Im Bild von 1955 sind die einstigen Schießbahnen noch zu erahnen, heute ist die Fläche ganz anders gestaltet. Foto: Stadtmessungsamt

Von oben sieht die Welt anders aus. Vor allem, wenn man diese Bilder im Wandel der Zeit vergleicht. Heute in unserer Serie: der Dornhaldenfriedhof. Dort war ganz früher ein Schießplatz. Und er ist einst durch das Terroristen-Grab berühmt geworden.

S-Süd - Dass hier einmal der Schießplatz der Königlichen Garnison war und auch Soldaten der Wehrmacht dort übten, dass hier nach dem Zweiten Weltkrieg auch Besatzungssoldaten der US-Army geschossen hatten, davon vermittelt das Luftbild von 1955 kaum mehr eine Ahnung. Dafür sind die schnurgerade in die Dornhalde gezogenen Scharten, in denen sich einst neun über 400 Meter lange Schießbahnen befanden, schon zu sehr von sich ausweitenden Baumkronen verdeckt. Und erst recht ist nichts davon zu ahnen, dass die Nazis hier einst Regimegegner exekutiert hatten. Etwa den Kirchenmusiker Ewald Huth, denunziert unter anderem von einem den Nazis hörigen Schwiegersohn in spe, dem Huth die Heiratspläne ausgeredet hatte. Tragödien, an die bis heute nichts erinnert.

Das Garnisonsschützenhaus könnte Gedenkort werden

Was sich aber bald ändern könnte. Dann jedenfalls, wenn der Verein Garnisonsschützenhaus mit seinen Plänen zum Erhalt des Hauses als „Raum der Stille“ und als historischem Gedenkort final durchdringt. Das Haus ist auch der optische Fixpunkt im Vergleich der beiden Bilder. Zumal für den angrenzenden städtischen Dornhaldenfriedhof, 1974 auf dem neun Hektar großen Areal eingerichtet, als eine Art Erweiterung des nahen Waldfriedhofes. Das Luftbild deutet aber auch an, wie leicht es ist, hier an einem sonnigen Sommertag als Besucher sehr lange alleine sein zu können: großflächig freie Felder dort, wo gut 4000 Reihengräber Platz hätten.

Bewegung entsteht erst, als Ulrike Pflaum mit ihrem kleinen Tankfahrzeug auftaucht. Die Angestellte der Gärtnerei Schmitt versorgt den Blumenschmuck von ein paar Dutzend Gräbern mit frischem Wasser. Und sie ist auch gleich mit der einschlägigen Frage zur Stelle, die hier einfach nahe liegt: „Suchen Sie die Terroristen?“ Wer aber an der Grabstätte von Margarete Hannsmann steht, der Schriftstellerin, die ihren Jahren mit dem Künstler HAP Grieshaber ein literarisches „Pfauenschrei“-Denkmal gesetzt hatte, der könnte auch schon fündig geworden sein. Denn nur ein paar Schritte weiter ruhen auch die Gebeine von drei Menschen, deren Beerdigung den Dornhaldenfriedhof einst weit über die Grenzen der alten Bundesrepublik hinaus bekannt gemacht hatte: Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe.

Manfred Rommel ermöglichte die Beisetzung

Dass die drei RAF-Terroristen nach ihrem kollektiven Suizid in der Haftanstalt Stammheim im „Deutschen Herbst“ des Jahres 1977 in Stuttgart beerdigtwerden sollten, das hatte die Stadt angesichts der Blutspur, die damals schon die zweite Generation der RAF verursachte, extrem aufgewühlt. Selbst Ensslin wollte man die letzte Ruhe in ihrer Heimatstadt verwehren, die beiden anderen Leichname erst recht „auf Reise schicken“. Eine Stimmung, der der damalige Oberbürgermeister Manfred Rommel mit einer sehr bestimmten, humanen Grundhaltung sein legendäres Machtwort entgegenhielt: „Irgendwo muss jede Feindschaft enden; und für mich endet sie in diesem Fall beim Tod.“

Der Filmemacher Volker Schlöndorff, der mit Alexander Kluge das Geschehen auf dem Friedhof für den Film „Deutschland im Herbst“ dokumentierte, hielt seine Eindrücke fest: „Es war eine durch und durch schweigsame, wie gelähmte Trauergemeinde. Ein paar Tausend waren gekommen, eigentlich ein armes Häuflein versprengter Außenseiter, Leute, die sich der Marktgesellschaft verweigert hatten, sympathische Aussteiger und Nichtangepasste, mehr von Schwäche als von Stärke geprägte Gestalten. Die Menge überflutete den Friedhof einfach, zunächst noch verteilt auf dem Geviert der Wege, dann über die Gräber und Blumenrabatten steigend, die Sargträger fast überrollend. Mit Mühe und Not konnten die Särge in die ausgehobenen Gruben gelassen werden, ohne dass festzustellen war, wer in welchem Sarg lag. Das Gedränge war so groß, dass momentweise Panik aufkam.“

Manche Führungen vom Waldfriedhof enden hier

Zu Rangeleien kam es nach der Beerdigung am Ausgang, angesichts des „paramilitärischen Aufgebotes der Polizei“, wie Schlöndorff schreibt: „Schließlich beruhigte sich alles wieder. Immer noch ohne Lieder und ohne Parolen zogen die Letzten stumm von dannen, unter ihnen die Familienmitglieder, die hier immerhin eine Tochter, eine Schwester, Söhne, Brüder beerdigt hatten.“ Nur schwach erinnere sie sich an die Ereignisse, sagt die Gärtnerin: „Ich war noch zu jung. Aber als Mädchen wurde ich oft gehänselt, weil ich denselben Vornamen wie die Terroristin Ulrike Meinhoff habe.“ Seit rund 20 Jahren betreut sie hier Grabstellen, gelegentlich weise sie Besuchern den Weg: „Vor allem am Todestag liegen hier vereinzelt rote Nelken am Grab. Und bis vor einigen Jahren sind hier immer mal wieder Polizeistreifen durchgefahren.“ Das größere Thema waren kurz die wegen Stuttgart 21 aus dem Schlossgarten hierher exilierten Bäume.

Nachbargräber des Trios sind aufgelassen, wie auch die Gräber von drei weiteren Terroristen, deren gesetzliche Ruhefrist abgelaufen ist. Am Gemeinschaftsgrab des Trios hat die Herbstbeere ein hübsches Stämmchen ausgebildet. Die Namen auf der Grabplatte sind lesbar, das Todesdatum ist vom Zahn der Zeit zernagt. Ulrike Pflaum findet den Dornhaldenfriedhof einen „besonders traurigen Ort, wegen der überdurchschnittlich vielen ungepflegten Grabstellen“. Gelegentlich finden hier aber auch Führungen vom berühmt Waldfriedhof ihren Abschluss. Denn hier hat auch der eminente Denker Max Bense seine letzte Ruhe gefunden. Und dort welkt eine wohl erst jüngst abgelegte Rose.

Online finden Sie weitere Luftbilder der Serie: http://stzlinx.de/luftbilder

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