Allein an Silvester: In Stuttgart gibt es keine Angebote für einsame Menschen. Foto: dpa/Ingo Wagner

Wenn zum Jahreswechsel alle fröhlich feiern und Partys besuchen, fühlen sich einsame, alte oder erkrankte Menschen mitunter sehr alleine. Dennoch gibt es in der Landeshauptstadt keine sozialen Angebote – ganz im Gegensatz zu Weihnachten. Warum ist das so?

Stuttgart - Wer nicht wollte, musste an Weihnachten in Stuttgart nicht alleine bleiben. Bereits seit mehreren Jahren bieten unter anderem die Caritas und die Evangelische Gesellschaft (Eva) mehrere offene Veranstaltungen an Heiligabend und den Feiertagen an, zum Beispiel weihnachtliches Beisammensein in der Eva-Stadtmission oder eine internationale Feier am Hauptbahnhof.

Keine offene, kostenlose Veranstaltung an Silvester

Anders ist es an Silvester. Weder die Kirchen noch andere Institutionen veranstalten zum Jahreswechsel Veranstaltungen für Menschen, die wenig Geld zur Verfügung haben, psychisch erkrankt sind oder schlicht einsam. Dennoch ist klar: Der Bedarf nach solchen Angeboten ist da. Denn ähnlich wie Weihnachten ist auch Silvester aufgeladen mit gewissen Erwartungshaltungen. Es soll ein besonderer Abend sein, und man will ihn vorzugsweise nicht alleine, sondern mit anderen verbringen.

Auch aus diesem Grund gibt es die bundesweite Initiative „Keiner bleibt allein“, bei der sich Menschen für die Weihnachtszeit und Neujahr verabreden und Zeit zusammen verbringen können. Was es aber in Stuttgart nicht gibt: eine offene, kostenlose Veranstaltung, zu der man auch ganz spontan gehen kann, wenn einem im Laufe des Silvesterabends eine Krise überkommt.

Alkohol stellt ein Problem dar

Die Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Stuttgart veranstaltet zwar ein Angebot zu Silvester – jedoch bereits einen Tag zu früh, am Nachmittag des 30. Dezember. „Dann gibt es Feuerzangenbowle, wir gießen Wachs und reden über das, was 2019 war, und das, was 2020 kommen wird“, sagt Nele Bonner, die das Begegnungs- und Servicezentrum der Awo in Dürrlewang leitet. An Silvester seien die Menschen auf sich gestellt. „Ich habe angeregt, ein offenes Angebot zu machen, aber das müsste ein ganz spezielles sein, das auf die jeweiligen Gruppen abgestimmt ist.“

Bei den älteren Menschen, die in der Awo-Begegnungsstätte zu Gast seien, gebe es zum Beispiel kein Bedürfnis mehr nach Knallerei. Auch das Wachbleiben bis 0 Uhr sei für viele keine Option. „Ein früher Spieleabend könnte eine Option sein“, meint sie. Anders sei es bei psychisch Kranken. „Da stellen Alkohol und Feiern ein Problem dar“, sagt sie. „Für diese Klientel wäre eine solche Veranstaltung nicht sinnig.“ Möglicherweise wäre da ein spätes Abendessen eine gute Idee, überlegt sie. Sie glaubt aber, dass es an dem Abend nicht zwingend ein offenes, soziales Angebot brauche. „Weihnachten ist das Fest der Liebe, der Familie. Da sollten Einsame aufgefangen werden. Silvester steht eher für Aufbruch und Neubeginn – und ist nicht so emotional.“

Das neue Jahr kann Angst machen

Im Hause der Eva sieht man das ähnlich. Laut Peter Gerecke, dem Abteilungsleiter der Dienste für Menschen in Armut, Wohnungsnot und Migration, sei Einsamkeit an Weihnachten vielmehr ein Thema als an Silvester. „Silvester ist fröhlicher, und in der ganzen Stadt ist etwas los“, lässt eine Sprecherin ausrichten. Außerdem sei das Feiern des Jahreswechsels oft verbunden mit dem Trinken von Alkohol – was bei vielen Klienten der Eva ein Problem darstelle. Aus diesem Grund habe sich die Eva dazu entschieden, dass es nicht nötig sei, an Silvester etwas auf die Beine zu stellen.

Bei der evangelischen Telefonseelsorge Stuttgart hat man andere Erfahrungen gemacht. „Um Weihnachten wird viel mehr Bohei gemacht, dabei ist Silvester genauso emotional“, sagt die Leiterin der Telefonseelsorge, Martina Rudolph-Zeller. „Das neue Jahr kann auch Angst machen. Die Menschen sprechen mit uns in der Silvesternacht viel über Ängste und den Sinn des Lebens.“ So gut wie jeder würde zum Jahreswechsel irgendwie das vergangene Jahr – und oft sogar das ganze Leben – Revue passieren lassen. „Einige unserer Anrufer sagen dann, dass ihr Leben gescheitert ist, sie selbst versagt haben.“

Telefonseelsorge ist auch an Silvester besetzt

Ob an Silvester mehr Leute anrufen als an anderen Tagen kann Martina Rudolph-Zeller so pauschal nicht sagen. „Wir nehmen übers Jahr insgesamt rund 18 000 Anrufe entgegen. Sobald eine Leitung frei ist, klingelt es sofort bei uns – egal an welchem Tag.“

Die evangelische Telefonseelsorge Stuttgart ist sowohl vom Festnetz als auch vom Handy aus vertraulich und gebührenfrei – der Anruf ist anonym, die Nummer lautet 0800-1 11 01 11. Bei der katholischen Telefonseelsorge Ruf und Rat gilt dasselbe, die Nummer lautet 0800-1 11 02 22.

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