Ein freilebender Papagei auf einer Regenrinne in Stuttgart Foto: Hörner

Es gibt Anzeichen, dass der Bestand von Stuttgarts freilebenden Papageien stagniert.

Stuttgart - Was ist los mit unseren Papageien? Seit 1984 flattern im Großstadtdschungel Stuttgart Gelbkopfamazonen. Nicht in einer Voliere der Wilhelma, sondern in freier Wildbahn. Doch jetzt machen sich die Vogelschützer Sorgen. Es gibt Anzeichen, dass der Bestand stagniert. Eine Volkszählung soll Klarheit bringen.

In Cannstatt sind die Gelbkopfamazonen seit Jahren so verbreitet, dass diese subtropischen Papageien fast schon das Zeug zum Wappenvogel haben. 1984 war das erste Tier aus einem privaten Käfig ausgerückt. Doch die Einsamkeit dauerte nicht lange. Bereits im Jahr darauf bekam das Männchen eine Partnerin. Laut einer Fachzeitschrift für Sittich- und Papageienhaltung sollen Pfleger und Praktikanten der Wilhelma Geld zusammengelegt, ein Gelbkopfweibchen gekauft und gezielt freigelassen haben.

Doch kaum hatte sich das junge Glück vervielfacht, wuchsen die Vorbehalte. Wenn heute die Vögel kurz vor Sonnenuntergang in ihre Schlafbäume einfliegen und laut krächzend ihren Tag ausklingen lassen, regen sich schon mal die Nachbarn auf.

In der Vergangenheit blieb es nicht bei der verbalen Aufregung. 1998 griff ein genervter Anwohner an der Emser Straße in Cannstatt zum Luftgewehr und schoss einen Papageien vom Ast. Während der zertrümmerte Flügel des Tiers in der Wilhelma operiert wurde, gab der Schütze der Polizei zu Protokoll: "Exotische Vögel passen nicht hierher." Später wurde in seiner Gefriertruhe ein erschossener Exot entdeckt. "Es besteht die Gefahr, dass die Papageien zur Plage werden", versuchte der Mann eine Rechtfertigung.

Schlafbäume bisher lediglich aus Cannstatt bekannt

Möglicherweise hat sich die befürchtete Plage inzwischen erledigt. Denn die Zahl der Papageien, die von einem einzigen Brutpaar auf zunächst fünf Tiere, bis 1992 auf 20 und dann rasch auf etwa 40 anwuchs, scheint zu stagnieren. Auf 44 Exemplare wird der Bestand vom Naturschutzbund Nabu derzeit geschätzt. Jüngst wurden bei einer großangelegten Zählaktion der Vogelschützer lediglich 41 Gelbkopfamazonen registriert.

Über die Gründe wird jetzt gerätselt. Wirken sich nach inzwischen 25 Jahren möglicherweise Folgen der Inzucht nachteilig aus? "Das wird in Fachkreisen diskutiert", bestätigt Michael Schmolz, der ehemalige Nabu-Vorsitzende in Stuttgart. "Inzucht würde mich aber wundern." Denn Schmolz weiß, dass in der Vergangenheit immer wieder gezielt Amazonen zur Blutauffrischung freigelassen wurden. Außerdem hat sich seit ein paar Jahren eine Blaustirnamazone in den Papageienschwarm gemischt und Nachkommen gezeugt.

Gleichwohl sind die Vogelfreunde über das Ergebnis ihrer Papageienzählung etwas beunruhigt. "Wir können nicht glauben, dass das alle Amazonen gewesen sein sollen, denn dann hätten sich die subtropischen Papageien in den letzten zehn Jahren nicht vermehrt", sagt Friederike Woog, die Leiterin der ornithologischen Sektion des Naturkundemuseums Schloss Rosenstein. "Es könnte irgendwo noch weitere, uns unbekannte Schlafplätze geben."

Wo aber sind die Ruhebäume zu finden? Während die Gelbkopfamazonen inzwischen in immer weiteren Teilen des Stadtgebiets beobachtet werden und sogar in Untertürkheim, Fellbach und Ludwigsburg flattern, sind ihre Schlafbäume bisher lediglich aus Cannstatt bekannt. Rund um den lauten Wilhelmsplatz schlummern sie gern.

Wer in der Abenddämmerung Gelbkopfamazonen in Bäumen sitzen sieht, sollte das beim Naturkundemuseum Stuttgart, Rosenstein 1, 70191 Stuttgart, Tel. 0711 / 893 62 80 oder per E-Mail an: amazonen_meldung@yahoo.de unter dem Stichwort Gelbkopfamazone melden. Anzugeben sind: Zeitpunkt der Beobachtung, exakter Ort, Anzahl der Vögel und eine Kontaktadresse für Rückfragen.

Der Nabu Stuttgart bietet unter Leitung von Michael Schmolz am Sonntag, 30. Januar, eine Führung zu den Papageien an. Treffpunkt ist um 14.30 Uhr die U-Bahn-Haltestelle Mineralbäder.

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