Die Verbindung von Homosexuellen wollen nicht alle absegnen. Foto: Lichtgut/Verena Ecker

In Stuttgart wird derzeit darüber gestritten, ob Homosexuelle den kirchlichen Segen bekommen sollten. An der Basis werden längst Fakten geschaffen. Zwei Beispiele auf der Filderebene: in Stuttgart-Vaihingen und in Stuttgart-Asemwald.

Vaihingen/Asemwald - Es war die erste Anfrage dieser Art. Und für den Pfarrer Stefan Cohnen war sofort klar, dass er zustimmen würde. Aber so einfach war es nicht. Denn bei der Anfrage Ende 2015 handelte es sich um die Bitte eines Mannes, ihm und seinem Lebenspartner den kirchlichen Segen zu geben. Der Vaihinger Pfarrer musste damals nicht groß überlegen. „Ich halte das für theologisch richtig“, sagt Cohnen. „Und für mich stand fest, dass es in der Kirche sein muss und nicht in irgendeinem Kämmerlein.“ Weil das in der Evangelischen Kirche aber längst nicht alle so sehen, gab es zunächst Gesprächsbedarf.

Im Oktober 2016 wurden die Männer gesegnet

Der Kirchengemeinderat hat sich mit dem Wunsch des homosexuellen Liebespaars befasst, genauso die sogenannten Prälaturbeauftragten und die Kirchengemeinde bei einer Versammlung. Mit dem Resultat: Im Oktober 2016 haben die beiden Männer den ersehnten kirchlichen Segen bekommen. „Es war den Männern ein großes Anliegen“, berichtet der Pfarrer. Und Cohnens Anliegen wiederum war es, den Männern, aber auch anderen homosexuellen Paaren, zu signalisieren: „Ihr gehört dazu, wir sind offen“, wie der Pfarrer erklärt.

In Stuttgart ist die Debatte um die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare derzeit in vollem Gange. Am 24. Juni ist dies unter anderem Thema beim Studientag der Synode der Landeskirche. Im Vorfeld wirbt die Stuttgarter Prälatin Gabriele Arnold mit deutlichen Worten für mehr Toleranz in ihrer Kirche. Der Bischof Frank Otfried July wiederum gibt sich in der Diskussion zurückhaltend. Dass am 24. Juni etwas Wegweisendes in dieser Frage entschieden wird, gilt als unwahrscheinlich. An der Basis werden derweil längst Fakten geschaffen.

13 der 66 Gemeinden in Stuttgart machen mit

Zu diesen Fakten gehört die Initiative Regenbogen; Gemeinden, die sich anschließen, wollen damit sagen: Homosexuelle Paare sind willkommen, sie können sich in der Gemeinde segnen lassen, und auch Personal in der Gemeinde, einschließlich Pfarrern, müssen eine gleichgeschlechtliche Liebe nicht verstecken. In Stuttgart gehören mittlerweile 13 der 66 evangelischen Gemeinden zur Regenbogen-Initiative – seit Kurzem auch die Gemeinde in Stuttgart-Vaihingen, und schon etwas länger die Gemeinde im Asemwald.

Im Asemwald war es Christel Hildebrand, die den Stein vor ein paar Jahren ins Rollen gebracht hat. Die Pfarrerin im Ruhestand, die nach wie vor im Kirchengemeinderat sitzt, ist selbst mit einer Frau liiert. Die Asemwalder Pfarrein Claudia Weyh hat die Idee aufgegriffen, sich den Regenbogen-Gemeinden anzuschließen und dem Kirchengemeinderat vorgeschlagen. Ohne dass sich bisher je ein homosexuelles Paar wegen einer Segnung gemeldet hätte. Weyh sieht darin vielmehr ein grundsätzliches Zeichen für mehr Toleranz, wie die Pfarrerin sagt.

In Schönberg bekam die Pfarrerin eine Abfuhr

Im Asemwald wurde kaum darüber diskutiert, ob die Gemeinde zur Regenbogen-Initiative dazustoßen sollte. Fast alle waren dafür. „Es war ein Selbstläufer“, sagt Weyh. Ganz anderes galt indes für ihre zweite Gemeinde – die in Schönberg. Da hat die Pfarrerin dem Kirchengemeinderat den Vorschlag ein Jahr später unterbreitet, „und dort bin ich gescheitert“, sagt sie. „Die Konservativen haben sich durchgesetzt.“

Friedbert Baur, geschäftsführender Pfarrer in Sillenbuch, würde sich sicher ungern als konservativ abstempeln lassen, nur weil er seine Gemeinde nicht als Teil jener Initiative sieht. Die Debatte in der Stadt habe er zur Kenntnis genommen, sagt er. Aber: „Es gibt so viele wichtige Themen“, sagt der Pfarrer. Die Segnung von schwulen und lesbischen Paaren stehe für ihn nicht oben auf der Agenda. Er wirbt dafür, verschiedene Meinungen zuzulassen und nicht jene schief anzuschauen, die gleichgeschlechtliche Paare nicht segnen wollen. „Man kann sich nicht überall einig sein“, sagt Baur. Für ihn ist das Menschenbild von Mann und Frau als Paar vorherrschend, deshalb sei es für ihn aus theologischer Sicht nicht möglich, zwei Männer oder zwei Frauen zu segnen.

Der Sillenbucher Pfarrer wirbt für die heterosexuelle Ehe

Verwehren würde sich der Pfarrer der Diskussion allerdings nicht. „Aber die Initiative sollte aus der Gemeinde kommen“, sagt Baur. Er selbst ist weder in Sillenbuch noch bei seiner vorherigen Pfarrstelle in Norwegen von einem homosexuellen Paar jemals um seinen Segen gebeten worden. Wenn die Frage käme, „würde ich es wohl eher nicht machen, aber ich würde darüber nachdenken“. Aus seiner Sicht ist es wichtiger, für heterosexuelle Ehen zu werben. In der Sillenbucher Kirche geben sich kaum Paare das Ja-Wort. Drei bis vier seien es pro Jahr, sagt Friedbert Baur. Er würde sich freuen, wenn es mehr würden. Als Pfarrer möchte er zudem helfen, dass die Ehen langfristig halten und die Scheidungsrate wieder zurückgeht.

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