Wo sich heute die B14 zwischen Planetarium und Luxushotel zwängt, stand früher die riesige Wulle-Brauerei. Unsere Bilderstrecke und der Slider unten erlauben einen genauen Blick. Foto: Stadtmessungsamt Stuttgart

Wo heute das Fünf-Sterne-Hotel Le Méridien steht und für S21 gebuddelt wird, standen vor Jahrzehnten die Wulle-Brauerei und prächtige Bürgerhäuser.

Stuttgart - WWW – dieses Kürzel steht heute für das World Wide Web. Zumindest unter Biertrinkern haben die drei Buchstaben aber auch noch eine andere Bedeutung: „Wir wollen Wulle“. Mit diesem Werbespruch warb der Unternehmer Ernst Imanuel Wulle (1832 bis 1902) einst für seinen in der Stuttgarter Neckarstraße hergestellten Gerstensaft. Der gelernte Bierbrauer, aus einfachen Verhältnissen stammend, hatte in eine vermögende Familie eingeheiratet und mit dem Geld im Jahr 1859 zusammen mit einem Partner zwei Grundstücke an der damaligen Neckarstraße erworben – einem Prachtboulevard mit schmucken, großbürgerlichen Häuserzeilen.

Der Abschnitt zwischen dem heutigen Gebhard-Müller-Platz und dem Neckartor heißt heute Willy-Brandt-Straße und hat den Charakter einer Stadtautobahn angenommen, auf der sich derzeit wegen des Baus von Stuttgart 21 die Verkehrsführung laufend ändert, wie der Vergleich unserer beiden Luftbilder deutlich zeigt.

Wulle hatte zunächst gegen die Konkurrenz der Wein- und Mostbetriebe zu kämpfen, da Bier teurer war als der bei den Schwaben besonders beliebte Rebensaft. Im Zweiten Weltkrieg teilweise zerstört, erholte sich das Unternehmen nach dem Krieg aber und konnte den Bierausstoß kontinuierlich steigern. 1960 wurden auch die Wulle-Festsäle in der Neckarstraße wieder aufgebaut.

Doch 1971 kam das Aus als selbstständige Brauerei: Der Konkurrent Dinkelacker übernahm die Marke und strich sie nach und nach aus dem Sortiment. Mitte der 1970er Jahre wurden die Gebäude dann bis hinauf zum Kernerplatz abgerissen, um Platz für ein Hotel und den Ministeriumsneubau zu schaffen. Als Reminiszenz an die Brauereitradition wurde der Fußgängersteg über die Straße „Wullesteg“ getauft. 2008 schließlich ließ Dinkelacker-Schwabenbräu die Marke Wulle doch wiederaufleben.

Nutzen Sie den Slider, um zwischen dem alten (1955) und dem aktuellsten verfügbaren Luftbild von 2015 hin- und herzuwischen:

Seit den 1970er Jahren hat sich das Viertel rund ums Brauereigelände komplett gewandelt. Im Mittleren Schlossgarten wurde 1977 das vom Architekten Wilfried Beck-Erlang entworfene Planetarium eröffnet, die letzten beiden Prachthäuser entlang der Willy-Brandt-Straße, bereits dem Zerfall nahe, wurden 2004 endgültig abgerissen. Heute steht dort das neue Innenministerium. Schon 1988 hatte die Hotelkette Intercontinental auf dem Wulle-Areal ein Fünf-Sterne-Hotel errichtet, seit 2004 firmiert die Luxusherberge unter der Marke Le Méridien. Dort steigen in schöner Regelmäßigkeit Stars aus dem Showbiz und Sportgrößen ab, wenn sie in Stuttgart gastieren: die Rolling Stones, der Fußballer Maradona und Startenor ­Luciano Pavarotti sind nur einige Beispiele.

Wenn ein Hotelgast Lust auf Bier verspürt, kann er sich in der Bar Wulle-Staffel eine der berühmten Bügelflaschen mit dem Wulle-Logo servieren lassen und nebenbei ein bisschen in der Geschichte der einstigen Renommierbrauerei schwelgen: Historische Fotos aus der guten alten Brauerzeit zieren die Wände rund um den Tresen.

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