Die Verantwortung für den Betrieb in andere Hände zu übergeben, fällt vielen Seniorchefs schwer. Symbolfoto: dpa Foto:  

Jahr für Jahr steht bei rund 30 000 Unternehmen in Deutschland der Generationswechsel an, weil ihre Eigentümer aus persönlichen Gründen aus der Geschäftsführung ausscheiden.

Untertürkheim - F ruchtsaft Mayer, Autohaus Krautter, Weingut Zaiß, Firma Gröber – diese Unternehmen in den Oberen Neckarvororten blicken auf eine langjährige Tradition zurück und wurden von Generation zu Generation weitergegeben. Es sind Positivbeispiele einer gelungenen Betriebsnachfolge. Aber die ist keinesfalls ein Selbstläufer – auch nicht in familiengeführten Unternehmen.

Jahr für Jahr steht bei rund 30 000 Unternehmen in Deutschland der Generationswechsel an, weil ihre Eigentümer aus persönlichen Gründen aus der Geschäftsführung ausscheiden, so das Institut für Mittelstandsforschung Bonn. „Es wird aber zunehmend schwerer, für kleine und mittlere Firmen Nachfolger zu finden“, weiß Thomas Schmitt, Moderator für Unternehmensnachfolge bei der Handwerkskammer Region Stuttgart. Seit sieben Jahren berät er Interessierte, die in nächster Zeit einen Betrieb übergeben oder übernehmen möchten. Das Angebot ist dank der Fördermittel aus dem europäischen Sozialfonds für die Interessenten kostenfrei – und wird laut Schmitt auch immer stärker nachgefragt. Jährlich bearbeite er 60 bis 80 neue Fälle. Hinzu kämen noch zahlreiche laufende Prozesse. Denn: „So ein Übergabeprozess kann sich schon mal drei, vier, fünf Jahre hinziehen.“

Familieninterne Übergabe wird seltener

Auf weniger Arbeit braucht er nicht zu hoffen. Bei jedem dritten der rund 29 000 Handwerksbetriebe in der Region stehe in den kommenden Jahren eine Veränderung an, weil die Inhaber heute 55 Jahre und älter seien. Eine familieninterne Übergabe ist laut Schmitt nach wie vor die Wunschlösung der Eigentümer, aber das funktioniere nur noch bei etwa 40 Prozent. Söhne und Töchter würden zunehmend eigene Wege gehen wollen, anstatt den elterlichen Betrieb zu übernehmen. „So ein Unternehmerleben mit einer Sechseinhalb-Tage-Woche ist für viele junge Menschen nicht erstrebenswert.“

60 Prozent der Firmen werden bereits von externen Nachfolgern übernommen. Doch auch hier gestalte sich die Suche in Zeiten des Fachkräftemangels schwierig. Der Grund: Es gibt zu wenig qualifizierte Personen am Markt. Und auch die Wirtschaftsstärke der Region macht sich bemerkbar: „Die Firmen konkurrieren mit vielen attraktiven, gut bezahlten Arbeitsplätzen in der Region“, kennt Schmitt die Situation. Und wer doch den Schritt in die Selbstständigkeit wage, denke nur selten an die Möglichkeit, einen bestehenden Betrieb zu übernehmen oder sich an einem zu beteiligen.

Hohe emotionale Bildung an den Betrieb

Schmitt räumt auch ein: Es sei oft nicht leicht für Einsteiger, eine Firma zu übernehmen. „Viele Inhaber können nur schlecht loslassen. Sie haben meistens eine sehr hohe emotionale Bindung an ihren Betrieb.“ Nicht selten würden sie zu spät damit beginnen, sich mit einer Übergabe auseinanderzusetzen. Manche Firmeninhaber kämen erst mit Ende 60 zu ihm, um sich zu informieren. Dabei wäre ein zeitlicher Vorlauf wichtig. Denn einen Betrieb zu übergeben, sei ein komplexer Prozess und wolle gut vorbereitet sein, sagt Schmitt.

Einer Studie der Industrie- und Handelskammer (IHK) Region Stuttgart zufolge stehen in der Region Stuttgart jährlich über 3300 Unternehmen etwa im Gastronomie- und Hotelgewerbe, im Einzelhandel und der Dienstleistungsbranche vor der Übergabe – Tendenz steigend. „Das Thema Nachfolge ist elementar“, betont der IHK-Experte Michael Weißleder. Es seien immerhin rund 56 000 Arbeitsplätze pro Jahr davon betroffen. Allein 100 Einzelgespräche mit Seniorchefs haben die Nachfolgeberater der Kammer in der Region Stuttgart im vergangenen Jahr geführt, 14 Informationsveranstaltungen mit 550 Teilnehmern durchgeführt. „2018 werden die Zahlen ähnlich hoch sein.“ Regelmäßig bietet die IHK zum Beispiel einen „Nachfolger-Club“ für Nachfolgeinteressierte sowie Seminare zum Thema Unternehmensverkauf und Nachfolge an. In erster Linie würden sich Firmeninhaber an die Kammer wenden. Ihre Zahl übersteigt die von interessierten Übernehmern deutlich. Eine Möglichkeit, potenzielle Betriebsnachfolger zu finden, biete die bundesweite Unternehmensbörse „nexxt change“. Rund 130 Angebote und Gesuche für die Region Stuttgart betreut alleine die IHK derzeit.

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