Das Dulkhäusle in Esslingen: In diesem Häuschen, 2011 neue aufgebaut, hatte sich Albert Dulk im Sommer zum Schreiben zurückgezogen. Foto: Peter-Michael Petsch

Albert Dulks Geburtstag jährt sich im Juni zum 200. Mal. Der wortgewandte Lebemann fiel durch subversives Gedankengut und einen freizügigen Lebensstil auf. Seine letzten Jahre verbrachte er in Untertürkheim. Dort erinnert man an ihn.

Untertürkheim - Albert Dulk war ein attraktiver Mann: 1,88 Meter groß, gut aussehend, mit stahlblauen Augen, langen Haaren und gepflegtem Bärtchen, sportlich und wortgewandt. Er war Freidenker, Naturwissenschaftler, Revolutionär, Sozialdemokrat, Philosoph, Schriftsteller, Orientreisender, Sportler und Frauenliebling – kurzum eine schillernde Persönlichkeit. Ausgerechnet im beschaulichen Untertürkheim verbrachte er seine letzten Lebensjahre. Sein Wohnhaus in der damaligen Jakobstraße 1 steht zwar nicht mehr, der Bürgerverein Untertürkheim erinnert aber auf einer Gedenktafel an gleicher Stelle in der heutigen Schlotterbeckstraße an den berühmten Einwohner. Als Dulk im Jahr 1871 hierher zog, hatte er bereits ein sehr bewegtes Leben hinter sich.

Albert Friedrich Benno Dulk wurde am 17. Juni 1819 als Sohn einer wohlhabenden Familie in Königsberg geboren. Er sollte in die Fußstapfen seines Vaters treten, machte eine Apothekerlehre und studierte Chemie in Leipzig, wo er Kontakte zu Freidenkern und zu demokratisch gesinnten Studenten knüpfte. Wegen seiner Rede bei der Beerdigung der Gefallenen des „Volkskrawalles“ 1845 wurde er aus Sachsen ausgewiesen. Im Anschluss kehrte er zurück nach Königsberg, arbeitete als Autor und gründete einen Arbeiterbildungsverein, um sich an der Deutschen Revolution 1848/1849 zu beteiligen. Nachdem diese jedoch scheiterte, zog es ihn weg aus Preußen. Über Österreich und Italien gelangte er bis in den Orient. Dulk bereiste nahezu mittellos Ägypten, befuhr den Nil auf Segelbooten der Fellachen und lebte unter den Einheimischen. Nach einer abenteuerlichen Wüstendurchquerung hielt er sich einige Monate auf dem Sinai als Eremit auf. 1850 kehrte er nach Europa zurück und lebte mit seiner Familie – seiner Ehefrau und den beiden Lebensgefährtinnen sowie den drei Söhnen und der Tochter – in einer einsamen Berghütte in den Schweizer Bergen.

Den Bodensee durchquert

Vier Jahre später zog er nach Stuttgart, um Anschluss an das literarische Leben der Verlagsstadt zu finden. Obwohl er mit seinen zahlreichen Schriften und Stücken nie wirklichen Erfolg hatte, war er populär. Was nicht nur seinem unkonventonllen Liebesleben geschuldet war, sondern auch dem ebensolchen Lebensstil: Dulk lief gern barfuß herum und schwamm bei jeder Wetterlage im Neckar. Mit 46 Jahren durchquerte er als erster Mann den Bodensee an seiner breitesten Stelle zwischen Romanshorn und Friedrichshafen – in sechseinhalb Stunden.

Albert Dulk, dessen Herz zeitlebens für die kleinen Leute schlug, ist seiner Gesinnung immer treu geblieben. Wegen ihres subversiven Gedankenguts wurden seine öffentlichen Vorträge zeitweise gar verboten. Einen Namen machte sich der bekennende Atheist als Mitglied der Stuttgarter Freidenkergemeinde und als Mitbegründer der Sozialdemokratie in der Stuttgart. Er kandidierte bei zwei Landtags- und Reichstagswahlen und verzichtete später, trotz der guten Wahlergebnisse, auf eine erneute Kandidatur, weil ihm der Rückhalt fehlte – auch als Parteifunktionär blieb er ein unbequemer Querdenker. Mit seiner ablehnenden Einstellung gegenüber Obrigkeit und Kirche eckte er immer wieder an, was auch zwei Gefängnisaufenthalte zur Folge hatte.

Symbolfigur der Sozialdemokratie

Am 29. Oktober 1884 starb Albert Dulk im Alter von nur 65 Jahren an einem Herzanfall, als er gerade den Zug von Stuttgart nach Untertürkheim besteigen wollte. Seine Beerdigung wurde zur größten Demonstration der Stuttgarter Arbeiterbewegung unter dem Sozialistengesetz. Knapp ein Jahr später fand vor dem sogenannten Dulkhäuschen bei Esslingen eine Gedenkfeier statt. Das kleine Waldhäuschen, in das sich Albert Dulk ab 1880 im Sommer zum ungestörten Arbeiten und Schreiben zurückgezogen hatte, entwickelte sich zu einem Kundgebungs- und Versammlungsort für die württembergischen Sozialdemokraten – bis zum Ersten Weltkrieg. Danach, erst recht in der NS-Zeit, verlor sich die Erinnerung an die Symbolfigur der Sozialdemokraten und den Freidenker.

Es ist unter anderem dem Bürgerverein Untertürkheim und den Naturfreunden zu verdanken, dass Albert Dulk dem Vergessen entrissen wurde. Beide hatten sich dafür eingesetzt, dass die Stadt Stuttgart 2003 im Lindenschulviertel eine Straße nach ihm benannte – nachdem die bereits 1920 dem Freigeist gewidmete Straße 1933 von den Nationalsozialisten umbenannt worden: Heute heißt sie Türkenstraße. 2016 hat der Bürgerverein zudem den Albert-Dulk-Preis ins Leben gerufen, der in diesem Jahr zum zweiten Mal verliehen wird. Und auch die Esslinger zogen nach: Das „Dulkhäusle“ in der Römerstraße wurde 2011 komplett neu aufgebaut.

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