Wieder verliert Stuttgart altgediente Kinderärzte, die in den Ruhestand gehen. Jüngere Nachfolger? Nicht in Sicht. Aber warum ist die ambulante Praxis für junge Pädiater so unattraktiv? Erfahrene Pädiater nennen einige Gründe.
Die Pensionierungswelle der Babyboomer-Generation rollt. Und sie wächst eher als dass sie schwächer wird. Auch in der Ärzteschaft. Alleine in diesem Jahr gehen drei Kinderärzte in Stuttgart in den Ruhestand, im nächsten mindestens noch zwei. Nachfolgerinnen oder Nachfolger sind nicht in Sicht. Warum ist das so? Auch wenn sie manche Entwicklung in ihrem Beruf missbilligen, werben die altgedienten Kinderärzte doch für diesen. Manche Einstellung des medizinischen Nachwuchses sehen sie durchaus kritisch.
Was die über Jahrzehnte erfahrenen Kinderärzte bemängeln an ihrem Beruf, ist nicht neu. Das Verhältnis zwischen dem, was man leiste und dem was man vergütet bekomme, sei „nicht mehr adäquat“, sagt Kristina Heyt, Sprecherin der Stuttgarter Kinderärzte. Als Beispiel nennt sie die Immunisierung von Kindern gegen das RS-Virus. Der Aufwand dafür mit der Beschaffung des Impfstoffs und der Aufklärung „bildet sich in den acht Euro, die wir bekommen, nicht ab“, betont Heyt.
„Die Pauschalvergütung reicht nicht“, erklärt auch Christiane Deringer. Sie ist schon 74 und wird ihre Praxis in Weilimdorf kommendes Jahr Ende März schließen. Stand jetzt ohne Nachfolge. In den zurückliegenden Jahren und Jahrzehnten sei etwa die Zahl der Vorsorgeuntersuchungen deutlich gestiegen, es seien „zehn neue Impfungen dazugekommen“, erzählt die erfahrende Kinderärztin. Dazu gebe es heute bei Kindern viel mehr Allergien, der Beratungsbedarf etwa wegen Erziehungsproblemen und Entwicklungsthemen sei enorm gestiegen. Von der Pandemie und ihren Folgen ganz zu schweigen. „Die Arzt-Patienten-Kontakte haben sich vervielfacht“, sagt Christiane Deringer. „Das muss man leisten können“, erklärt auch Ines Kirschner, 68, die ihre Praxis am Killesberg nach 28 Jahren schließt. Ein Kinderarzt aus dem Norden Stuttgarts, der ebenfalls aus Altersgründen Mitte nächstes Jahr aufhören wird, stellt angesichts der vielen U- und J-Untersuchungen die Frage, ob es sinnvoll sei, dass immer mehr „gesunde Kinder überprüft, kranke Kinder aber abgewiesen werden“.
Kampf mit der Gesundheitsbürokratie
Dazu kommt eine stark gewachsene Zahl von Vorschriften, bürokratische Vorgaben, der Aufwand für die Digitalisierung in den Praxen, etwa für die Einführung des E-Rezepts. Wenn Christoph Michels, der seine Praxis im Stuttgarter Osten Ende des Monats schließt, an die Höhe von Handwerkerrechnungen denkt, die er zu begleichen hat, und an die Entwicklung von Aufwand und Ertrag bei seiner Arbeit, sagt er sich: „Der Beruf des Arztes ist abgehängt.“ Deshalb glaubt er, dass viele Männer, weil der Beruf nicht mehr so lukrativ sei wie früher, „nicht mehr in die Kinderheilkunde gehen“.
Und dennoch: Alle die Kinderärzte, die schon bald ihre Praxen ohne Nachfolge schließen werden, sehen ihre Tätigkeit immer noch sehr positiv. „Es ist ein super Beruf, ich mache ihn wirklich sehr gerne“, sagt Christoph Michels. Dabei war der Mediziner zunächst einige Jahre in der Industrie tätig, dann aber zog es ihn zurück, weil er „wieder mit Kindern arbeiten wollte“. Auch wenn die Rahmenbedingungen heute weniger günstig seien, sei er doch „sehr dankbar“ für die Erfahrungen mit den Kindern und ihren Eltern. Das findet auch Christiane Deringer: „Die Arbeit mit den Kindern macht einfach Spaß.“
Keine Bewerbungen für eine Praxisnachfolge
Angesichts des Mangel an Bewerbungen für eine Praxisnachfolge will Ines Kirschner auch das Bild zurechtrücken, dass man in einer Kinderarztpraxis in der Arbeit völlig untergehe. „Meine Work-Life-Balance war nie so gut wie in der Praxis“, erzählt die Pädiaterin. So habe sie in früheren Jahren immer mit ihren Kindern Mittagessen können. Auch Kristina Heyt, die Sprecherin der Stuttgarter Kinderärzte, sagt, die ambulante Kinderheilkunde sei trotz der genannten Kritikpunkte „immer noch ein guter lukrativer Fachbereich“. Sie hat eine Praxis mit einer Kollegin, die ebenfalls Kinder hat. Das gehe gut und sei eine „sehr attraktive Möglichkeit und eine tolle Tätigkeit“, erklärt sie. Das ist durchaus an die Adresse der wachsenden Zahl von Ärztinnen gerichtet, die eine Niederlassung aber offenbar scheuen und lieber angestellt arbeiten. Die Tätigkeit in einer eigenen Praxis sei nicht nur lukrativer als in der Klinik, sondern auch selbstbestimmter. „Es gibt da viele Modelle, die auch mit Kindern funktionieren“, betont die Medizinerin.
Das Problem aber sei, sagt Kristina Heyt, dass die jungen Kolleginnen und Kollegen gar nicht wüssten, wie gut und erfüllend diese Arbeit ist, „weil sie nie Praxisluft geschnuppert haben“. Zwar müssten sie in der Ausbildung in die Klinik, die Arbeit in einer niedergelassenen Praxis sei darin aber „nicht inkludiert“. Deshalb fordert Heyt deutlich mehr Förderung und mehr Weiterbildungsstellen in der ambulanten Kinderheilkunde.
Durchaus kritisch sehen die erfahrenen Pädiater aber eine verbreitete Einstellung des medizinischen Nachwuchses. „Der Wille zur Selbstständigkeit ist nicht da“, findet der Pädiater aus dem Stuttgarter Norden. Die jungen Ärzte wollten „lieber angestellt sein, weil man mehr Verantwortung übernehmen muss, wenn man sich selbstständig macht“, sagt auch Ines Kirschner. Vielen sei das „zu viel Verantwortung“, glaubt auch Halil Yalcin Tartar, der seine Praxis in Bad Cannstatt Mitte nächstes Jahr nach 33 Jahren aufgibt. Er habe damals „bei Null angefangen und die Praxisgründung riskiert“. Heute wollten viele aber offenbar lieber „mehr Freizeit“, denkt sich der 66-Jährige. Und der Kinderarzt aus dem Norden erinnert an die damals für Nachwuchsmediziner nicht einfachen Verhältnisse. „Wegen der Ärzteschwemme war ich gezwungen, in die Selbstständigkeit zu gehen.“
Heute ist das anders. Insgesamt werden sogar mehr Ärzte ausgebildet als vor Jahrzehnten. Es werden unter anderem wegen insgesamt kürzerer Arbeitszeiten und des Trends zur Teilzeit insbesondere bei der wachsenden Zahl von Medizinerinnen aber auch deutlich mehr gebraucht. Und die Kliniken beschäftigten heute Ärzte in deutlich höherer Zahl als früher. Dazu kommt, dass sich zumindest Klinikärzte in den vergangenen zwei Jahrzehnten über relevante Gehaltssteigerungen freuen konnten.
Der ehemalige Vize-Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Baden-Württemberg, Johannes Fechner, hat vor nicht allzulanger Zeit beklagt, dass auch dadurch die Attraktivität der niedergelassenen Praxis im Vergleich mit der Klinik gesunken sei. Die Gesundheitspolitik habe die Tätigkeit des niedergelassenen Arztes „immer unattraktiver gemacht“, so Fechner. Eine Hauptursache für die Knappheit des Ärztenachwuchses sei, „dass die Krankenhäuser – die Brutstätte für junge Ärzte – die selber brauchen“. Dazu seien Verbesserungen der Arbeitsbedingungen in den Kliniken gekommen. Zudem würden „die jungen Mediziner schon an den Universitäten falsch gepolt“.