Die Uni Hohenheim will Nutztiere bis in den kleinsten Mikroorganismus erforschen – und im Zusammenspiel mit Tierwohl, Welternährung und Klima. Mit ihrem neuartigen Ansatz konnte sie bundesweit punkten und darf ein 52-Millionen-Euro-Projekt in einem Hightech-Bau umsetzen.
„Braucht man überhaupt noch Nutztierhaltung?“ – „Und Tierversuche?“ Mit diesen Fragen und zweimal einem klaren Ja hat der Hohenheimer Unirektor Stephan Dabbert den Fokus auf einen Forschungsschwerpunkt gelegt, für den sich die Uni bereits vor zehn Jahren entschieden hatte: nämlich dem komplexen Wechselspiel zwischen Nutztieren und den Millionen Mikroorganismen in ihrem Verdauungstrakt auf den Grund zu gehen. Das wird künftig auf Hightech-Level möglich werden. Am Montag war im Meiereihof auf dem Hohenheimer Campus Grundsteinlegung für ein neuartiges Forschungszentrum.
Hightech-Park für Großgeräte
Unter dem Namen HoLMiR (Hohenheim Center for Livestock Microbiom Research) entstehen auf dem Campus zwei Gebäude: Das Labor- und Institutsgebäude, das hinter dem Biobau emporwächst, soll einen Hightech-Park an Großgeräten beherbergen. Dazu gehört unter anderem ein Laser-Scanning-Mikroskop, das die dreidimensionale Strukturanalyse von Körpergewebe ermöglicht. Dieses Gebäude soll die notwendigen Voraussetzungen für Genanalysen von Zellproben bis zur Simulation von Körpervorgängen in künstlichen und echten Organen bieten.
Infrastruktur für 250 Nutztiere
Von Gebäude Nummer zwei steht im Meiereihof bereits der Rohbau. Dort entsteht die tierexperimentelle Einheit. Sie soll Infrastruktur und temporäre Unterbringung für bis zu 250 Rinder, Schafe, Schweine und Geflügel schaffen und somit Untersuchungen am kompletten Organismus in einer neuen Detailtiefe ermöglichen. Highlight seien die Respirationskammern. Diese ermöglichten erstmals, die Stoffwechselleistung im Tier zu messen, erklärte Jana Seifert, die das Fachgebiet Funktionelle Mikrobiologie bei Nutztieren leitet. „Das geht nur in Respirationskammern. Da werden alle Emissionen des Tieres gemessen – von der Atmung bis zum Pups.“
Man werde die Versuchstiere mit unterschiedlichem Futter füttern und dann ihren Methanausstoß messen, so Markus Rodehutscord, Leiter des Fachgebiets Tierernährung. Auch aus den genetischen Eigenschaften und der Bioinformatik könne man Rückschlüsse ziehen: „Ist ein Futterinhaltsstoff besonders entscheidend? Oder richtet sich der Methan-Ausstoß nach der Rasse? Sind bestimmte Mikroorganismen dabei besonders wichtig und beeinflussbar?“
Im Exzellenzwettbewerb gepunktet
Insgesamt rund 52 Millionen Euro lassen Bund und Land für die Gebäude springen. Hinzu kommen drei Millionen Euro für die Erstausstattung und vier Millionen für Großgeräte. Dass sich der Bund mit 23,3 Millionen Euro beteiligt, darüber freue man sich in haushaltspolitisch herausfordernden Zeiten besonders, sagte Finanz-Staatssekretärin Gisela Splett. Den Zuschlag hatte Hohenheim erhalten, nachdem seine Forscher in einem bundesweiten „Exzellenzwettbewerb härtester Kategorie“ punkten konnten, wie Dabbert berichtete. Als „hochrelevant und zukunftsweisend“ stufte auch Hans J. Reiter, Amtschef im Wissenschaftsministerium, die Mikrobiomforschung an Nutztieren ein, zumal Hohenheim damit bundesweit und international ein Alleinstellungsmerkmal habe. Zugleich sei dies ein wichtiger Beitrag zur Ernährungssicherung, gerade auch unter dem Vorzeichen begrenzter Ressourcen. Konkret gehe es auch darum, Tierversuche, Methanausstoß und Antibiotikaeinsatz zu reduzieren. Das sei ganz im Sinne der Landesregierung.
Weshalb Tierversuche nötig seien
Eine Landwirtschaft ohne Nutztierhaltung hält Dabbert auch künftig „nicht für realistisch“. Denn zwei Drittel der landwirtschaftlichen Flächen seien Grasflächen und nur über Tiere zu bewirtschaften. Und um Tierversuche werde man auch künftig nicht herumkommen, räumte der Rektor ein. Allerdings sei auch klar: „Wissenschaftliche Exzellenz allein reicht nicht. Wir müssen der Gesellschaft erklären, was wir hier tun“, so der Rektor. „Man misst Parameter an Tieren, um physiologische Zusammenhänge zu verstehen“, erklärte er. Und es gehe nicht ohne Eingriffe wie etwa Blut abnehmen. „Ja, es gibt Tierversuche, die sind sehr belastend“, so Dabbert weiter. Aber die Uni habe sich in ihren Leitlinien auch selbst verpflichtet, Versuche zu reduzieren und abzumildern – sowie zu Transparenz. Die Leitlinien gingen über die gesetzlichen Forderungen hinaus, und die Art und Häufigkeit der Eingriffe seien auf der Homepage unter www.uni-hohenheim.de/tierversuche nachlesbar.
Breit aufgestelltes Forscherteam
„Wir haben bisher keine institutionell verankerte Mikrobiomforschung“, erklärte Dabbert. Mittlerweile habe man hierzu zwei Professuren und eine Forschungsgruppe der Deutschen Forschungsgemeinschaft eingeworben und eine Plattform aufgebaut, an der zehn Fachgebiete beteiligt seien, etwa mit Fachleuten aus Tierernährung, Mikrobiologie, Genetik, Tierzucht und Verhaltens- und Tierphysiologie. Diese bauten auch Brücken über die Agrarwissenschaften hinaus in die Biologie und die Naturwissenschaften. Künftig soll HoLMiR als Plattform für zehn Arbeitsgruppen und drei Nachwuchs-Forschergruppen mit insgesamt 60 Mitarbeitern dienen. Die Fertigstellung der Bauten werde für das Jahr 2024 angestrebt.
Tierversuche in Hohenheim
Schweregrat
Im Jahr 2020 meldete die Uni Hohenheim insgesamt 3500 abgeschlossene Tierversuche. 89 Prozent davon hatten einen leichten Schweregrad wie Blut abnehmen, 2 Prozent einen mittleren und 1 Prozent einen schweren. Bei 8 Prozent wurden die Versuchstiere getötet.
Versuchstiere
Die häufigsten waren Hühner (66 Prozent), gefolgt von anderem Geflügel (14,3), Mäusen (9,6), Schweinen (6,7), Fröschen (2,2), Ratten (0,9), Schafen (0,3).