kleine Denkmäler setzt. Seinen Ruf als „rotes Nest“ festigte Weil im Dorf dann mit Wahlen im Jahr 1919. Bei der Wahl zur Nationalversammlung am 19. Januar errang die SPD 61,5 Prozent der Stimmen – und bei einer Wahlbeteiligung von 93,6 Prozent gingen, so Klar, „mehr Frauen zur Wahl als Männer“. So schließt das Heimatblatt: „Die Erfolge der Revolution sind uns erhalten geblieben: Freiheit und Demokratie“ – und setzt zugleich ein Fragezeichen: „Jetzt garantiert das Grundgesetz unsere Freiheitsrechte. Aber sind sie tatsächlich so selbstverständlich?“

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