Mit viel Liebe und Sorgfalt hat Walter Stähle Schrifttypen ausgewählt und zu grafischen Kunstwerken zusammengefügt. Foto: Archiv Müller

Eine Ausstellung in der Heimatstube und das neue Heimatblatt widmen sich Walter Stähle. Der Grafiker, Schriftsetzer und Künstler wäre am 9. Juli 100 Jahre alt geworden.

Weilimdorf - In der Presse wurde er in der Vergangenheit als einer der letzten Jünger Gutenbergs betitelt. Keine Frage, Walter Stähle konnte etwas, das nicht erst heute, sondern auch schon vor Jahrzehnten zu so etwas wie einem Orchideen-Fach verkommen ist. Er war Schriftsetzer und beherrschte das Druckhandwerk wie es einst Johannes Gutenberg erfunden hat. Am 9. Juli wäre der Professor für Typografie und Produktgestaltung, der seine Karriere als einfacher Lehrling begonnen hat, 100 Jahre alt geworden. Für den Weilimdorfer Heimatkreis Grund genug, Stähle ein Heimatblatt und eine Ausstellung zu widmen.

Und seine Verbindung zu Weilimdorf? Hier lebte Stähle viele Jahre. 1919 kommt er in Rottweil als Sohn eines Zollbeamten zur Welt. Nach nur vier Jahren in der Oberrealschule beginnt er in Calw eine Lehre zum Schriftsetzer. Damals ist er 14 Jahre alt. Nach dem Umzug der Familie nach Stuttgart, beendet er diese in der Druckerei des Kohlhammer Verlags. Sein Fleiß und seine Auszeichnungen bringen dem talentierten Setzer 1937 ein Stipendium zum Studium der grafischen Fächer ein, das er jedoch erst nach seinem Kriegsdienst antreten kann. Im Frankreich Feldzug wird Stähle schwer verwundet. Ein Infanteriegeschoss trifft ihn am Kopf. Er verliert sein linkes Auge, wird aus dem Wehrdienst entlassen. Zurück in Stuttgart heiratet er Ruth Völter aus Weilimdorf und kann sein Studium schließlich antreten. Von nun an verschreibt er sein Leben der Schwarzen Kunst. Seiner Braut druckt er mit der Handpresse ein Gedichtband. Heute kaum vorstellbar, musste damals Buchstabe um Buchstabe von Hand gesetzt werden. Die Bilder stellte er als Holzschnitt her. Auch als Kalligraph schafft er zahlreiche private Arbeiten. Er wird Lehrer für Schrift und Typografie, 1956 lehrt er an der Fachhochschule für Druck in Stuttgart, der späteren Hochschule der Medien. 1973 wird er schließlich zum Professor für Produktgestaltung ernannt.

Künstlerische Leidenschaft galt der Handdruckpresse

Seine künstlerische Leidenschaft galt jedoch der Handdruckpresse seines Lehrers Ernst Engel. Bei ihm hatte der junge Stähle studiert. 1952 erwirbt er die Presse seines Lehrmeisters und richtet sich ein Atelier ein. Von nun an druckt Stähle Bücher und Einblattdrucke, in kleinen nummerierten Auflagen, die bis heute ihre Sammler haben. Mal beträgt die Auflage ein Dutzend, mal 350, doch jede Seite geht durch seine Hand. In digitalen Zeiten, in denen Maschinen Seiten im Sekundentakt ausspucken, ist der Zeitaufwand kaum vorstellbar. 1981 geht Stähle als Professor in den Ruhestand. Sein Druckatelier verlagert er nach Meersburg. 1997 verkauft er die Handpresse an Martin Reissing, der sie ins Elsass mitnimmt. Walter Stähle stirbt am 29. Mai 2004 in Friedrichshafen.

Heimatblatt des Heimatkreises widmet sich Walter Stähle

Seine Biografie lässt sich hier freilich nur raffen, sie könnte ein ganzes Buch füllen. Deutlich ausführlicher nachzulesen sind Walter Stähles Stationen und Schaffen im neuen Heimatblatt des Weilimdorfer Heimatkreises. Der Verfasser, ist kein geringerer als der Schwiegersohn Stähles. „Neben dieser familiären Verbindung gibt es aber noch einen anderen Grund, dass ich über ihn recherchiert, das Heimatblatt verfasst und eine Ausstellung seiner Druckerzeugnisse vorbereitet habe“, sagt Eberhard Grötzinger. Walter Stähle habe als einfacher Schriftsetzer angefangen, sei dann aber bald von der Schönheit eines Buchstabenbildes und der Schönheit eines künstlerisch gestalteten Buches so fasziniert gewesen, dass er selbst auf diesem Gebiet zu einem Künstler wurde. „Man entdeckt sein Anliegen, einem bestimmten Gedanken eine ihm entsprechende Form zu geben, neu“, sagt er weiter. Gerade weil man es durch technische Hilfsmittel heute so einfach habe, würde das mühsame Anfertigen einer Kalligraphie und des Handletterings, also der Kunst, Buchstaben zu zeichnen, wieder interessant. „Ein von Hand sorgfältig geschriebener Brief ist eben etwas ganz anderes als eine schnell verfasste Mail oder SMS“, sagt der Schwiegersohn.

Info Anlässlich des 100. Geburtstags Walter Stähles ist vom 9. Juli bis zum 10. August in der Stadtteilbibliothek, Löwen-Markt 1 die Ausstellung „Vom Zauber schöner Schriftgestaltung“ zu sehen. Zudem hält am 18. Juli, Ute Bendel in der Stadtteilbibliothek von 19 Uhr an einen Vortrag mit dem Titel „Lust auf Handlettering“.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: