Nach dem Krieg war das Schloss Hohenheim an vielen Stellen marode. Aus diesem Grund baute man die Gebäude nach dem ursprünglichen Aussehen neu auf. Foto: Stadtmessungsamt/Plavec

Dass heute in Hohenheim knapp 10 000 Menschen studieren, stand zwischenzeitlich auf der Kippe. Bereits zweimal stand es sehr schlecht um die Universität. In unserer Luftbildserie „Stuttgart von oben“ berichtet der Archivar der Uni von damals.

Hohenheim - Die Frauen sind den Männern den Rang abgelaufen. Im Jahr 2016 waren 56,7 Prozent der Studenten an der Uni Hohenheim weiblich. Vor etwa 100 Jahren war das undenkbar: Offiziell dürfen sich Frauen seit 1906 an Universitäten immatrikulieren, in Hohenheim studierten erstmals im Jahr 1910 Frauen – es waren genau zwei. Das ist nicht die einzige große Veränderung, die die Uni Hohenheim in den vergangenen Jahren durchlebt hat.

Nach dem Krieg kippte die Stimmung

Vor genau 199 Jahren wurde die „landwirtschaftliche Unterrichts-, Versuchs- und Musteranstalt eröffnet. Der Direktor kümmerte sich mit zwei Lehrern um 16 Zöglinge. „Das war damals sehr erfahrungswissenschaftlich“, sagt Ulrich Fellmeth, Professor und Archivar der Uni Hohenheim. „Es ging darum zu prüfen, ob man die landwirtschaftlichen Praktiken aus Hohenheim auf Württemberg übertragen kann.“ Da dies den akademischen Ansprüchen nicht genügte, stand die Institution Mitte des 19. Jahrhunderts kurz vor der Schließung. „Daraufhin setzte sich der Wissenschaftler Justus von Liebig dafür ein, dass auf solide Naturwissenschaften umgestellt wird“, sagt Fellmeth.

Die Kriegsjahre waren ein weiterer Tiefpunkt der Geschichte: Nach dem Ende des Nationalsozialismus musste die Hochschule 1945 für ein Semester geschlossen werden, einige Professoren wurden entlassen, andere rehabilitiert. Damals studierten gut 1000 Menschen an der Hochschule. Nach dem Krieg stellte man fest, dass die Bausubstanz der Gebäude in die Jahre gekommen war.

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„Die Fenster waren undicht, es regnete hinein, die Kanalisation war marode. Die Stimmung kippte zunehmend gegen das Schloss Hohenheim, man wollte es abreißen und einen Betonbau errichten“, berichtet Fellmeth. Doch der Denkmalschutz sprach dagegen – und man entschloss sich für den Mittelweg. „Der West- und der Osthof wurde abgerissen und man baute die Gebäude nach dem ursprünglichen Aussehen wieder neu auf“, sagt Fellmeth. Das Schloss selbst wurde nicht abgerissen und neu aufgebaut, sondern umfassend renoviert, genau wie das Gebäude des Restaurants Speisemeisterei. Dies zog sich bis Anfang der 90er Jahre.

4000 Studenten mehr in zehn Jahren

Währenddessen entwickelte sich die Hochschule immer weiter über die reine Agrarwissenschaft hinaus; seit 1964 kann man dort Biologie studieren, 1968 kam die wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Fakultät hinzu. Im Jahr 1967 erhielt die Akademie den Namen Universität Hohenheim. Heute studieren dort knapp 10 000 Menschen, 123 Professoren sind angestellt, 2040 Menschen arbeiten an der Uni. Die Studentenzahlen sind in den vergangenen paar Jahren enorm angestiegen: So studierten 2007 rund 6000 Menschen in Hohenheim – innerhalb von zehn Jahren kamen 4000 Studenten dazu. Aus diesem Grund wird derzeit etwa die Mensa vergrößert, Wohnraum und Parkplätze rund um die Uni sind Mangelware.

Was sich ebenfalls deutlich verändert hat, ist die Studienpraxis. So war es bis 1865 noch üblich, lediglich zwei Semester – also ein Jahr – an der Unterrichts-, Versuchs- und Musteranstalt zu studieren, dann erhielten die Studenten ein Abgangszeugnis. Als vor gut 150 Jahren die einheitliche Diplom- und Prüfungsordnung eingeführt wurde, wurde das Studium auf sechs Semester normiert. Die Bewerbung für ein Studienplatz lief 1955, also zu der Zeit, als das ältere Luftbild entstanden ist, ebenfalls noch anders: Die Bewerber mussten nicht nur einen Lebenslauf und ein Zeugnis, sondern auch ein richtiges Bewerbungsschreiben mitschicken sowie Erfahrungen in der landwirtschaftlichen Praxis nachweisen.

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