Volker Schirner leitet das Foto: /Verena Ecker

Mit den hohen Temperaturen steigt auch die Waldbrandgefahr. Eine Sperrung der Grillstellen ist aber noch nicht erforderlich, sagt Volker Schirner, Leiter des Garten-, Friedhofs- und Forstamt.

Untertürkheim - In einigen Regionen Deutschlands – vor allem in Mecklenburg-Vorpommern – müssen Feuerwehr und Einsatzkräfte große Waldbrände bekämpfen. Doch die Trockenheit, der Wassermangel und die warmen Temperaturen wirken sich auch in Stuttgarts Wäldern aus. Viele Bäume haben Stress. Volker Schirner, der Leiter des Garten-, Friedhofs- und Forstamts der Stadt, erläutert im Interview, wie die Landeshauptstadt Stuttgart kurz- und mittelfristig auf die Auswirkungen der Klimaveränderungen reagiert.

Wie wirken sich die Trockenheit und die warmen Temperaturen der vergangenen Tage in Stuttgarts Wäldern aus? Besteht bereits wie in Mecklenburg-Vorpommern Waldbrandgefahr?

Auch in Stuttgart wirkt sich die anhaltende „Schönwetterperiode“ auf den Wald aus – unter anderem steigt auch langsam die Waldbrandgefahr. Für das vergangene Wochenende gab es einen Anstieg auf die Gefahrenstufe 4 auf der insgesamt 5-stufigen Skala. In diesem Zusammenhang erneuert das Garten-, Friedhofs- und Forstamt den grundsätzlichen Aufruf zum vorsichtigen Umgang mit offenem Feuer beim Grillen an den einzelnen Feuerstellen im Wald.

Wie begegnet das städtische Forstamt diesem Risiko? Werden die offiziellen Grillplätze gesperrt?

Eine Sperrung der Grillstellen ist in der aktuellen Waldbrandgefahrensituation noch nicht erforderlich. Wir behalten den weiteren Witterungsverlauf allerdings kritisch im Auge und ergreifen gegebenenfalls Maßnahmen. Wir rufen aber alle Bürgerinnen und Bürger zu erhöhter Achtsamkeit und Einhaltung des Feuerverbots auf. An unseren Grillstellen sollten alle darauf achten, dass das Feuer immer beaufsichtigt ist, kein Funkenflug entsteht und das Feuer vor Verlassen zuverlässig gelöscht wird. Außerdem gilt im Wald ein generelles Rauchverbot von März bis einschließlich Oktober.

Worauf sollen Spaziergänger, Jogger, Radler und andere Nutzer der Wälder zurzeit achten?

Generell sollten Spaziergänger und andere Nutzer keinen Abfall vor Ort lassen, also auch keine Glasscherben, die in Verbindung mit der Hitze als Brennglas ein Feuer entfachen können. Das Feuermachen ist im Wald generell verboten. Eine Ausnahme besteht lediglich an den offiziellen Feuerstellen auf den Grillplätzen. Das Grillen in mitgebrachten Grillgeräten oder Lagerfeuern ist im Wald ebenfalls verboten.

Wie wirkt sich die Trockenheit auf die Bäume aus?

Generell äußert sich der Klimawandel in einer Verlängerung der Vegetationszeit.

Gibt es einen Vegetationsvorsprung?

Verlängerung der Vegetationszeit bedeutet, dass die Bäume zunächst früher austreiben. Insgesamt ist die Natur „früher dran“. Wenn die Witterung es zulässt, behalten die Bäume im Herbst auch die Blätter länger an den Bäumen. Hier kann jedoch eine extreme Trockenphase – wie im vergangenen Jahr - auch einschränkend wirken.

Werden dadurch auch größere oder mehr Früchte ausgebildet?

Wie erfolgreich die Bäume Früchte ausbilden, hängt von vielen Faktoren ab. Dies wird noch im Jahreslauf weiter zu beobachten sein. Ein starker Fruchtanhang belastet die Bäume unter Umständen zusätzlich, wenn weitere Stressfaktoren wie Trockenheit hinzutreten.

Welche Baumarten haben denn besonders Stress?

Seit letztem Jahr haben alle Baumarten „Stress“, kommen mit diesem aber unterschiedlich gut zurecht. Bei den Fichten ist dies besonders augenfällig, weil sie in Trockenperioden nicht so gut Harz bilden können und sich somit auch nicht gegen den Borkenkäfer zur Wehr setzen können. Augenfällig ist in diesem Jahr auch das verbreitete Absterben von Buchen in Folge der extremen Dürre des vergangenen Jahres. An den aktuellen Problemen dieser Baumart, die bislang für den Stuttgarter Wald als natürlicherweise dominierende Hauptbaumart galt, zeigt sich der Klimawandel vielleicht am deutlichsten.

Besteht die Gefahr, dass bei Stürmen sonst dürre Äste oder Kronen abbrechen und Spaziergänger gefährden?

Es ist richtig, dass in der Folge des verbreiteten Absterbens von Bäumen oder einzelnen Kronenteilen diese später umstürzen oder herunterfallen können. Innerhalb des Waldes, auch entlang der Wege innerhalb des Waldes, gelten diese Gefahren als „waldtypische Gefahren“. Sie sind beim Betreten des Waldes als Restrisiko hinzunehmen. Auch abseits dieser rechtlichen Betrachtung wäre es faktisch unmöglich, auf der gesamten Waldfläche derartige Gefahren zu beseitigen.

Müssen Ihre Forstmitarbeiter dennoch zur Zeit mehr kontrollieren und unter Umständen auch kranke Bäume entfernen?

Unsere Aufgabe ist aber, die öffentlichen Verkehrswege und die Waldränder zu sichern. Und hier haben wir in der Tat durch diese Entwicklung ein massives Problem. Überall in den Waldrändern auch entlang der Straßen stehen tote Bäume, die nun aufwendig entfernt werden müssen, bevor sie den Verkehr gefährden. Das bindet Personal und Finanzmittel, die dann an anderer Stelle fehlen. Das Amt hat daher die Aufstockung unserer Ressourcen für diesen Bereich beantragt und hofft, dass der Gemeinderat entsprechende Beschlüsse fassen wird.

Führt der durch die Trockenheit ausgelöste Stress auch zu erhöhten Befall von Schädlingen wie Borkenkäfer, Spinnerlarven, Läuse? Werden wir uns deshalb langfristig von betroffenen Baumarten verabschieden müssen?

Borkenkäfer profitieren unmittelbar vom Trockenstress der Bäume und breiten sich – bei allen Baumarten – derzeit stark aus. Die Populationsdynamik insbesondere blattfressender Schmetterlingsraupen ist dagegen komplexer, aber generell profitieren Arten wie der Eichenprozessionsspinner auch vom Klimawandel. Ein zu Absterbe-Erscheinungen führender Befall von Blatt- oder Rindenläusen wäre mir aus Stuttgart derzeit nicht bekannt.

Muss in Stuttgarts Wälder wegen sauren Böden auch – wie im Schurwald – gekalkt werden?

Das wird in diesem Jahr untersucht – wir ziehen Bodenproben und lassen diese von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt untersuchen und bewerten. In Abhängigkeit von den Ergebnissen werden wir über eine Waldkalkung in den Folgejahren entscheiden. Die Ergebnisse werden aber nicht vor Ende des Jahres 2019 vorliegen.

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