Stuttgart von oben – Der Güterbahnhof Umschlagplatz für die Stadt

Von Konstantin Schwarz 

Hier im heutigen Europaviertel rangierten früher Güterzüge. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Hier im heutigen Europaviertel rangierten früher Güterzüge. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Rumpelnd rollende Güterwaggons und donnernde Speditionslastwagen prägten die Mitte der Stadt, bevor Kornwestheim zum Güterumschlagplatz wurde. Das aktuelle Luftbild vom Gelände hinterm Hauptbahnhof zeigt die jüngere Bebauung und gewährt einen Blick in die Zukunft.

Stuttgart - Es ist eine riesige Gleisfläche, die sich Mitte der 50er Jahre entlang der Heilbronner Straße bis zur Wolframstraße auftut. Die Stadt, die an vielen Stellen noch die Wunden des Krieges und rasch mit Bitumenbahnen verschlossene Dächer zeigt, wächst und braucht Waren aller Art. Sie werden auch auf der Schiene herangeschafft und erst in der Stadtmitte auf Lastwagen umgeladen.

„Größere Speditionen und Firmen hatten in der Gleisharfe zwischen Heilbronner und Wolframstraße ihre eigenen Hallen, näher am Hauptbahnhof hatte die Bundesbahn an zwei Ladestraßen ihre Eilgüter- und ihre normale Güterabfertigung“, sagt Egon Hopfenzitz (87), der von 1981 bis 1994 Bahnhofsvorsteher in Stuttgart war.

Die Stadt wächst, die Menschen brauchen Wohnraum. Auf dem Galgenberg entstehen bis 1956 die vier Conradi-Hochhäuser. Sie sind im Luftbild des Stadtmessungsamtes aus dem Jahr 1955 in der oberen rechten Ecke zu sehen. Helmuth Conradi war ein Bonatz-Schüler, er arbeitet am Wiederaufbau des Hauptbahnhofes mit. Die Wohnhochhäuser hießen damals nach ihren Bewohnern Eisenbahnerhochhäuser.

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Anders als der Personenbahnhof war der Güterbahnhof praktisch rund um die Uhr in Betrieb. Vormittags wurden die Waggons, bestückt mit Paletten und Stückgut, entladen, nachmittags beladen. Eine Lok zog sie in Richtung der Gleisbrücken über der Wolframstraße. War eine Gruppe zusammengekoppelt, ging es nach Kornwestheim zur Übergabe. Die Waggons für schnelle Güterzüge wurden nach Untertürkheim, dann über Plochingen nach Ulm gefahren.

Rangieren mit System

In die Gleisharfe für die privaten Speditionen mussten die Waggons nicht wie die für die bahneigenen Gleise geschoben werden. Sie rollten einfach dorthin. Wobei das nicht so ganz einfach war. Nach dem Stellwerk R 1 für die Weichen des Güterbahnhofs in der Nähe der Wolframstraße erhob sich ein kleiner Ablaufberg. Hatten die Waggons bis dorthin die Strecke erklommen, konnten sie abgekoppelt werden und rollten dann von selbst zu den Speditionsschuppen hinab. „Dort musste ein Hemmschuhleger die Wagen quasi auffangen“, sagt Hopfenzitz. Wenn er seine gelbe Radbremse nicht rechtzeitig auf die Schiene legte, muss es auf dem Abstellgleis ordentlich gescheppert haben. So wie in jener Nacht, als im Ablaufbetrieb Güterwagen nicht in die Gleisharfe, sondern wegen einer falsch gestellten Weiche auf Gleis 1 des Hauptbahnhofs und über den Prellbock hinaus auf den Querbahnsteig rollten. „Ein Fehler im Stellwerk“, sagt Hopfenzitz, der 46 Jahre bei der Deutschen Bundesbahn war. Gottlob wurde niemand verletzt.

Innenstadt entlastet

Die Lage des Güterbahnhof mitten in der Stadt brachte zwar eine schnelle Warenversorgung mit sich, aber auch erheblich Lastwagenverkehr auf die Heilbronner Straße. Das passte nicht jedem. Anfang der 80er Jahre galten die rumpelnden Waggons in der Stadtmitte als nicht mehr zeitgemäß. „Es gab ein Riesengeschrei, als die Speditionen erfuhren, dass sie raus nach Kornwestheim mussten“, sagt Hopfenzitz, „aber die Stadt hat Wert darauf gelegt, dass die Waggons aus der City wegkamen.“

Stadtbibliothek verschwindet hinter Hochhäusern

Damit begann der bis heute anhaltende Umbruch auf der Fläche, die nach Zwischennutzern im November 1994 zunächst von der Südwestdeutschen Landesbank (heute LBBW) mit einem umgerechnet rund 400 Millionen Euro teuren Neubau besiedelt wurde. Die architektonische Machtdemonstration des Geldhauses ist bis ­heute umstritten. Die alten Maßstäbe in der Innenstadt wurden im neuen Europaviertel zur Erlösmaximierung der Bahn in jeder Richtung gesprengt. Der Konzern versprach, die Einnahmen aus dem Verkauf der Grundstücke für sein Projekt Stuttgart 21 mit dem neuen Tiefbahnhof einzusetzen. Auch wenn sie mächtig erscheint, zeigt die Stadtbibliothek noch die kleinste Kubatur. Der heute von der Heilbronner Straße aus zu sehende Würfel wird bald hinter einem weiteren Hochhaus verschwinden. Fast vergessen ist, dass die LBBW auf ihrem Gelände noch mit einem 20-stöckigen Gebäude nachlegen dürfte. Die Fundamente dafür sind gelegt, so wie ein paar neue Gleise durch das Europaviertel. Auf ihnen werden keine Güter transportiert – die Stadtbahn schließt den Stadtteil an den öffentlichen Nahverkehr an.

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