Seine Form hat Büsnau behalten, seit 1955 sind jedoch einige Häuser hinzugekommen. Foto: Stadtmessungsamt/Plavec

In unserer Serie „Stuttgart von oben“ blicken wir auf Büsnau im Westen der Landeshauptstadt. Die Geschichte des Stadtteils ist geprägt von den Altsiedlern und den Buchenländern.

Büsnau - Einst hat Büsnau aus fünf Häusern und einem Bauernhof bestanden. Damals, im Jahr 1933, war es noch unter dem Namen „Büsnauer Hof“ bekannt und gehörte nicht zu Stuttgart, sondern zu Böblingen. Der Bauernhof stand etwa auf dem Gebiet, wo heute die Steinbachschule ist.

Die erste urkundliche Erwähnung fand Büsnau im Jahr 1109 – damals unter dem Namen „Bußnow“. Was man danach über die Geschichte des Stadtteils weiß, beginnt erst wieder im Jahr 1933. In diesem Jahr ist Hanna Schäfer in eines der fünf Häuser gezogen. Richard Weber kam 1939 nach Büsnau. Die beiden gehören zu den sogenannten Altsiedlern, die bereits vor dem Krieg im Stadtteil lebten. 1938 sollte Büsnau eine SA-Siedlung werden, bei der auch Nicht-SA-Mitglieder mitbauen konnten. Die Arbeiten wurde im Jahr 1940 wegen des Krieges unterbrochen.

Nach dem Krieg prägten Bukowiner die Geschichte

Danach prägten die Buchenländer die Geschichte Büsnaus. Diese kamen größtenteils 1946 aus dem rumänischen Bukowina nach Stuttgart. Bukowina bedeutet auf deutsch „Buchenland“. Peter Grunikiewicz wurde in Stuttgart geboren, kurz nachdem seine Familie von dort nach Büsnau kam. Der 69-Jährige lebt inzwischen wieder in seiner alten Heimat. Zwischendurch hat er in Aalen studiert und bis zum Tod seiner Eltern in Leonberg gewohnt.

Die Bukowiner wurden 1940 nach Deutschland umgesiedelt, die meisten kamen in Oberschlesien unter, auch Grunikiewicz’ Familie. „Meinen Eltern ging es während des Krieges materiell gut“, sagt der Rentner. Sein Vater war Müller und hat in Oberschlesien eine bessere Mühle bekommen als in Rumänien. Im Januar 1945 mussten seine Eltern und Geschwister aus Oberschlesien fliehen. Eine Weile hatten sie in Dresden gelebt, bevor sie in die größte Buchenländersiedlung Deutschlands umzogen: Büsnau.

Adolf Engster suchte nach dem Krieg eine Ansiedlungsmöglichkeit für die Buchenländer. Stuttgart reagierte als erstes, stellte aber Bedingungen an die Bukowiner. Der damalige Oberbürgermeister Arnulf Klett forderte, dass die Geflüchteten beim Aufbau der Stadt halfen, die vom Krieg größtenteils zerstört war. Außerdem waren sie dazu verpflichtet, ihre eigenen Häuser nur am Wochenende und nach Feierabend zu bauen.

US-Militär stellte Material für weitere Baracken zur Verfügung

1948 wurde Peter Grunikiewicz als jüngstes von zwölf Kindern der Familie geboren. Damals gab es bereits Baracken für die Geflüchteten, aber keinen Platz für die große Familie. Deshalb wurde sie in den bereits bestehenden Häusern der Altsiedler untergebracht. „Heute leben in dem Haus vier Leute, früher kamen wir zu siebt zu denen dazu“, erinnert sich Grunikiewicz. Die Familie wurde auf zwei Häuser aufgeteilt. „Man kam irgendwie miteinander aus“, sagt er über das Zusammenleben mit den Altsiedlern. Später stellte das amerikanische Militär Material für weitere Baracken zur Verfügung, aufbauen mussten sie die Bewohner aber selbst. „Das war eine Zeit der Freiheit für uns“, sagt Grunikiewicz. „In den Baracken war es so eng, dass wir morgens rausgegangen sind und erst abends wieder reinkamen.“ Die Kinder nutzten ihre freie Zeit, um an den See zu gehen und zu schwimmen oder Fische zu fangen. „Einer meiner Brüder hat sich dabei mal eine Lungenentzündung geholt“, sagt Grunikiewicz. „Wir haben viel Blödsinn gemacht, aber wir haben es alle überlebt.“

Altsiedler und Buchenländer gründeten Sportverein

Die Altsiedler und die Buchenländer haben 1951 gemeinsam den Sportverein TSV Jahn Büsnau gegründet. Über den Sport seien sich die Alt-Büsnauer und die Geflüchteten etwas näher gekommen. „Darüber ist schon unheimlich viel gelaufen“, sagt Grunikiewicz.

Bereits 1946 gründete sich aus den Buchenländern eine Siedlungsgenossenschaft. Diese errichtete bis 1951 227 Wohnungen. Grunikiewicz’ Eltern lebten bis zu ihrem Tod in Büsnau. Erst dann kam der Sohn in den Stadtteil zurück, um nach dem Haus der Eltern zu sehen. Heute lebt er dort wieder mit seiner Frau, die er vor 54 Jahren in Büsnau kennengelernt hat.

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