Das gelbe Ungetüm. Die Fräse frisst sich in den Untergrund Foto: Steegmüller

Im gesamten Stadtgebiet werden derzeit 85 wackelige Gullys ausgetauscht.

Untertürkheim - Claus-Dieter Haenlein blickt immer wieder auf seine Uhr. In wenigen Minuten gilt die Nachtruhe in Stuttgart. Für ihn ist jedoch noch nicht Zeit, ins Bett zu gehen. Für ihn ist es der Startschuss, um mit seinem Team in der Benzstraße zwischen Bad Cannstatt und Untertürkheim loszulegen. Endlich springen die Zeiger auf 22 Uhr. Ab jetzt darf die Münchner Firma, die sich auf den Austausch von wackeligen und damit polternden Kanaldeckeln beziehungsweise Rahmen spezialisiert hat, bis 5 Uhr morgens eine „wandernde“ Nachtbaustelle einrichten. Insgesamt werden bis kommenden Donnerstag im gesamten Stadtgebiet, unter anderem in Wangen, Hedelfingen und Stuttgart-Ost, 85 Stück ersetzt.

Das gelbe Ungetüm

In Windeseile werden Warnbaken aufgestellt und eine Fahrspur abgesperrt. Mehrere Scheinwerfer, die an Teleskopstangen montiert sind, leuchten die Straße aus. Wie bei einem Boxenstopp in der Formel 1 sitzt jeder Handgriff. Statt eines Rennboliden kommt nun jedoch ein gelbes Ungetüm zum Einsatz. Ein Baufahrzeug, an dessen verlängertem Arm eine riesige Fräse sitzt. Zunächst wird mit ihr der alte Kanaldeckel samt Rahmen aus dem Boden geschnitten, wenig später der neue eingesetzt und die Lücke sauber verschalt. „Genau in diesen Schritten steckt viel Know-how“, sagt Haenlein. Zum Einsatz kommt beispielsweise ein extrem fließfähiger Mörtel, der frost- und salzbeständig ist. Die Heißvergussmasse, die den Abschluss zur Fahrbahnoberfläche darstellt, lässt er aus England importieren. „In Deutschland habe ich kein vergleichbares Produkt gefunden.“

Konische Fräse

Das Besondere an Haenleins Technik ist jedoch der verbaute Schachtrahmen, auf dem der Kanaldeckel liegt. Die Außenwände verlaufen nicht wie bei herkömmlichen Modellen gerade, sondern konisch. Dazu hat er eine Fräse entwickelt, die sich mit aufgesetzten Pratzen schräg in den Asphalt gräbt. Die Idee sei ihm beim Betrachten seines kegelförmigen Badewannenstöpsels gekommen. Der Vorteil: Rollt ein tonnenschwerer Lastwagen über den Deckel, lastet der Druck nicht nur an der schmalen Unterseite des Rahmens, sondern verteilt sich auf die schrägen Außenwände.

Fünf Jahre Garantie

Fünf Jahre hat der technische Kaufmann alleine in die Entwicklung gesteckt, ehe er 2002 zum ersten Mal im Münchner Westen seinen neuartigen Gullydeckel verbauen durfte. „Die Stadtverwaltung hat ihn ein halbes Jahr, über den Winter, beobachtet und dann 200 weitere bestellt.“ Mittlerweile hat er 3000 Stück in der bayrischen Landeshauptstadt verbaut. Der 68-Jährige ist von seinem Produkt so überzeugt, dass er fünf Jahre Garantie anbietet – üblich bei solchen Sanierungen sind zwei. Eine kalkulierbare Kulanz: Sein erster Gullydeckel in München musste auch nach 17 Jahren noch nicht ausgetauscht werden. Kein Wunder ist er bundesweit in Rathäusern ein gefragter Ansprechpartner. 2016 war er mit seinem Team auch schon einmal in Stuttgart zu Gast. Weil die Schwaben jedoch nicht die Katze im Sack kaufen wollten, wurden zu Versuchszwecken zunächst nur neun Kanaldeckel in der Innenstadt ausgetauscht.

Ausgeklügeltes System

Das Ergebnis habe überzeugt, sagt Markus Lieber vom städtischen Tiefbauamt, zuständig für den Bereich Neckar. „Die Qualität ist einwandfrei.“ Ein großer Vorteil sei auch die Geschwindigkeit, mit der Haenlein und sein Team arbeiten würde. Mit dem klassischen Verfahren sei der Tausch von drei Kanalrahmen am Tag möglich. In der Benzstraße wurden 14 in einer Nacht ausgewechselt. „Es ist ein ausgeklügeltes System, das über die Jahre immer weiter verbessert wurde.“ Dabei spielt auch keine Rolle, dass in der Landeshauptstadt 70 Prozent der Rahmen eckig sind. „Als wir 2016 nach Stuttgart kamen, waren wir schon etwas überrascht. In München haben wir nur runde“, sagt Haenlein. Kein Problem für den Tüftler, der kurzerhand eine weitere „Reiß-Raus-Maschine“ entwickelt hat.

Keine Flickschusterei

1800 Euro netto kostet der Einbau des konischen Rahmens, rund 50 Prozent mehr als die Standardvariante. Mehrkosten, die sich schnell amortisieren können – wie man in der Cannstatter Waiblinger Straße sieht. Dort hatten sich drei herkömmliche Kanalrahmen schon kurz nach dem Einbau gelockert. Das Tiefbauamt hat jedoch auf die Gewährleistung verzichtet. Statt sich auf eine Flickschusterei einzulassen, rückten auch dort die Münchner Spezialisten an. Mit dem ursprünglich tätigen Unternehmen habe man sich auf eine Kostenteilung geeinigt.

„Dann haben wir dort hoffentlich für lange Zeit Ruhe“, so Lieber, der große Hoffnung in die Arbeit von Claus-Dieter Haenlein setzt. Schließlich kriege man viele Anrufe von Bürgern. „Sie beschweren sich, dass sie nachts aus dem Schlaf gerissen werden, weil die Gullydeckel klappern.“

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