Stuttgart Von der Modelleisenbahnen-Werkstatt zum attraktiven Wohnhaus

Von Amber Sayah 

Neue Stahltreppe  auf der Vorderseite im High-Tech-Design  – auf der Rückseite  ist der Baukörper expressiv gefaltet Foto: Brigida Gonzalez
Neue Stahltreppe auf der Vorderseite im High-Tech-Design – auf der Rückseite ist der Baukörper expressiv gefaltet Foto: Brigida Gonzalez

Eine ehemalige Werkstatt für Modelleisenbahnen an der Olgastraße hat sich in ein attraktives Wohn- und Bürohaus verwandelt. Geglückt ist die Metamorphose dem Stuttgarter Büro g2o.

Stuttgart - Nur wohnen oder nur arbeiten – diese strikte Funktionstrennung ist im Städtebau passé. Nach dem Vorbild der europäischen Stadt werden jetzt wieder gemischte Quartiere an­gestrebt, weil man so von Blechkarawanen und Siedlungsmonotonie zur Stadt der kurzen Wege und lebendigen Vielfalt zurückzukehren hofft. In Stuttgart hatte dieses Neben- und Miteinander von Leben und kleineren Gewerbe- oder Handwerks­betrieben lange Zeit Tradition: Nach vorn zur Straße wurde gewohnt, in den Hinterhöfen getischlert, geschlossert und gehämmert. Ein Relikt dieser weitgehend von der Bildfläche verschwundenen Betriebe in zweiter Reihe ist das Rückgebäude mit der Nummer 66/1 an der Olgastraße. 1930 errichtet, diente es zuletzt dem Modelleisenbahnbauer Karl Schieck als Werkstatt-, Büro- und Wohngebäude und stand nach dem Auszug der Firma dann ein paar Jahre leer – ein unscheinbarer Zweckbau, so farblos wie fast die gesamte Bebauung aus den fünfziger Jahren an diesem Abschnitt der Olgastraße.

Jetzt wird in dem Haus erneut unter einem Dach gewohnt und gearbeitet. Das alte Mauerblümchen aus der Schieck­-Epoche ist jedoch nicht mehr wiederzuerkennen. Es hat sich in einen markanten Baukörper verwandelt, dem eine kernige Freitreppe zusätzlich Statur verleiht. Auf den ersten Blick könnte man das Haus für einen Neubau aus Sichtbeton halten. In Wirklichkeit handelt es sich um eine Mischkonstruktion, bei der zwei Geschosse aus Stahl und Holz auf dem gemauerten Altbau aufsetzen.

Die monolithische Wirkung kommt durch die einheitliche hellgraue Hülle zustande: Putz auf den Altbaufassaden und eine beim Schwimmbadbau entliehene Kunststoffbeschichtung auf den Außenwänden der aufgestockten Geschosse. Geglückt ist diese Metamorphose den Architekten Michele Grazzini und Stephan Obermaier, die mit ihrem Büro g2o in den unteren Räumen eingezogen sind, wo einst Spielzeugloks zusammengeschraubt wurden. Auf den Etagen darüber lebt Stephan Obermaier mit Familie und ganz oben Obermaier senior, der bei dieser Gelegenheit seinen Wohnsitz von einem Fildervorort in die Innenstadt verlegt hat.

Leicht wurde den Architekten diese Umgestaltung nicht gemacht. Denn zwischen Mischnutzungsideal und -praxis liegen in Deutschland zahllose Vorschriften, die besonders in dicht bebauten Quartieren solch eine Entwicklung des Bestands erschweren. Außerdem steht das Haus auf zwei Seiten praktisch auf der Grundstücksgrenze: Auf der einen schließt sich der gründerzeitliche Backsteinbau der Jakobschule mit ihrem baumbestandenen Pausenhof an, auf der anderen die Kita Wilde Hilde, von wo eine der Obermaier-Töchter munter zum Papa herüberwinkt – die Arbeitswege sind hier nicht nur für die Großen, sondern auch für die Kleinen kurz.

Der zur Schulseite expressiv gefaltete Baukörper mit seinen extravaganten Dach- und Fenster­formen verdankt sich daher auch nicht nur einer Laune der Architekten, sondern den Abstandsnormen, die hier einzuhalten waren. Aus den behördlichen Auflagen etwas zu machen, das war hier die Kunst. Ergebnis des komplexen Planungsprozesses ist die effektvolle Inszenierung eines Hauses, das wie ein Fels über dem tiefer gelegenen Hof der benachbarten Schule thront. An ihr ebenso wie an der Außentreppe wird zudem sichtbar, durch welche Schulen die Architekten gegangen sind. Ein Faible für monolithisch wirkende Baukörper hat Michele Grazzini aus dem Stuttgarter Büro Bottega und Ehrhardt mitgebracht, wo er früher tätig war, während die neue Außentreppe unverkennbar ein Ableger der bri­tischen High-Tech-Architektur ist, von der Stephan Obermaier als Mitarbeiter bei ­Richard Rogers geprägt wurde.

Attraktiv ist das Ergebnis allemal. Und sehr im Trend der städtischen Verdichtungsziele. Man wünscht sich mehr solche Häuser in Stuttgart: intelligent geplante, ansehnliche Architektur als Normalfall des gebauten Alltags.

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