Noahs Eltern Laura Adam und Sven Schimmel brauchen fürs Studium an der Hochschule der Medien etwas länger. Foto: Lea Weinmann

Studierende Eltern erzählen, wie sie den Alltag meistern und warum sie es wieder so machen würden.

Vaihingen/S-Mitte - Als Laura Adam den Schwangerschaftstest macht, sind sie und ihr Freund Sven Schimmel mitten im Studium. Ihr gemeinsamer Marokkourlaub steht kurz bevor. „Geplant war es nicht, aber es war von Anfang an klar, dass wir das Kind bekommen werden. Und dann haben wir uns auch direkt richtig gefreut.“ Das ist mittlerweile zweieinhalb Jahre her. Ihr Sohn Noah turnt zwischen den beiden im Wohnzimmer umher. Bei seiner Geburt war Laura gerade mal 21 Jahre alt, ihr Freund war 26. Beide studieren Medienwirtschaft an der Hochschule der Medien in Stuttgart-Vaihingen. Studium, Beruf, Kind – wie schafft man es, das alles unter einen Hut zu bekommen?

Man stellt sich das schwieriger vor, als es ist“, sagt Laura. Nachdem Noah auf der Welt war, hat sie ein Semester ausgesetzt, Sven hat ein sechsmonatiges Praktikum in Stuttgart begonnen. Die Professoren an der Hochschule haben viel Verständnis für die junge Familie, sagen sie. Die beiden Studenten verteilen ihre Vorlesungen nun über einen längeren Zeitraum, als die Regelstudienzeit vorgibt, um sich gut um Noah kümmern zu können. Zwei Tage in der Woche ist der kleine Junge außerdem bei Svens Eltern in Reutlingen.

Nur drei Prozent aller Studierenden in Deutschland hatten im Jahr 2016 Kinder, so die aktuelle Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks. Laura und Sven sind also eindeutig die Exoten, wenn sie irgendwo mit Kind auftauchen. Sowohl unter den Studenten als auch als besonders junge Eltern auf dem Spielplatz.

Es gibt finanzielle Hilfen für Studierende mit Kind

Auch Sini Münßinger fällt auf. Sie sitzt in der Cafeteria der Universität Stuttgart. Eng an ihre Brust gewickelt trägt sie ihr neugeborenes Baby. Vor einer Woche ist es auf die Welt gekommen, jetzt geht Sini schon wieder zur Uni. Alle paar Sekunden wirft sie einen liebevollen und prüfenden Blick auf das Neugeborene. Es ist bereits ihr zweites Kind. „Dass ich schwanger werde, war bei meinem ersten Kind auch noch nicht geplant“, erzählt die 25-Jährige. Seitdem hat sich ihr Leben radikal verändert.

Ihren Bachelor an der Uni Stuttgart hat die Mutter in zehn statt regulären sechs Semestern beendet. Grund war nicht nur die fehlende Zeit, sondern auch einige Regularien, die ihr den Alltag erschwerten: „Ich durfte schwanger kein Bio- oder Chemielabor betreten. Als Studentin der Technischen Biologie ein bisschen blöd.“

Mit dem Vater ihrer Kinder ist sie während der Schwangerschaft von einer WG in eine gemeinsame, größere Wohnung gezogen. Dafür muss man sich aber auch die Miete leisten können. In Stuttgart ist das bekanntlich nicht gerade einfach. 300 Euro Elterngeld stehen der Familie pro Kind für jeweils ein Jahr zu – der Mindestbetrag. Hinzu kommt noch das Kindergeld.

Bafög-Berechtigten stehen zusätzlich monatlich 130 Euro Vollzuschuss pro Kind unter zehn Jahren im gemeinsamen Haushalt zu, der nicht zurückgezahlt werden muss und auf keine anderen Sozialleistungen angerechnet wird. Ronald Friedrich, Sozialberater des Studierendenwerks Stuttgart, erklärt aber, dass bei einem Paar, bei dem beide Bafög-Leistungen beziehen, nur ein Elternteil diesen Kinderbetreuungszuschlag beziehen darf. Hinzu kommen möglicherweise noch andere finanzielle Unterstützungen. „Da muss man immer individuell sehen, was möglich ist“, sagt Friedrich. Er bietet im Studierendenwerk Stuttgart unter anderem eine kostenlose Finanzierungsberatung an.

Einen Kita-Platz zu bekommen, ist nach wie vor schwer

Die finanzielle Unterstützung reicht bei Sini Münßinger aber lange nicht: „Wir haben beide jeweils zwei Nebenjobs, um das alles zu finanzieren.“ Dementsprechend anstrengend ist ihr Alltag: Morgens früh aufstehen, das Kind fertig machen für den Kindergarten, in die Uni, nachmittags zur Arbeit – mehr als sechs Stunden Schlaf hat die Studentin selten. „Gelernt wird meistens in einer Nachtschicht“, sagt sie und lacht. Da die Eltern das Gleiche studieren, teilen sie sich auch manchmal ihr Studium auf: Einer geht in die Vorlesung, der andere arbeitet oder kümmert sich um das Kind. Nur mit viel Glück haben sie für den erstgeborenen Sohn überhaupt einen Kindergartenplatz bekommen. „Uns war nicht klar, wie lang die Wartezeit ist. Man muss sein Kind quasi sofort anmelden, wenn es auf der Welt ist, um sich einen Platz zu sichern“, so die zweifache Mutter.

Das Studierendenwerk in Stuttgart bietet 155 Krippen- und Kitaplätze in acht Einrichtungen an – alles Ganztagesplätze. Studierende zahlen ermäßigt 240 Euro im Monat für einen Krippenplatz und 175 Euro für einen Platz im Kindergarten. Obendrauf kommt noch Essensgeld. „Unsere Wartelisten sind meistens relativ lang. Je nach Standort warten zehn, zwanzig oder noch mehr Kinder auf einen Platz“, sagt Bettina Matissek, Fachberaterin für die Kitas des Studierendenwerks.

Laura Adam und Sven Schimmel haben es da leichter. Sie werden von ihren Familien unterstützt – auch finanziell. Außerdem konnten sie auf Svens Einnahmen aus seiner Fußballkarriere zurückgreifen. Wie viel die Eltern finanziell unterstützen, macht sich massiv bemerkbar, bestätigt auch Ronald Friedrich vom Studierendenwerk: „Für Studierende, die ganz auf sich gestellt sind, kann es ein Kampf sein.“

Ob mit finanzieller Unterstützung oder ohne, in einem sind sich die beiden Elternpaare einig: Sie würden es genau so wieder machen. Denn, so Sini Münßinger: „Als Student ist man noch viel flexibler und hat einen besseren Draht zu seinen Kindern als später, wenn man älter ist.“ Deswegen hat sich die junge Frau auch bewusst für ein zweites Kind entschieden. Nun hat Sini ihr Masterstudium begonnen. Ihr Neugeborenes wird bald in der Kita angemeldet, sagt sie und lacht: „Mit dem Zweiten ist es leichter. Da weiß man, wie es läuft.“

Mehr Informationen:
Der Sozialberater Ronald Friedrich hält jedes Semester kostenfreie Info-Vorträge in der „machbar“, Mensa Stuttgart-Mitte (Holzgartenstraße 11). Auf der Facebook-Seite vom Studierendenwerk erfährt man mehr. Eine Anmeldung ist nicht notwendig.

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