Aus heutiger Sicht ist der Wilhelmsplatz viel zu stark auf die Belange des Straßenverkehrs ausgerichtet. Foto: Stadtmessungsamt

Einst war der Bad Cannstatter Wilhelmsplatz ein Automobil-Drehkreuz par excellence. Das soll sich langsam, aber sicher ändern.

Bad Cannstatt - Diese Luftaufnahme in Schwarz-weiß ist von gnadenloser Klarheit. Nichts, was ablenkt und beschönigt: Dort, wo rein stadträumlich der südwestliche Eingang von Bad Cannstatt sein soll, flatscht eine sternförmig gezackte, graue Fläche. Wie eine frisch planierte, scheinbar ungegliederte Großbaustelle, neben der die umgebenden Häuser ins Märklinformat schrumpfen. Das Grau erweist sich in der Auflösung als die Schnittfläche von kreuz und quer in alle Himmelsrichtungen führenden Straßen, der Stadtraum als ein Automobil-Drehkreuz par excellence. Ein Sammelbecken und eine Verteilerstation von und für acht Durchgangsstraßen: Das ist der Wilhelmsplatz auf der alten Luftaufnahme. Und nichts darüber hinaus.

Die Acht ist hier eine eher unheilige Zahl – und sie ist es all die Jahrzehnte geblieben. Hinzugekommen sind zudem die Gleiskörper für die durchführenden Stadtbahnen. Selbstredend ist der Platz durch umgebende Gebäude inzwischen gefasst. Die Grundsituation, die am Wilhelmsplatz chronisch an den Rand des Verkehrsinfarktes führt, erscheint aber auch für Matthias Hahn auf dem Schwarz-Weiß-Foto besonders kenntlich.

Der langjährige Baubürgermeister der Stadt, der lange in Bad Cannstatt gewohnt hat, sieht auf dem Foto „eine universale Kreuzung mit groß aufgebohrten Verkehrswegen“. Aus heutiger Sicht sei das „eindeutig zu groß dimensioniert“. Hahn fügt hinzu: „Heute ist man schlauer. Die Dimension ist dem damaligen Konzept der autogerechten Stadt geschuldet.“

Hahn gibt aber auch zu bedenken, „dass Cannstatt mit 60 000 Einwohnern der größte Stadtbezirk ist und die König-Karls-Brücke die Hauptverbindung zur City. Das muss man auch mal ganz nüchtern sehen. Die Frage ist vielleicht, wie man die Menge perspektivisch dämpfen kann. Denn lösbar ist das Problem nur mit weniger Verkehr.“

Gut gemeinte Reminiszenz an die Mineralwasser-Stadt

Beim Blick in die Zukunft erinnert Hahn an die Verkehrsberuhigung im Herzen der Stuttgarter Altstadt: „Es war ein 20 Jahre dauernder Kampf, um den Marktplatz frei vom Verkehr zu bekommen!“

Das Farbfoto dokumentiert aber auch diverse Anstrengungen der Stadtplanung, den Verkehr möglichst effektiv durchzuleiten – und dabei dem Platz auch eine Art von Gesicht zu geben. Zuletzt war der Wilhelmsplatz in den Jahren 2002/2003 umgebaut worden, wegen des Baus der Stadtbahnlinie U 2. Am Wilhelmsplatz kreuzen sich also auch drei Stadtbahnlinien (U 1, U 2 und U 13), die in unterschiedliche Richtungen führen. Und in absehbarer Zeit sollen hier ja auch 80 Meter lange Züge halten können: ein verkehrspolitischer Ansatz mit mehr Kapazität für den Öffentlichen Nahverkehr.

Mit dem Umbau vor gut zehn Jahren ist in einem Teilbereich überhaupt erstmals die Anmutung von einer Art Platz entstanden: durch das ordentlich dimensionierte, lang gezogene Dach. Dessen Wirksamkeit hinsichtlich einer erlebbaren Definition von öffentlichem Raum ist entschieden wirksamer als die große Wassersäule mit ihrer immerhin gut gemeinten Reminiszenz an die Mineralwasser-Stadt. So verloren im Verkehrsgewirr stehend, ist dieser Bezug der 17 Meter hohen Säulen mit ihrem Gesprengsel aus zwölf Metern Höhe oft nicht einmal Einheimischen direkt einsehbar.

Aus der Luft aber wirkt das Areal auf dem Farbfoto im Vergleich fast schon lieblich, jedenfalls nun sorgfältig geordnet. Eine Grünecke da, ein Brunnenbecken dort, eingehegt und Richtung König-Karls-Brücke entschieden in die Länge gezogen, also insgesamt durchweg schlanker. Und doch ändert das nichts an der „unheiligen Acht“ und der damit verbundenen Dominanz des Autoverkehrs an diesem Knotenpunkt, an dem Fußgänger zu Zickzack-Artisten werden.

Aber vielleicht gibt ja der optische Schwenk Richtung Neckarknie einen Wink in eine etwas andere Zukunft. Hahn jedenfalls muss schmunzeln angesichts des Gedankens, dass das neue Foto nun schon wieder historisch wirkt. Partiell jedenfalls: „Der Holzsteg ist hier neu – und jetzt ist er auch schon wieder weg!“ stellt Hahn fest. An dieser Leerstelle drängt jetzt die neue Neckarbrücke heran, infolge der Stuttgart-21-Trasse der Bahn. Im Nebeneffekt wird damit in naher Zukunft die aktuelle Eisenbahnbrücke als solche überflüssig. Hahn sympathisiert sehr mit dem von verschiedenen Seiten bereits nachdrücklich vorgetragenen Gedanken, diese Brücke dann als Grünbrücke umzunutzen: „Das ergäbe eine direkte Verbindung in die Stadt, für Fußgänger und Radfahrer. Ich bin sehr dafür.“

Eine Lösung für den verkehrsgeplagten Wilhelmsplatz ließe sich daraus natürlich nicht ableiten. Aber ein Zeichen für ein Umdenken, denn dies wäre das pure Gegenbild des Konzeptes von der autogerechten Stadt: der städtebaulichen Ursünde, die im Wilhelmsplatz als solche in Reinkultur zu besichtigen ist. Mit der „Grünbrücke“ gehen die Gedanken schon mal in eine andere Richtung. Am Marktplatz hat das ja auch 20 Jahre gedauert . . .

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