So soll die neue Allianz-Zentrale mal aussehen. Der Entwurf stammt vom Dortmunder Büro Gerber Architekten. Foto: Visualisierung: Allianz/z

Der Versicherungskonzern wird auf seinem Gelände am Rande des Synergieparks in Stuttgart bauen. Der Widerstand gegen das Vorhaben war von Anfang an groß, doch nun ist es beschlossene Sache. Was haben die Projektgegner jetzt vor?

Vaihingen - Bernhard Völker will kein Ewigges­triger sein. Doch genau diese Kritik bekommt er immer wieder zu hören. Die Welt habe sich immer verändert. Es könne nicht immer alles so bleiben, wie es mal gewesen sei, würden die Leute zu ihm sagen. Und dann antwortet Völker, Jahrgang 1941, mit Nachdruck: „Das weiß ich sehr wohl. Ich bin pensionierter Geschichtslehrer.“

Doch das Problem aus seiner Sicht ist, dass die Veränderungen immer in die gleiche Richtung gehen würden, dass immer mehr zugebaut werde. So auch mit dem geplanten Allianz-Neubau an der Heßbrühlstraße in Stuttgart-Vaihingen. Der Gemeinderat hat dafür vor Kurzem endgültig den Weg freigemacht und mit deutlicher Mehrheit die Änderung des Bebauungsplans und des Flächennutzungsplans beschlossen. Damit kann der Versicherungskonzern etwa 4000 Arbeitsplätze aus Standorten in der Innenstadt, die dadurch auch für Wohnungsbau frei werden, in den Bezirk verlagern. Vor Ort in Vaihingen sehen viele das Projekt kritisch. Auch der Bezirksbeirat hatte das Vorhaben immer wieder mehrheitlich abgelehnt.

Ein tragfähiger Kompromiss?

Die Befürworter des Allianz-Neubaus in den politischen Gremien hätten immer wieder argumentiert, dass man über den Tellerrand hinausschauen müsse und dass das Projekt gesamtstädtisch betracht positiv für Stuttgart zu bewerten sei, sagt Völker und ergänzt: „Diese Sichtweise ärgert mich maßlos.“ Für ihn ist genau das „Lokalegoismus“. Natürlich seien es an der Heßbrühlstraße nur ein paar Bäume, die vielleicht gefällt werden müssen, und nur ein paar Hektar Grünfläche, die versiegelt werden müssen. Das allein mache das Weltklima nicht kaputt, räumt Völker ein. „Aber es gibt ja eben nicht nur dieses eine Projekt in Vaihingen. Es wird ja überall gebaut, in ganz Stuttgart, ganz Deutschland, ganz Europa, und das seit Jahrzehnten.“ Das sei es, was man sehe, wenn man über den „Tellerrand hinausschaue“, findet Bernhard Völker. Und jeder, der die Fridays-for-Future-Bewegung unterstütze, müsse darum eigentlich gegen den Allianz-Neubau sein, so seine Meinung.

„Der Konzern darf jetzt in einen Grünzug und in eine Kaltluftschneise, in der bisher aus Klimagründen keine Bebauung zulässig war, einen Bürokomplex mit 60 Meter hohen Blöcken setzen. Dass sich das Unternehmen bereit erklärte, einen schmalen Grüngürtel zuzulassen, wird von den Befürwortern bereits als tragfähiger Kompromiss gerühmt“, wettert Völker. Er kritisiert zudem, dass die Straßen rund um den Synergiepark schon jetzt an ihrer Belastungsgrenze seien. „Ein Strukturplan soll da helfen. Kann er etwa die verfügbaren Räume erweitern?“, fragt der Senior. Die „Zustimmungsfraktionen“ im Gemeinderat hätten für die Rechtfertigung ihre Haltung zu dem Projekt immer nur das „Begründungsritual Arbeitsplätze-Gewerbesteuer“ hervorgebracht – gebetsmühlenartig, wie ein Mantra. „Sicher ist jedenfalls, dass das Unternehmen mit dem Bauen auf eigenem Grund einen satten Planungsgewinn verbuchen und dass auf diesem Gelände niemals wieder Natur stattfinden kann. Ob es die Arbeitsplätze, die angeblich so große Opfer rechtfertigen, in zehn oder 20 Jahren noch geben wird, ist dagegen fraglich“, findet Völker.

Eine Bürgerinitiative hat gegen das Projekt gekämpft

Seit 1979 wohnt er in Vaihingen. Ein politischer Mensch war er schon immer. 40 Jahre lang war er Genosse in der SPD, er war aktiv im Ortsverein und stellvertretendes Mitglied im Bezirksbeirat. Aus der SPD ausgetreten ist er 2009 – maßgeblich wegen der Haltung der Partei zu Stuttgart 21, ein Projekt, das er ebenso vehement ablehnt, wie den neuen Bürokomplex am Rande des Synergieparks.

Mit seinen Ansichten bezüglich seines Heimatstadtbezirks ist Bernhard Völker freilich nicht allein. Die Bürgerinitiative Vaihingen ökologisch sozial (Vös) hat mehrere Jahre lang gegen das Projekt gekämpft. Völker ist Mitglied in der Gruppe und regelmäßig bei den Treffen. Dort wurde auch schon über die Entscheidung des Gemeinderats gesprochen. Und dabei seien die Mitglieder zu dem Ergebnis gekommen, dass man den Baubeginn an der Heßbrühlstraße nicht boykottieren werde. „Es wird keine Blockaden geben. Vielleicht steht mal jemand mit einem Transparent da und lässt sich fotografieren. Aber wir sind schon realistisch, und wissen, dass der Allianz-Bau nun kommt“, sagt Völker. Aber das mache die Entscheidung der Kommunalpolitiker auch nicht richtiger. „Die Argumente, die gegen das Projekt sprechen, bleiben.“

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