Marc Hugs Leidenschaft sind Filme – seine Videothek muss er nun aber schließen. Foto: Peter Petsch

Seit Jahrzehnten hat sich die Zahl der Videotheken in Deutschland nahezu halbiert. Auch in der Region Stuttgart mussten viele Filmverleihe schließen. Nun trifft es die Filmgalerie 451. Die Stadt verliert damit ein kleines kulturelles Zentrum.

Stuttgart - Marc Hug sitzt vor seiner Filmgalerie 451 in der Nähe des Berliner Platzes, wie er es oft tut. Damit ist es aber bald vorbei, denn durch die hohen Mietkosten, zurückgehende Kundenzahlen, Dumping-Preise für DVDs und das Angebot im Internet sieht er sich gezwungen, seine Videothek zum 30. September zu schließen. Jahrelang waren der Geschäftsinhaber und sein Team hier die erste Adresse für besondere Filme und außergewöhnliche Filmvorführungen. Neben den wirtschaftlichen Gründen für das Aus der Filmgalerie sieht Hug auch Probleme, die die Branche als Ganze betreffen.

Denn über das Internet werden viele Filme online geschaut, oft illegal, aber sie werden auch dort ausgeliehen. Außerdem machen laut Hug die gestiegene Bequemlichkeit und der zunehmende Geiz der Menschen den Videotheken das Überleben schwer: „So lange die Milch nicht aus dem Rechner kommt, müssen sie noch vor die Haustür. Auf der anderen Seite ist es auch die Industrie, die das Kulturgut Film zu Dumping-Preisen verramscht“, ärgert er sich.

Als vor 26 Jahren die Filmgalerie 451 in der Gymnasiumstraße entstand, hatten die Gründer ein ideelles Ziel: „Das Bewahren von Kulturgut“, wie Hug sagt. „Es ging uns darum, ein ganz breites Spektrum von Filmen zu haben. Da ist wahnsinnig viel dabei, was du bundesweit kaum findest.“ So zählt das Archiv über 23 000 Filme. Was mit diesen nach der Schließung passiert, ist noch nicht geklärt – dabei ist das Archiv ein Schatz. „Es gibt keine Aufbewahrungspflicht für Filme, auch Filmmuseen haben nicht alles und oft schon bei uns nachgefragt.“

Expertentipps und Filmvorführung in besonderer Kulisse und an verschiedenen Orten

Die Vermittlung der Filmschätze an Besucher der Galerie war über die Jahrzehnte das große Anliegen der Filmgaleristen. Hug ist mit den Filmen so vertraut, dass er von einer beliebigen Szene auf den dazugehörenden Film schließen kann. Expertentipps und Filmvorführung in besonderer Kulisse und an verschiedenen Orten der Stadt waren es, die der Filmgalerie über Jahre ein besonderes Flair verliehen. Aber nicht nur Kulturinteressierte schätzten die Besonderheiten, auch junge Eltern vertrauten auf die Kinderfilmauswahl im feinsortierten Regal. Damit ist es nun vorbei.

Auch Markus Härtel, der seit 20 Jahren die Videothek Movie Plus in Vaihingen leitet, kennt die Probleme im Filmverleih: Für ihn ist es nicht nur das Internet, das der Branche so zusetzt, sondern auch die Industrie. „Die Filmfirma Fox zum Beispiel bringt zuerst die Kaufkassette auf den Markt, dann die Leihkassette. Das ist für uns, als würden sie uns ein Messer in den Rücken rammen“, sagt er. Härtel glaubt, wer bestehen will, muss vor allem eine gute Lage und dennoch niedrige Festkosten haben und viel Wert auf persönliche Beratung legen. Bei ihm geht das Konzept bisher noch auf. „Seit zehn Jahren habe ich die Kosten nicht erhöht und Stammkunden über zwei, drei Familiengenerationen.“ Dennoch: zwei seiner Kollegen werden demnächst auch schließen müssen, sagt er.

Hauseigenes Kino zeigte besondere Filme

Das ist nun auch für die Filmgalerie 451 und ihre 18 Mitarbeiter bittere Wirklichkeit. „Mich und alle, die hier arbeiten, schmerzt der Gedanke, dass es dann plötzlich zu Ende ist. Meine Mitarbeiter, das sind Leute, die das hier so geil finden, dass sie auch umsonst dafür arbeiten würden, wie sie selbst sagen“, sagt Hug. Eine davon ist Yvy Heußler. Die 38-Jährige hofft, dass durch den Schock des Schließens „viele Kräfte frei werden, um etwas Neues entstehen zu lassen“. „Das ist keine Automatenvideothek. Wir sind eine Mannschaft, Marc ist der Kapitän“, sagt sie und zeigt stolz das kleine hauseigene Kino, in dem besondere Filme gezeigt wurden, manchmal auch in Kombination mit einem Drei-Gänge-Menü.

Bald wird hier das letzte Mal die Leinwand angestrahlt, der 70-er-Jahre-Film „The Long Good Bye“ wird es sein. Die deutsche Titelvariante davon ist: „Der Tod kennt keine Wiederkehr“. Düstere Perspektiven also. Davor zeigen drei von Hugs Jungs aber noch einen anderen Film. „Holy Mountain“ heißt der Film, den sie ausgesucht haben, erzählt Marc Hug. „Jetzt muss ich aufpassen, jetzt krieg ich einen Kloß im Hals“, sagt er und ringt sichtlich mit den Worten. „Es geht um das ewige Leben“, sagt er leise.

Wenn diese Filme gelaufen sind, ist es aber vorbei mit der Filmgalerie. Hug glaubt, die Internetnutzer werden lange brauchen, bis sie verstehen, was ihnen entgeht. „Dann gibt es diesen Anlaufpunkt nicht mehr, wo du über Filme reden kannst. Dann gibt es nicht mehr dieses kleine Kino, wo du diese Filme vermittelt bekommst, und am Schluss gibt es das Angebot überhaupt nicht mehr“, sagt er.

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